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der Wind- der ungehindert über die weite Fläche schnob, peitschte sie gegen das Fenster.
Ein Gefühl grenzenloser Vereinsamung überkam den ganz allein im Coups erster Klasse Sitzenden. Wie buntm1 war es von ihm gewesen, nicht Paul Kestner von seinem Aufenthalt in Berlin wissen zu lassen! Vielleicht wäre der jetzt auf ein paar Tage mit nach Hause gefahren? Und wie töricht, Helene nicht zu benachrichtigen! Nun würde kein Wagen an der Bahn sein, und sonst wäre Helene sicher dagewesen, ihn abzuholen; er hätte ihre Hand ein paar Stunden früher in der seinen halten können!
(Fortsetzung folgt.)
Aus dem Lchlachtselde von §edan.
Unter dem Titel „Vierzig Jahre nachher" sammelt Jules Clarötie seine Erinnerungen an das Kriegsjahr 1870, unter denen in diesem Augenblick die Schilderung seiner Erlebnisse bei Sedan das größte Interesse erregen wird. Der bekannte französische Schriftsteller erzählt, daß kurz nach der Katastrophe unter den deutschen Befehlshabern und Offizieren der Glaube an einen baldigen Frieden geherrscht habe, daß „die deutsche Armee, glücklich und sogar erstaunt über ihren Sieg, sich auf den Frieden freute und zu den heimischen Herden zurückzukehren gedachte". Er lvurde mit einem Kameraden zusammen von zwei deutschen Ulanen „auf dem Wege aufgegriffen" und in das Hauptquartier des Prinzen Albrecht gebracht. Da er aber nicht als Kombattant au dem Kampfe teilgenommen hatte, so lag keine Veranlassung vor, die Kriegsgefangenschaft aufrecht zu erhalten, und es wurde ihm erlaubt, nach! Belgien zu gehen. Vorher lvurde er jedoch noch vor den Prinzen geführt, der mit ihm zu sprechen wünschte. „Der Prinz frühstückte mit seinem Generalstab in dein großen Saal des Wirtshauses „Zum weißen Roß" in La Chapelle. An den beiden parallel gestellten Tafeln saßen die Osfi- ziere in ihren sauberen Uniformen, elegant trotz ihrer Schmucklosigkeit, nahmen den Kaffee und plauderten. Der Prinz saß auf einem Taburett an der Spitze der linken Tafel und rollte eine'Zigarette zwischen seinen Fingern. Die Offiziere, die ihm zunächst auf der Bank saßen, rückten zusammen, um den Platz neben dem Prinzen frei zn machen. Dieser fragte uns, sanft, ohne einen anderen Akzent gls einen etwas südlichen Tonfall, woher wir kämen, was lvir vor hätten, wohin wir gehen wollten. „Ich glaube nicht", sagte er, „daß ich Sie werde zurückhalten müssen, man wird Ihnen sogleich in meinem Generalstab einen Passierschein geben. Uebrigens weiß ich garnicht, ob wir überhaupt noch im Kriege sind", fügte er lächelnd hinzu. Als wir über diese Worte einige Ueberraschung bezeigten, erwiderte er, indem er den Rauch seiner Zigarette tief einzog: „Napoleon ist Gefangener, der Kaiser hat sich ergeben." Er erzählte uns alle Einzelheiten, und ein preußischer General fügte hinzu: „Ihre Journale werden sicherlich sogleich ans diesen Ereignissen Siegesberichte machen. Ihre Presse mit ihren falschen Informationen nnd ihren Romanen hat Frankreich in einer absurden Zuversicht gehalten. In Oesterreich war es 1866 ganz so. Nach den Zeitungen waren wir ewig geschlagen. Die Oesterreicher hatten keine genaue Kenntnis von unseren Erfolgen, bis wir schon beinahe im Prater und vor den Toren Wiens waren. Manche Ihrer Zeitungen haben uns ebenso gute Dienste getan wie zwei Armeekorps." Um gerecht zu sein, muß ich bekennen, daß diese Offiziere von dem Feldzug ohne jede Emphase sprachen, wie wenn sie nach! Beendigung der Operationen diese nun auch objektiv beurteilen könnten. Sie drückten sich jwie Mathematiker nnd Fachleute aus, kühl und mit mehr Bescheidenheit, als wir hätten glauben können. Hauptsächlich beschäftigte sie die Frage, was inan jetzt in Paris machen werde: „Wenn der Kaiser oder das Kaiserreich in Frankreich noch möglich wäre, würben wir zufrieden sein", so erörterten sie, „denn wir würden von dieser Seite alle Bedingungen erfüllt erhalten. Aber die neue Regierung wird in nichts nachgeben, und so werden wir den Kampf fortsetzen müssen. Uebrigens wird sich Frankreich die Regierungsform wählen, die ihm die beste scheint. Das sind Privatangelegenheiten, in die wir uns nicht einmischen wollen. Das Wichtige für uns ist, die gewünschten Bedingungen zu erhalten und Ihr Vaterland zu zwingen, uns nicht in einem oder zwei Jahren wieder anzugreifen, Wahrlich, wir wissen, daß die Revanche-Idee nicht gps,
Ihren Gedanken weichen wird. So wollen wir auch nicht, daß unsere Opfer unfruchtbar gewesen seien, und wir müssen uns dessen gegen Sie versichern." Prinz Albrecht gibt Clarötie nnd seinem Begleiter einen seiner Adjutanten mit, der ihnen den Paß nach Belgien ausstellen lassen soll. Der Offizier, ein junger, eleganter Husar, schwärmt ihnen von den militärischen Manövern des schicksalvollen Tages vor, der sich soeben zu Ende neigt. Vor ihnen dehnt sich das Schlachtfeld aus mit all seinen Schrecken und all seinen Schauern, dies ungeheure Leichenfeld, auf dem die Krankenwagen hin und her fahren und die Aerzte ihre traurige; Arbeit verrichten. „Nach dem ersten Entsetzen, das der Anblick dieser Leichenmassen verursacht, blicken wir auf die toten Körper, die, in ihrer Bewegung ober im letzten Tobeskrampf versteinert, in ihrer fahlen Blässe, mit beit offenen, verglasten Augen mehr Wachsfiguren gleichen als Gestorbenen. Allmählich fühlt man sich von einer tiefen Verachtung bes Tobes ergriffen, man wirb erfüllt von Be- wunbernng für diese Märtyrer, die ihr Leben bahingegebeu haben. Die stoische Liebe zum Vaterlande spricht lauten unb stärker zu uns; der Anblick bieser Helben läßt die erhabene Größe dieses Opfers besser begreifen und heißer lieben. Sie waren schön, diese französischen Toten, und! neben Leichnamen, deren Schrecken an die Kriegsbilderi Goyas erinnerte, lagen Unglückliche, deren stolze, straffe Stellung in ihrer Plastik an Meisterwerke der Skulptur! erinnerte, und ich suchte in dem durchbohrenden Schmerzgefühl, das mich umklammert hatte, einen grausamen Trost darin, die deutschen Toten mit den französischen zu vergleichen, diese schweren Germanen, die massig dalagen, biefe blonden, starken Soldaten mit diesen mageren Galliern, aus deren schmalen Gesichtern noch ein Zug höhnischer Ironie nnd spottenden Heldentums zu sprechen schien. . . . Der Abend kam. Am Himmel breiteten sich die melan^ cholischen Schatten der Dämmerung aus. Ich streifte mit einem Blick des Abschieds die Gehölze von Birken, in deren Schatten man noch die aufgehäuften Leichen erkennen konnte. Von Sedan her warf die untergehende Sonne blutrote s3te? flexe auf die Wasser der Maas. Mau hörte noch vereinzelte Gewehrschüsse, den Knall einer Flinte, die in die Luft entladen wurde, oder den letzten Schuß eines Verwundeten, eines Besiegten, der seine Niederlage noch nicht anerkennen wollte. Wir stiegen langsam nach Givonne herunter. Plötzlich erblicken wir mit stumpfem Staunen auf der Hochs- fläche, sich abhebend von dein bleichen Himmel, das Geleit der siegreichen Generale: den König, den Kronprinzen, Bismarck, und hinter ihnen, unbeweglich auf ihren Pferden, wie Kolosse von Granit, die berühmten weißen Kürassiere, das Schwert in der Faust, den Helm auf dem Haupt. Der König kam, um mit seinem Gefangenen, dem Kaiser, zn reden." __________
vermischtes.
Vom Ergrauen her Haare. In Nr. 131 der Gießener F a m i l i e n b l ä t t e r hatten wir von neuen Forschungen über das Ergrauen der Haare berichtet, die nach der „Internat. Friseurzeitung" von einem japanischen Gelehrten, Dr. Nieda an gestellt worden sind. Aus unserem Leserkreis wird uns hierzu mitgeteilt, daß kein Japaner, sondern der Königsberger Anatom Geh.-Rat Prof. Dr. Stieda der Verfasser der Schrift ist, auf die sich die Mitteilungen stützten. Wie die „Internat. Friseurzeitung" zu dieser sonderbaren Verwechselung kommt, ist uns unerfindlich.
* Ein gekaufter Säugling spielte die Hauptrolle in einer Angelegenheit, ans welcher hervorgeht, daß das Baby eine kurze, aber aufregende Sortiere znrückgelcgt hat. Im Spital, wo das Kind gestorben war, erregte fein Schicksal allgemeine! Teilnahme und nach eingezogenen Erkundigungen des Totcn- beschauers wurde ein trauriges soziales Nachtbild zu Tage befördert. Es wurde festgestellt, daß die Eltern des Kindes unbekannt seien und daß cs von Paris, wo es gekauft worden war, nach London gebracht worden sei. Die Frau eines Zimmermalers, Mrs. Powney, sagte aus, daß sie das Kind am 25. Mai übernahm. Es sei ihr von seiner angeblichen Mutter, einer Miß Frankel, gebracht worden, welche ihr mitteilte, sie hätte das Kind aus Paris gebracht. Es wurde ein Kostgeld von 8 Sh. pro Woche ausgemacht und Miß Frankel erbot sich freiwillig, 10 Sh. zu zahlen, int Falle sie das Kind für immer behaltünj wollte, da, sie selbst nichts damit zu tun haben wolle. Schließlich habe sie auch igeftandeu, daß es gar nicht ihr eigenes Kind sei und daß sie ps von einer Frau in Paris für 6 Pfund gekauft habe. Sie selbst benötigte das Kind, um einen Mann, der sie angeblich zu Grunde gerichtet habe, durch die Anwesenheit des Kindes zur Heirat zu bewegen, dem sie offen,ba.r zu verstehe»


