Ausgabe 
31.10.1910
 
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terbüde schenkte ein dicker Wirt das Bier aus, der Kuchenbäcker Hatte seinen Stand daneben eingenommen, und während die Schu­ler der oberen Klassen würdig ihre Schoppen leerten iüti> die jüngeren begehrlich die Süßigkeiten umkreisten, begannen die Keck­sten in der Mitte zu tanzen. Tas Scheibenschießen, Wurfball!- spielen und die übrigen Vergnügungen waren erledigt. Schon war Wagen nach Wagen aus der Stadt herangerollt und hatte Eltern und Geschwister der Schüler herangebracht, unter denen sich manch tanzlustiges Mägdlein befand. Es war also alle Hoff- Nnng vorhanden, daß der bunte Trubel bald noch bunter ward.

Darf ich mir gestatten, Herr Direktor , . .?" Der Ge­strenge, im Glauben, es sei einer der Zöglinge, wandte sich leut­selig um. Tann jedoch zog auch! er den bekränzten Hut.

Herrgott, Gruber Pardon, Herr Gruber, wo kommen Sie denn her?"

Friedrich Wilhelm Gruber drückte die dargebotene Hand kräftig.

Ich bin hier," sagte er,um zu sehen, was von meinen 'alten Kollegen noch auf der Anstalt existiert."

So, so. Na, viele werden Sie nicht mehr finden, glaub' ich. Wann gingen Sie denn fort?"

Es werden ungefähr zweieinviertel Jahr sein; als ich Pri­maner ward."

Und was treiben Sie denn? Wie geht's, wie steht's? Lie­ber Gott, man hat doch Jfnteresse an den alten Schülern.".

Er zuckte die Achseln.

Je nun, zuerst lernt' ich praktisch die Wirtschaft bei mei­stem Vater und einem Gutsnachbar, unb jetzt bin ich aus dep landwirtschaftlichen Hochschule. In zwei Jahren werd' ich dann wohl für immer auf unserer Scholle sitzen. Und darf ich mich erkundigen, Herr Direktor--"

Tanke, danke. Die alte Leier! Erst haben diese mich ge­ärgert, dann andere und so fort. Sie waren auch d'ruuter, lieber Gruber. Ter Aerger bleibt, die Personen der Aergern- den wechseln nur, nicht die Geärgerten. Das ist Lehrerlos. Na, lassen sich's weiter so gut gehen!"

Und darf man eventuell mittanzen?"

Aber natürlich als alter Schüler! Was denken Sie denn!" '

Mit dem Austausch einiger Dankes- und Abschiedsworte war die Audienz beendet, und Friedrich Wilhelm Gruber suchte nach alten Freunden. ,

Er fand sie auch. Und doch er verlor sie schon ein paar Minuten später von neuem. Ihre Interessen und die seinen wie, himmelweit verschieden sie waren! Was interessierte ihn der Aussall der letzten schriftlichen Arbeiten! Was ihn die gan­zen Schulinterna, die nur den berühren, der selbst noch tag­täglich im alten Milieu steht! Er aber, Friedrich Wilhelm Gru­ber, war seit über zwei Jahren frei, war Hinterm Pfluge gegangen wie ein Knecht und hatte als Student ebensogut in der großen Stadt gelebt. Was sollt' ihm der Krimskrams!

So trennte er sich bald von den einstigen Kameraden. Etlvas weh war ihm doch zu Mut. Wie er sich auf sie alle, auf djas Wiedersehen gefreut hatte! Und nun?

Plötzlich ging ein kurzes Leuchten über sein Gesicht.

Fräulein Eberhardt gnädiges Fräulein!"

Sind Sie es wirklich?" sagte sie., und sah ihn groß an.

-Herr Gruber?"

Ja, der Himbeerdieb! Ich freu' mich, daß Sie mich gleich Erkannten trotz des Bartes, den ich mir zugelegt hab'."

Aber das wird meinen Vater ja auch äußerst interessierest! Wenn ich Sie zu ihm führen darf."

Er machte ein klägliches Gesicht.

Bitte natürlich sehr glücklich ich weiß allerdings kaum, Ihr Herr Vater sich meiner erinnert."

Aber es half nichts. Er mußte mit, mußte dem korpulentem 'alten Herrn die Hand schütteln, mit ihm anstoßen, es sich ge­fallen lassen, daß er aus dem mitgebrachten Futterkorb auch feinen Teil empfing. Und während er selbst, sah er immer nur Trude Eberhardt an. Wie sie zugriff ! Wie kräftig ihre weißen, starken Zähne in das Brot bissen! Eine Pracht war es ! Wenn man die zimperlichen Jungfräulein dagegen hielt, die kaum ein Teeschnittchen in Herrengesellschaft zu nehmen wagtest, um das Retherische möglichst herauszubeißen btr, da könnt' man Trude Eberhardt fast liebgewinnen.

Wagen wir ein Tänzchen?" fragte er dann, als die Musik von neuem einsetzte.Die Erlaubnis dazu hab' ich für alle Fälle schon vorhin erbeten."

Bereitwillig stand sie auf. In festen Zöpfen, die sich nicht rührten, lag ihr aschblondes Haar um den Kopf. Ihr gesundes Gesicht rötete sich! beim Tanze noch mehr.

Wissen Sie, daß ich noch in Ihrer oder auch Sie in meister Schuld sind?"

Woher?" fragte sich

Er umfaßte sie fester.Sie habest noch fünfzig Himbeerest Nut bei mir, die Sie bei Gelegenheit 'essen müssen."

Ja' bei Gelegenheit." Es klang fast spöttisch.

Er wäre beinahe aus dem Takt gekommen.

»Meinen Sie, diese Gelegenheit stellt, sich sticht ein?" Sie schüttelte lächelnd den Kopf;

Hoho, da irren Sie aber, Fräulein Eberhardt, Und ob's Noch zehn Jahre dauert so wahr ich Friedrich! Wilhelm Gru­ber heiße: Sie essen noch einmal wohlgezählte! fünfzig Himbceresti aus unserem Garten.. Das..erlass' ich Ihnen nicht."

Er sührte sie auf den Platz zurück. Aber sie saß kaum', als sie von neuem ausgefordert ward. Diese Primaner, dacht» Friedrich Wilhelm diese Schuljungen! Da tanzen diese grünest Bengels mit solch einem Mädel.

Es paßte ihm gar nicht. Und um seinen Aerger hinabzm- spülen, trank er mit Trudes Vater eine Flasche Rotwein aus. Der Alte wollt' sich nicht lumpen lassen: er gab die andere. Und während Trude von einem Arm in den andern flog, wurden die beiden Herren redselig. '

Wissen Sie was, Herr Eberhardt," sagte Friedrich Wil­helm und schlug auf den Brettertisch, daß die Gläser tanzten Ihre Tochter ist ein famoses Mädel ganz unter uns! Wo haben Sie" nur die Tochter her?"

Aber erlauben Sie mal, mein Lieber! Bin ich nicht ein ganz ansehnlicher Mensch hehe?"

Natürlich, natürlich! Aber gegen Ihre Tochter, weiß der Deubel, kommen Sie nicht auf!"

Der Alte brummte.

Sehen Sie erst 'mal in die Wirtschaft, Gruber na! Ritsch ratsch fertig ist alles! ES istne Wonne zuzusehem Das hat sie von ihrer Mutter selig. Und iver das Mädel 'mal bekommt--"

Der soll seinen Schöpfer preisen," fiel Friedrich Wilhelm mit Inbrunst ein.Kommen Sie, Herr Eberhardt: das muß begossen werden! Also auf auf Ihre Tochter."

Eben kam Trude erhitzt vom letzten Tanz zurück, die Musik schwieg.

Gruber hat dich eben mächtig gelobt," sagte ihr Vater schon mit etwas unsicherer Zunge.Aber mächtig, Trude! Be­dank' dich dafür!"

Sie wurde einen Moment noch röter, Aber dann lachte! sie harmlos.

Das ist hübsch voll Ihnen,"Herr Gruber, und zum Danke"

Sie sprach den Satz nicht aus, aber im Nu war sie hinter ihn getreten, hatte seinen Hut vom Kopfe genommen und sagte:

Zum Danke mache ich Ihnen einen Kranz herum. Sm sind der einzige Herr, der keinen hat!"

Damit war sie lachend in beit Büschen verschwunden.

Ich komme mit!"

Dableiben!" rief sie zurück.

Aber Friedrich Wilhelm gehorchte nicht. Er zwinkerte dem! Alten, der fchläfrig rourbe, zu und trat ein paar Schritt vost der Festwiese iu den Wald hinein.

Da stand sie auch schon und streifte Blätter ab. Es war dämmrig. Schon wurden die Lampions angezündet und schienest wie bunte Monde durch das Laub.

Sind Sie doch da?" sagte sie halb ärgerlich.Na, meinet­wegen. Aber daß ich Ihretwegen nicht aus Eichen klettern kaust, sehen Sie ein. Da tun es wohl auch Haselnußblätter."

Er fah zu, wie ihre Finger gewandt die einzelnen Blätter mittels des Stiels zusammenhefteten. In dem dämmrigen Licht erfchien sie ihm größer als sonst. .

Heißen Sie noch immer ,Juno , Fraulern Eberhardt?

Sie lachte,Mir wird es niemand sagen. Aber es mag schon sein."

Ja, zu meiner Zeit war der Name gang und gäbe. Da war es guter Ton in der Sekunda, Ihnen Fensterpromsnadest zu machen. Und jetzt?". ;

Uebermütig sah sie ihn au.

Jetzt? Aber ich bitte Sie man ist doch alt geworden." lieber neunzehn was?"

Sie seufzte.Was nützt es mir, westn ich's leugne. Da hier haben Sie Ihren Hut. Sieht der Kranz nicht reizend aus?"

Wunderschön. Meinen feierlichsten Dank. Nun hab' ich mir wahrhaftig auf dem Waldfest eine Ehrenkrone verdient, trotzdem ich weder Lehrer noch Schüler bin. Aber Ehrenkronen setzt mast

Das sollen Sie ja auch," erwiderte sie verwundert unb] bog sich nach einem Farnkraut.

Ich? Erlauben Sie! Das ist Pflicht der schönsten Jungfrau,.

Sie hatte ein Blatt zwischen die Lippen genommen.

Suchen Sie sie drüben," gab sie rasch! zur Antwort un8 wollte auf ben Festplatz zurück.

Aber er vertrat ihr lachend den Weg. .

Sie ist schon gefunben. Bitte, bitte, Fräulein Eberhardt.

Was Sie alles wollen," sagte sie mit komischem Seufzer; und Kopfschütteln.Fünfzig Himbeeren soll ich essen, den Kranz soll ich Ihnen aufsetzen Sie sind ein schrecklicher Mensch!"

Dabei nahm sie den bekränzten Hut vorsichtig, daß keins! der Blätter sich löse, in beide Hände, trat vor ihn hin und hob die Arme, um ihm den Gefallen zu tust.

Da mußte der Teufel den sonst so vernünftigen Friedrich Wilhelm Gruber reiten. Denn blitzschnell hatte er die hohe/ kräftige Gestalt umschlungen und sie herzhaft geküßt .

Zu einer Wiederholung des Kusses kam es nicht, denn im Handumdrehen hatte er einen Puff weg, daß er verdutzt lostieß.,