Ausgabe 
31.12.1910
 
Einzelbild herunterladen

Samstag den 31. Dezember

1910

W L Hl hJ

vm

Silvester.

Nun gef)t her $ßeg zu Ende! An dunkler Sternenucicht!

Erltrahlts zur Jahreswende:

(Sin neues Jahr erwacht!"

Durchs Land die Glocken klingen

Zum Graß dem neuen Jahr, Und holde Engel schwingen Sich erdenwärts und bringen Der Bienichheit ihren Glückwunsch dar!

Hört, wie im frohen Kreise

Die Jugend scherzt und lacht!

Gar manche holde Weise

Dyrchklmgt die stille Nacht;

Des Jahres letzte Stunde!" Tönts laut von Haus zu HauS- AuS tiefstem Herzensgründe Tauscht nun von Mund zu Munde Viel Glück und Heil und Segen aus!

Otto Promber.

Beim Sylvesterpunsch.

Skizze von I. v. Keyserlingk-Kern (Liverpool).

(Nachdruck verboten.)

Der Schnee fegte in großen Stößen über die Felder. Es war ein grimmiges Wetter, das das alte Jahr zu Grabe brachte. Den Gutspächter von Wermsdorf kümmerte es nicht. Er saß schon stundenlang vor seinem Schreibtisch und rechnete. Das Feuer prasselte in dem mächtigen Kachel­ofen, und vom Flur herein zog der Dust frisch gebackener Pfannkuchen. In die Stille des Zimmers drang kein Laut. Die Feder glitt über das Papier. Oft wurde sie nieder­gelegt, und der Schreiber starrte vor sich hin.

Es hilft nichts," murmelte er und grub nervös die Finger in den graumelierten Bart.Ich muß zu Ostern die Pacht kündigen. Der Graf läßt sie nicht herunter trotz der schlechten Ernten. Der ist zu zähe. Wer mehr darf ich nicht hineinbuttern schon der Kinder wegen nicht. Was werden die sagen ihr liebes Werms­dorf . . ."

Er stand auf Und trat an das Fenster. Die wirbeln­den Schneeflocken verwehrten jede Aussicht. Wer das geistige Auge des Mannes sah durch sie hindurch die Felder, auf denen er gearbeitet, das Land, 'baS er wie seine Heimat geliebt hatte.

Zwanzig Jahre vergebliche Mühe," dachte er,und Uun muß ich alles hinwerfen und zusehen, wie ein an­derer kommt und auf meinem Acker weiter baut,"

Dem Hause näherten sich fröhliche Stimmen. In der Dämmerung konnte man ein paar kleine vermummte Ge- stalten erkennen, denen zwei größere voraufgingen.

Die Kinder sie dürfen heute noch nichts merken. Am Sylvesterabend sollen sie noch fröhlich sein. Den Kum­mer erfahren sie früh genug," murmelte er, ging selbst, unt ihnen die Tür zu öffnen und rief in den Hausflur hinaus, wo jetzt ein Getrappel und Gestampf entstand:

Ihr müßt ja bald eingeschneit fein. Wo wart ihr denn?" ,,

In SchulzendorfDer See ist schon zu,, Vater." Da können wir bald Schlittschuh laufen," tönten dre Sttm- men durcheinander. Die beiden Kleinen versuchten, in die Stube zu drängen, ihre Wenteuer erschienen ihnen so furchtbar wichtig. Aber die große Schwester nahm sie bet der Hand: m ,

Erst die Stiefel wechseln. Ihr bringt ja Vater bett ganzen Schnee in die Stube."

Natürlich, er gehört doch zu Sylvester."

Der Primaner Ernst trat in des Vaters Stube. De« lang aufgeschossene Junge mußte sich unter der Tür bücken. Ja, der trat nun auch bald ins Leben der Mann seufzte an dessen Zukunft war zunächst zu denken.

Ich wollte mal mit dir reden, Vater," sagte Ernst. Morgen haben wir schon das neue Jahr, und zu Ostern mache ich mein Abiturium. Da müssen wir uns doch mal klar werden, was dann geschehen soll."

Du sprachst immer von studieren wollen." Der Vater räumte den Schreibtisch auf, unt dem Sohn nicht ins Gesicht sehen zu müssen.

Ich habe mich aber anders besonnen Ich möchte viel lieber Landwirt werden."

Um Gotteswillen", der Vater suchte sich zusammen­zunehmen. Die Kinder sollten ja heute noch nichts mer­ken.Da hat dich wohl der Schulzendorfer See drauf gebracht?"

Ach wo. Es ist doch aber herrlich auf dem Lands du würdest doch auch nirgend wo anders mehr leben! mögen, Vater, nicht?"

Vielleicht muß es doch mal sein."

Gott behüte uns davor. Ich möchte dich immer nur in Wermsdorf wissen."

Es gehört uns nicht."

Das lchadet nichts. Die Pacht kannst du immer davon haben. Und wenn'du mal nicht mehr willst, nehme ich eS/4

Der Gutspächter lächelte: diese sorglose Jugend!

Wir wollen später noch mal über deine Ideen sprechen," sagte er.Jetzt mußt du Mutter helfen den Punsch brauen."

Mit heiteren Gesichtern saßen alle um die dampfende Punschbowle. Selbst der Vater vergaß für Augenblicke seinen Kummer, wenn er die Kinder ansah. Sie hatten alte so strahlende helle Augen, und die Gesundheit leuchtete ihnen von den roten Backen. Die würden überall weiter­kommen . Die beiden Kleinsten tauchten die Nase tief in das!