Ausgabe 
1.6.1911
 
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Donnerstag den Juni

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Nkoman von.Georg Freiherrn von OmPtedL, (Nachdruck verboten.)

(Fortsetzung.)

Gin äußerer Anstoß lenkte mich ab. Wie es im Leben der Menschen nun einmal ist, wo im Grunde nicht die hroßen Beweggründe uns leiten, sondern Zufälle uns schieben. Mcht nur uns Kleine, auch die Größten. Es bot sich die Gelegenheit, das Haus, das ivir in meiner Gar­nison bewohnten, zu vermieten, unb der Wirt fragte an, da er gehört habe, daß ich den Abschied genommen, vb ich die Miete fortsetzen wolle, sonst wäre die Möglichkeit da, einen Offizier, der in das Regiment versetzt worden sei, in meinen Wertrag ein treten zu lassen.

'Das schreckte mich auf und gab mir jäh die Spann- kraft zurück. Ich konnte das Packen nicht fremden Händen überlassen. Zwar fürchtete ich mich, die Räume wieder- zusehen, in denen ivir glücklich gewesen waren, die Gegen­stände zu finden, die sie in Händen gehabt hatte, aber ich sah ein, es mußte fein. Und meine Rückkehr in die Heimat glich einer Flucht. Ich habe einpacken lasfen mit Windes­eile, und dann bin ich, kaum waren die Koffer geschlossen, auf den Bahnhof gefahren, ohne noch einmal nach dem Grabe zu sehen. Ich wagte es nicht. Ich' wußte, toenni ich hinträte, hielt mich der kleine Hügel für immer zurück, ßä) fürchtete mich.

Pom Zuge aus blickte ich hinüber nach dem Friedhof/ denn wir kamen nahe vorbei. Ich sah die weiße Mauer, sah etwas blinken, ein Kreuz, einen Stein, und dann rauschte die Etsch, die Bäume wehten, betäubend duftete es zum Fenster herein, das ich geöffnet hatte, denn im Abteil des Wagens war es zum Ersticken. Immer mehr entfernte sich der Zug. Dort drüben schaute noch Schloß Lebenberg herüber, auf der anderen Seite erschien noch einmal oben am Berge die Fragsburg, dann verschob sich das Bild, und dürch den heißen Tag, das sengende Dal keuchte der Zug Bozen /entgegen.

Ich sag, in die Kissen gelehnt, in halbem Traum. Mir svar es eigentlich ganz gleich', wohin ich fuhr. Wenn ich schon einmal Meran verließ, vb nach Süden oder Norden, in die Heimat alles ganz gleich. Kein Ort auf der Welt schien mir dem anderen vorzuziehen. Nur ein Bedürfnis empfand ich, so schnell als möglich daheim fertig zu werden. Wer ein Merkwürdiges geschah. Ms ich am andern Morgen in München auf dem Bahnhof frühstückte und, da ich einen Zug überschlug, ein wenig in die Stadt hineinging, tat mir das Lärmen und Brausen her Straßen wohl. An die Stille Merans und des Sterbehauses gewöhnt, blieb ich an einer Ecke stehen und Hieß MM vM, dM. Mercfusch des Merkehts betäuben, W

setzte mich am Maximilianplatz auf eine Bank, müde und lässig, und mir schien plötzlich die ganze Zeit dort unten;, all das Sterben, das Leid wie ein ferner Traum. Es war mir, als läge das alles schon unendlich weit hinter mir, als wäre ich lange, lange, ja fast immer Witwer ge­wesen. 1

Doch während' ich so Gedanken spann, klang mit einem Mal neben mir Marias Stimme, so laut, so deutlich, daß ich 'zusammenfuhr unb mich umwandte. Zwei fremde, gleich­gültige Damen gingen vorüber. Ich hörte, was die eine, die erzählte, redete, unb es war keine Spur von Aehn- lichkeit. Ein Laut, eine Wendung, ein Wort nur mußte so geklungen haben, wie meine Maria sprach, sonst war nicht der geringste Anklang. Doch das Vertrieb mich, und fortan war die Tote wieder an meiner Seite. Es schien mir, als ginge ich mit ihr. An einem Laden blieb ich stehen, wo es Lederwaren gab. Ich wußte, vor der Krankheit hatte sich Maria ein Portemonnaie gewünscht, das sie nachher in Meran nicht mehr haben mochte. Ich wollte mich zur Seite weirden unb fragen:Maria, ist bieses das rechte?"

Ich erschrak, als niemand neben mir stand', erschrak so, daß ich zum Bahnhof eilte, eine Stunde und länger vor der Zeit, um nur bald, wie ich hoffte, allein im Abteil zu sitzen. Ich begriff mich nicht. Das war doch wie eine Vision. Wahrhaftig, ich fürchtete, Dummheiten zu machen. Ich ward erst ruhig, als ich im Zuge saß unb glück­licherweise wirklich allein mich in die Ecke brücken konnte, meinen Gedanken überlassen.

Wo weilten sie? Ist es nröglich, anderwärts als bei ihr? Ach, jenes Vergessen in München, im Lärm der Gassen war nicht die Beruhigung der Zeit, Meß ein Ausspannen des Hirns, das nur noch des einen Gedankens fähig ge­wesen: Maria ist nicht mehr! 9tun sah ich sie vor mir während dieser ganzen entsetzlichen Fahrt. , Sie saß an meiner Seite. Sie lehnte in den Kissen mir gegenüber. Sie beugte sich zu mir, daß ihr schwarzes Haar meine Stirn streifet. Ihr Atem flog mir entgegen, und als ich die Reisetasche öffnete, daß mich ein Buch auf andere Ge­danken bringen sollte, hielt ich beim ersten Griff ihren kleinen Taschenspiegel in der Hand, den sie mir auf der Reise immer zur Aufbewahrung übergab, seitdem' er einmal in ihrer kleinen Tasche zerbrochen worden durch die Brenu- maschine, die darauf gefallen war.

Dann kam ich an in der kleinen Garnison. Ich hatte keinen Wagen bestellt, man sollte nichts wissen von meiner Anwesenheit. Hinten herum schlich ich mich, durch Seiten­gassen, zur Billa, die draußen einsam an der Straße lag. Mit den geschlossenen Läden sah sie ans wie erstorben. Ich rief die Hausmannsfrau. Sie sagte' ein Paar terl- nehmende Worte. Stumm drückte ich ihr zuw Danke bte Hand. Dann trat ich ein. Es war heiß, dumpf in den Zimmern. Der scharfe Geruch des Kampfers schlug mir entgegen. Es sah so nnwohnlich ans in diesen Räumen, mit ihren gbgenomme.nen Vorhängen^ tzyr MaMMgerM