Ausgabe 
31.8.1910
 
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Dorn Laufen erschöpft, von Furcht übermannt, sank Löb Scheftel nieder. Hier war die Abdeckerei. Einsam lag das dunkle Häuschen, ein wenig von den andern abgerückt.

Aber er traute sich doch nicht zu klopfen: weh geschrien, jetzt nur nicht unter eines Christen Dach! Da kroch er lieber unter die Pferdehaut, die seitwärts am Giebel auf Stangen trocknete. Er kroch auf allen vieren darunter und machte sich ganz klein. Hier würden sie ihn nicht finden, die Gojim, und wenn sie ihn suchten die ganze Nacht und tagelang! Hier würde er liegen bleiben, bis die gefährlichste Zeit vorüber war und bis das Fleisch billiger wurde nach den: Fest.

19.

Ostern war vorüber, Doleschal war aber nicht zum Fest zu den Seinen zmmckgekehrt, wie er so fest beabsichtigt hatte. Er schrieb Helene, es sei ihm nicht möglich, sich schon so bald loszumacheu, war man doch in Berlin un­geheuer entgegenkommend gegen ihn. Er bat seine Frau, es ihm nicht zu verübeln, daß er das Fest nicht mit ihr und den Kindern verlebte; sein Herz hing daran aber durfte er seinem Gefühl, einem Wunsch, der rein privater Natur war, so viel nachgeben? Nein, das durfte er nicht! Er mußte fern bleiben in Tagen, an denen er seinen Knaben sonst immer selber die Ostereier versteckt hatte im ersten frischtreibenden Buchsbaum der Gartenrabatten. Er mußte ein Diner besuchen, das einer der Hanptführer der haka- tistischen Bewegung, Großgrundbesitzer und Parlamentarier, am ersten Osterfeiertag gab.

Das ist zu wichtig für mich", schrieb er.

Geliebte Frau, verstecke Du unfern Kindern die Oster­eier morgen wird das Kistchen ankommen, ich schicke die schönsten, die ich in Berlin bekommen konnte und denke Du dabei an mich!

Sage auch den Knaben, daß sie an mich denken. ,Euer Vater mußte noch in Berlin bleiben, sage ihnen, aber ist doch bei ench, im Geiste um euch. Für euch bedacht, daß einmal ein Ostern komme, wie der Lysa Gora noch keines geschaut hat. Tas werden sie natürlich nicht ver­stehen können es ja auch noch nicht verstehen wenn ich zwar glaube, daß unsern Hanns-Martin doch eine Ah­nung davon überkommen wird, was es heißt: vom Lhsa Gora auf deutsches Land blicken, auf lauter ganz deutsches Land, wenn Du, gute Mutter, ihui das in Deiner Weise erklärst.

Geliebte Frau, ich schreibe in einer gehobenen Stim­mung, die Worte fließen mir nur so zu. Gestern abend traf "ich mit mehreren famosen Leuten beim Landwirt­schaftsminister zusammen; natürlich war's keine Gesell­schaft, nur eine.zwanglose Teestunde. Es tut doch wohl, unter Gesinnungsgenossen zu sein, es erquickt an Leib und Seele. Heute morgen beim Rasieren sah ich mich im Spiegel, ich war erstaunt: Du kannst es glauben, mir ist, als wäre ich um zehn Jahre jünger geivorden."

Helene lächelte, als sie diesen Brief las. Sie freute sich für ihren Mann; wie voll von Hoffnnngsfreudigkeit War er! Aber doch war Wehmut in ihrem Lächeln, und hie Wehmut wurde Herr über das Lächeln. Die Hände, die den Brief hielten, in den Schoß sinken lassend, neigte sie das Haupt: wie würde Hanns-Martin die Enttäuschung ertragen? Denn die würde kommen. Die schien ihr so Unausbleiblich, wie heute auf den grellen Sonnenschein, der jetzt, Ende März, fast sommerlich sengend niederstach, ein Regenschauer. Gewitterig dünkte sie der Himmel, sie sah eine gefährliche Wolke überm Lysa Gora geballt. Ach, wenn doch Hanns-Martin sich nicht zu sicher in Hoffnungen wiegen wollte!

Hätte Helene es begründen sollen, woher ihr jetzt oft die trüben Gedanken kamen, so hätte sie es nicht gekonnt; ihr liebendes Herz ängstigte sich eben um ihn. Würde es ihn nicht treffen bis in die tiefste Seele, wenn man den Polen ihm vorzog? Wenn er es ihr auch selbst gesagt hatte, daß seine Kandidatur durch Garczhnski stark gefährdet sei, überzeugt von seiner Niederlage war er doch keines­wegs. Und auch, wenn er nun wirklich gewählt werden sollte, war er denn der Berufene, das Ziel zu erreichen?!

Deutsches Land, ganz deutsches Land, ach, lieber Gott!" Die blonde Frau faltete die Hände über dem Brief und schaute träumerisch durchs Fenster über die Fläche des Sees hinüber zum ragenden Lhsa Gora.

Der schaute noch in polnisches Land, in ganz polnisches

Lchnd,

Und konnte denn auch ein einzelner Mann, wirklich einer allein, so vieles ausrichten, so Großes erreichen?!

Wie in banger Frage hingen ihre Augen am Berße. Lange sann sie, dann schüttelte sie den Kopf: ach nein/ ein einzelner konnte das nie, niemals! Da mußte schon ein Heer anferstehen, wie das polnische Volk sich eines erhoffte dort aus dem Schoße des Lysa Gora. PelasiG die alte Amme, hatte die polnische Sage den Knaben erzählt.

Aber sie entschlossen stand Helene rasch auf sie, als Mutter, würde jetzt zu den Knaben gehen und ihnen auch etwas erzählen: vom Vater, vom deutschen Land, und von sie zögerte noch einen Augenblick und über­legte: Ivie sollte sie es ihnen denn verständlich machen, den jetzt noch unmündigen Kindern? nun, von der Pflicht würde sie ihnen sagen und immer wieder sagen, die jedem von ihnen einst oblag, und die er schon begreifen lernen mußte von klein mt!

Helene lächelte. Ihr eben noch so trübes Gesicht war übersonnt von diesem Lächeln, wie von Frühlingsschein die Flur.

Es war etwas Strahlendes um die Mutter, die zu ihreu fünf Söhnen ging.

*

Bleibe", hatte Helene von Doleschal ihrem Manu auf seinen Brief geantwortet.Bleibe ruhig noch in Berlin, wenn Du meinst, daß es von Nutzen ist. Die Kinder ge­horchen mir, und wir denken Deiner allezeit."

So war er sogar noch ein paar Tage über das Fest fortgeblieben. Das hatte er wirklich nicht erwarten können, daß man ibm so viel Freundlichkeit in Berlin entgegcn- bringen, überhaupt dort so viel Interesse zeigen würde für die Verhältnisse in der Provinz.

Er, der so lange einsam auf seiner Insel gesessen, hatte doch davon keine Ahnung gehabt, wie die Wellen, die am Lysa Gora brandeten, auch in der Reichshauptstadt anspülten. Man drückte ihm warm die Hand und glaubte ihm versichern zu dürfen, daß man alles daran setzen werde, seiner Wahl nachzuhelfen. Er hetzte sich unendlich ab in diesen Berliner Tagen. Dahin dorthin immer noch gab es einen Weg, einen Besuch, eine Konferenz, aber er fühlte nichts von jener Müdigkeit, die ihm auf seinen Feldern so oft die Füße gelähmt hatte und den Mut auch. Elastisch überwand er die Anstrengung, und als er endlich im Kupee saß, um wieder nach Hause zu fahreu, hatte er! schon das beseligende Gefühl eines halben Sieges.

Er hatte Helene nicht bestimmte Nachricht über seine Ankunft zukommen lassen, nur geschrieben, er würde noch telegraphieren. Aber dann hatte er auch dieses nicht getan f wozu? Er würde lieber in der Kreisstadt einen Wagen beordern, und während dieser angespannt wurde, die Ge­legenheit wahrnehmen, um ein paar Augenblicke bei seinem Freunde, dem Landrat, vorzusprechen. Es drängte ihn, diesem sofort von der erfolgreichen Reise zu berichten.

Es war in Berlin schon recht frühlingsmäßig gewesen, der Winterpaletot war lästig geworden; ans allen Schmuck­plätzen und in der Siegesallee hatten die Ziersträucher! gegrünt, aus den Körben der Händlerinnen waren Wolken von Veilchenduft aufgestiegen.

Doleschal war schon am frühen Morgen, mit geöffneten Fenster sitzend, abgefahren, aber noch war er nicht drei Stunden unterwegs, als er das Fenster schloß. Je weiter nach Osten, desto niedriger die Temperatur. Ein scharfer Wind wehte erkältend. Noch hatte man Posen nicht er­reicht, als Doleschal den als lästig oben ins Netz geschleu­derten Winterpaletot wieder anzog; ihn fröstelte, und ein Unbehagen kroch ihm über den Rücken. War denn die Temperatur wirklich so erheblich kiihler hier, oder ließ nur die Angeregtheit, in der er sich befunden hatte, plötz­lich nach? /

Der Blick, der bald durch's Fenster links, bald durchs Fenster rechts schweifte, sah nichts als Felder, Felder, Felder. Wenige Bäume, wenige Häuser, wenige Menschen. Die große Monotonie des Ostens war da. Und wo der - Zug hielt, fremdartige Stationsnamen das Reich des Ostens war da.

Die Stirn runzelnd- saß der deutsche Mann, und die lähmende Traurigkeit, die er schon glaubte ganz abgeschüttelt zu haben, war auch: plötzlich! wieder da.

O, wie grau war der Himmel! Und jetzt war's! möglich? Wahrhaftig, hier schneite es noch! Regen mit Schnee untermischt ging in dichten Schauern nieder, und