Ausgabe 
31.12.1910
 
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Pmsichg'las, Um den herrlichen Duft einzuatmeu. Adelheid, die Aelteste, schlng Bleigießen vor. Sie meinte es ganz ernsthaft. Mit ihrer: achtzehn Jahren wollte sie die Zu­kunst ein bißchen ergründen. Ernst war auch dafür. Bald aßen alle um die Wasserschüssel, und die blonden und ' »rannen Köpfe rückten eng aneinander, um nichts von dem interessanten Schauspiel zu verlieren. Was für ein hübsches Mädchen die Adelheid geworden war. Das dunkle Haar Umschloß das rosige Gesicht wie der reizvollste Rahmen. Der Vater betrachtete sie heute abend mit prüfendem Mit­leid. Das arme Ding würde sich vielleicht mal ihr Brot Unter sremden Leuten verdienen müssen. Ta war Schön­heit nur ein Hindernis.

Da plötzlich drang Schlittengeläut durch die winter­liche Stille; ganz schwach erst jetzt kam es näher. Der Schnee wirbelte noch immer in dichten Flocken hernieder. Der Gutspächter trat an das Fenster.

Daß die noch ihren Weg finden bei dem Unwetter," meinte er. Da verstummte das Geläut, und gleich darauf wurde die Hausglocke heftig gezogen.Besuch," sagten die Kinder neugierig. Der Vater ging hinaus und kam bald daraus mit einer ganz in Pelz gehüllten Gestalt zurück ins Zimmer.

Es ist der leibhaftige Knecht Rupprecht, Kinder," rief ex.Seht ihn euch mal an."

Seine Frau trat heran, Uni den Gast zu ergründen. Der jagte mit einer lachenden, jungen Stemme aus seinen Umhüllungen heraus:

Sie kennen mich nicht, gnädige Frau? Ich bin Werner Dassewitz und befinde mich auf dem Wege nach Hause. Mein Kutscher und ich dachten schon verloren zu sein, als wir ihr gastliches Licht erblickten. Weiter können wir aber IMcht ohne Gefahr unseres Lebens."

Die Kinder erkannten ihn jetzt auch das war ja wirklich der junge Graf Bassewitz, der Sohn des Gutsherr». Ernst half ihm aus dem Pelz heraus, alles war in Erregung, km es dem Gaste bequem zu machen. Natürlich mußte er da- bleiben Bassewitz war viel zu weit, und bei dem Wetter. . .

Der junge Mann fühlte die Wärme der behaglichen Stube ihn wohlig durchrieseln. Seine freundlichen Augen Musterten jeden einzelnen.

Wie die Meinen gewachsen sind ihr kennt mich wohl kaum noch? Und Ernst zu dem muß ich jetzt! wohlSie" sagen aber Fräulein Adelheid"

Er sah nach den: jungen Mädchen, das eben mit Tellern Und Gläsern hereinkam. Sie wurde glühend rot.

Fräulein Adelheid, als ich Sie das letzte Mal sah, gingen Sie noch in die Schule."

Und Sie waren Student."

Richtig. Seitdem sind Sie aher. . . sehr groß ge­worden," setzte er nach einigem Zögern hinzu.Hübsch ge­worden," wollte er sagen, als er sich noch rechtzeitig besann.

Sie sind gerade rechtzeitig sür den Sylvesterpunsch !gekommen," sagte der Pächter.Der soll Ihnen nach der alten Fahrt schmecken."

Der junge Mann hob das dampfende Glas:Auf Ihr Wohl und den glücklichen Zufall, der mich hierher ver­schlagen hat!" Dabei sah er immerfort Fräulein Adelheid an. Die füllte in ihrer Verlegenheit alle Gläser, auch die der Kleinsten, die längst genug hatten und schlafbedürftig waren.

Dann erzählte Werner Bassewitz, wie er von dem Gute, wo er Landwirtschaft lernte, zu Neujahr habe nach Hause fahren wollen, und in dem Schneetreiben mehrmals den Weg verlor. Er schien aber gar nicht ungehalten darüber zu sein.

Solchen guten Punsch habe ich noch nie getrunken," Sägte er und hielt sein Glas von neuem dem jungen Mädchen jin.Aber, ich sehe, ich habe Sie im Bleigießen ge- tört. Dars ich nicht mitmachen?"

Die Mnder müssen zu Bett," wich Adelheid aus.

Aber nachher, nicht wahr?" suchte er zu überreden. Und dann fiel ihm ein:Sie sollten meine Schwester bald mal besuchen, Fräulein Adelheid. Die ist jetzt zurück aus der Pension und hat noch wenig Verkehr. Wollen Sie Vicht gleich morgen mitkommen nach Bassewitz?"

Das wird schlecht angehen," meinte die Mutter.

Sie kommen alle ich lade Sie alle ein, mit mir zit kommen," bat der junge Mann dringend.

* ..Kw Mnder iubeltey,. Aber Mutter und Adelheid fanden.

es weiser, sie jetzt zu Bett zu bringen. Als der Guts­pächter mit seinem jungen Gaste allein war, sagte dieser: Nicht wahr. Sie kommen? Mein Vater hat ja immer Geschäftliches mit Ihnen zu besprechen besonders zu Be­ginn des Jahres"

Ja," sagte der andere gedrückt,dieses Mal wird es ernst sein."

Wieso?"

Ich werde Ihrem Herrn Vater kündigen müssen, wenn er die Pacht nicht heruntersetzen will."

Nachden: Sie zwanzig Jahre bei uns gewesen sind?"

Jawohl zwanzig Jahre. Die letzten Jahre aber waren so schlecht da wäre es sündhaft gegen meine Kinder gehandelt, wollte ich noch mehr in das Gut stecken." Der junge Mann war ebenfalls ernst geworden.

Mein Vater wird die Pacht heruntersetzen" Er will davon nichts höre::."

Ich werde ihn darum bitten" Werner Bassewitz stammte aus:er darf Sie nicht gehen lasser: ich werde dafür sorgen"

In des anderen Gesicht leuchtete es auf.

Wenn Sie das fertig brächten mit Fleiß und, will's Gott, bessern Jahrei: könnte ich bann wieder hoch­kommen"

Adelheid trat zur Tür herein, und Werner hob sein Glas mit strahlendem Lächeln ihr entgegen.

Wollen Sie nicht mit mir darauf anstoßen, Fräulein Adelheid, daß wir den nächsten Sylvesterpunsch wieder zu- sammerr trinken?"

Und als ihre Gläser aneinander klangen und ihre Blicke sich trafen, fügte er leise hinzu:

Und jetzt wollen wir Blei gießen und sehen, ob das neue Jahr uns das Glück bringt."

Die Werbung.

Eine Neujahrsgeschichte von GeorgPerfich.

Herr Waldemar Müller wachte am Neujahrsmorgen mit einer bitterbösen Laune auf.

Nicht daß er am Silvesterabend zu viel des Guten getan hätte, und nun unter der Stimmung litt, die männiglich init dem Worte Katzenjammer bezeichnet wird behüte! Herr Müller war kein Freund der Punschbowlen und sonstigen berauschende:: Getränke, die beim Jahreswechsel so beliebt sind, er war über­haupt kein Freund der maßlosen Fröhlichkeit, mit denen oie sogenannte Kulturmenschheit das neue Jahr zu begrüßen pflegt.

Während die verehrten Mitmenschen sich im Verwandten- und Bekanntenkreise zütranken und zuprosten oder auf der Straße im dichten Gewühl ihr Vergnügen fanden, säst er still zwischen seknen vier Wänden, schlürfte die üblichen zwei Glas Grog, die er fmifl in k: «tammkneipe zu sich nahm, ganz mutterseelen­allein und noch vor Mitternacht legte er |T.t) in die Kissen, mit rron'chem Bedauern an die Tausende denkend, ^die morgen mit bleischwerem Kopf die Silvestertollheit verwünschen mürben.

Er war klüger! Freilich hatte er es viele Jahre nicht besser getrieben als die unvernünftige Menge, die aus keiner Ersähe rung eine Lehre zog. Aber jetzt war er auch um so konsequenter.

JEeffe Alfred hatte sich die redlichste Mühe gegeben, um ihn zu bewegen, den Abend bei Rechnungsrats mitzuverleben.

Ich habe heute wieder den Rat auf der Straße getroffen," berichtete er,und nochmals läßt er dich bitten, sein Gast zu sein. Er verbürgt einer, gemütlichen Abend. Deinen Grog sollst du haben wie hier oder in der Kneipe und"

Laß man gut sein," unterbrach der Onkel die langatmige Entladung. ,Dem Herrn Rat meinen schönstei: Dank, aber seine Silvesterorgie mache ich nicht mit. Uebrigens kennt er meine Prinzipien und iveiß, daß ich mich davon nicht abbringen lasse."

Prinzipien!" grollte Alfred.Am Silvester kannst du diese stravazietten Sachen schon mal in die Kommode legen. Morgen bai'iit ste wieder herausnehmen und dich damit schmücken."

Nun fuhr aber Herr Muller auf und verbar sich solche nn- gehörgie Bemerkungen. Ein Leichtfuß wie der Herr Neffe habe allerdings keine Grundsätze. Ter laufe ins Blaue hinein, habe vom Ernst des Lebens keine blasse Ahnung, lasse seine Schulden! vom Onkel bezahlen und bilde sich ein, das werde bis ans Ende seiner Tage so bleiben. Tas werde es aber nicht und wenn schließlich die Prinzipien kämen, fei es zu spät.

Diesen kräftigen Rüffel wollte wieder der junge Mann nicht auf sich sitzen lassen. Grundsätze, so erklärte er, habe er jeden­falls, aber gottlob seien sie anderer Att, als die des Onkels. Was dieser unausrottbaren Leichtsinn schelte, sei nur gesunde Lebens-, Seunbe und sie werde ihm keine grämliche Kritik verkümmern, nd was das Schulbenzahlen anlange, so sei es sechs Monate her, daß sein verehtter Herr Vatersbruder für ihn die letzte Schneider», rechnung beglichen Zähe, Seitdem sorge ex für sich selbst, KU$