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Das schlafende Heer.
Roman von Clara Viebig.
^Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.)
Ein Grausen rüttelte die Gemüter. Erregt stieß einer den andern an: „Bruder, he, hast du nicht gehört, daß Juden Kinder schlachten?!"
Gewiß, man hatte es gehört. Und wenn der Löb Scheftel nun vielleicht auch 'kein Kind geschlachtet hatte, viel zu teuer war er doch mit dem Fleisch !
Ein Dutzend Stimmen heulten plötzlich laut auf:
„Schlagt ihn tot, schlagt die Juden tot. Jesus Christus haben sie geschlachtet! Kinder haben sie geschlachtet! Kälber Und Lämmer haben sie geschlachtet, aber wir bekonrwen nichts davon!"
Die Bürger, von dein Geheul aus dem Schlafe geschreckt, zogen die Bettdecken höher über die Ohren: et, Betrunkene, nichts neues waren die! Slblaßtag war's — man mußte sie lärmen lassen!
Der Nachtwächter init Signalpfeife und Spieß drückte sich fester in die Nische der Kirche, wo er zu schlafen pflegte: Betrunkene, denen ging er gern aus dem Weg!
„Gott soll hüten, haben die geschickert," sagte auch Löb Scheftel. Er, der nun, da sein Sohn Isidor ihn nicht mehr Unterstützte, oft bis in die Nacht zu schaffett hatte, war eben noch im Keller bei seinem Fleisch gewesen. Jetzt war er mit dein Lämpchen nach oben gekommen ins Lädchen Und hatte sich noch hingesetzt, Kasse zu machen, während sein Weib nnd Röschen, seine Tochter, hinten heraus in der dunklen Kammer schon schnarchten. Bekümmert sein spitzbärtiges Kinn in die Linke stützend, während die Rechte die Feder hielt, rechnete er. Es war nicht allzuviel an Gewinn einzutragen ins Hauptbuch.
„Gott der Gerechte, teure Zeiten, schlechte Zeiten!"
Er seufzte und kratzte sich mit der Feder auf dem Kopf. Wenn die .Herren Besitzer weiter solche Preise fürs Rindvieh Machten, wie sollte man da bestehen?! Bon den Schweinen gar nicht zu reden. Und die Grenze gegen Rußland war gesperrt, kein Schweinchen kriegte man mehr 'rüber; nnd keine Speckseite von .Amerika, keine Tonne SchMalz war mehr erlaubt! Nun fehlte bloß noch, daß der Sommer beit Rotlauf brachte oder die Sperre fürs Rindvieh wegen Maul- Und Klauenseuche, dann war's aus, dann konnte ntmt hier gehen mechulle, bei Gott, wie der Isidor es propha--
Ijcttc!
„Gott Abrahams, Jsaks und Jakobs!" Der alternde Händler legte die Feder hin und schraubte das Lämpchen ein wenig höher. Aber tote er auch schraubte und rückte, es tourde nicht lichter um ihn. „Gott meiner Väter, hast du denn ganz vergessen dein auserwähltes Volk? Wirst du Uns nich schicken den Messias, wie du uns hast doch verheißen? 's wär' an der Zeit! Teurer ivird's von Tag
zu Tag, aber bei Gott dem Allmächtigen, ich will nich. leben und gesund sein, wenn ich inache 'n Geschäft hier" — -*
Er stockte. Mitten im betrübten Kopfschütteln erstarrte er plötzlich; den Kopf ein wenig auf die Schulter geneigt, blieb er steif sitzen. Denn draußen vor seinem Ladenfenster — so dicht, als tutete es ihm in die Ohren — ety» klang ein: „Hepp, Hepp!"
Das galt ihm! „Hepp, Hepp" — wer hier hatte das nicht schon gehört?! .. ,
Die Erstarrung toidfr von Löb Scheftel. Sein Kassa« buch hinter den Ladentisch schleudernd und sich selbst hinter den großen Hauklotz flüchtend, auf dem das schwere Fleischbeil blitzte, stand er mit vorgeguolleiten Augen, das verfettete Lederbeutelchen, mit dem er stets auf den Handel zog, fest an die Brust gedrückt. ■
Draußen tappten viele Schritte. Eine Faust pochte derb au den vorgelegten Fensterladen; eine Hand legte sich auf die Klinke der Haustür und rüttelte daran.
Einen wilden, verängstigten Blick warf der Jude um sich: weh geschrien, die Läden waren nur von Hotz und nicht von Eisen! Die hielten nicht lange dem Rütteln stand und die Tür auch nicht. Wo blieb der Gendarm, w'y der Nachtwächter mit feinem Spieß?!
„Jude, Spitzbube, Gauner, wir wollen dich lehren, das Fleisch so teuer machen!" Unter der Wucht eines sich dagegen werfertden Körpers erzitterte die Tür und das ganze winzige Häuschen. Von Steinen — oder waren es Fäuste? — wie mit Hämmern bearbeitet, ächzte der Fensterladen. Krach, schon barst ein Spalt, und die Stange, die von innen vorgelegt war, fiel aus ihrer Klammer.
Zu Hilfe, zu Hilfe! Wo blieben die, die den Bürger schützen sollten?! Die entsetzten Augen des Juden rollten:, weh, die kamen nicht!
„Jude, Spitzbube, Gauuer! Du Gottesmörder •—"
Da hörte Löb Scheftel weiter nichts mehr. Die schlotternden Füße in verzweifelter Anstrengung zur Eile zwingend, sprang er in die Kammer, schob den Nachtriegel vor, schrie den erschrocken auffahrenden Weibern zu: „Lauft, lauft, die Gojim kommen," und setzte zum' Hmterfensterchen hinaus, daß die Blumentöpfe, die Röschen dort pflegte, in Scherben klirrten. Blindlings rannte er davon, tote das Wild auf der Jagd, sinnlos, atemlos, ein gehetztes Tier.
„Hepp, Hepp!"
Er warf die Hacken fast bis an die Ohren auf eiliger Flucht; die Pantoffeln flogen ihm ab, er ließ sie fliegen, ans Socken rannte er in die Nacht hinaus.
Nun war er schon weit. Er hörte nicht mehr das schreckliche Pochen an seiner Tür, auch nicht das Pochen an der Gastwirtschaft des Prochowuik nebenan, auch das nicht am Warenhaus bei feinem Schwiegersohn Leiser Hirsch, auch das nicht bei Gedulat Veigel, bei Joel Pascheles, bei Abraham Schaut Und wie sie alle hießen. Er hörte aber immer noch das „Hepp, Hepp" — das würde er hören bis an das Ende seinem .Tsge,


