— 199 —
Jügendtagebücher wüchsen sich später KN Dramen, Dichtungen aus. Zu Werken, die nicht nur für sein eigenes Leben Wert hatten.
14. August.
„Meiner Tochter Agnes zu «.Heutiger Verfügung."
Eilt großes, schönes Recht aber auch eine große Pflicht. Ich stehe vor tiefem Tisch voll Hefte, Papiere itnib Schriften und lasse schlaff die Hände hängen. Ich weiß nichts wo es anfassen. Hie und da greife ich ein paar Blätter heraus und lese. Besonders diese Tagebuch- bltttter, die ich zuerst fand, halten mich fest.
Vaters Jttgendbild sehe ich tnir dabei an, das kleine, das ich so liebe. Diese offene, prachtvolle Stirn mit den Breiten, dunklen Brauen über den hellen Augen. Etwas Faszinierendes liegt für mich in bem Blick. Ich möchte ihn so gekattnt haben. 1
Ich entsinne mich seiner ja nur, wie er zuletzt Ivar. Die Brauen und der spitzgeschnittene Bart schwarz, aber das Haar schlohweiß. Das gab ihm so etwas Anffalendes, weil sein Gesicht und seine Augen doch noch jung waren.
Ich erinnere mich noch, wie ich in Lugano im Hotel den Wirt nach ihm fragte und der mit einer Verbeugung sagte: „Der Herr Gemahl ist schon vorausgegangen." Wir haben damals so darüber ■ gelacht. Es machte mir Spaß, wenn hie Leute mich für seine Frau hielten. Ach neckte ihn und nannte ihn ostentativ „lieber Peter Florenz", um hie Täuschung nicht zu zerstören.
Er hatte ja überhaupt immer so etwas Ritterliches gegen mich.
Ach, diese glücklichen Zeiten-
Tas macht es ja eben so viel, viel schwerer. Wenn einer als alter Mann stirbt, reif und mit dem Leben fertig, dann nimmt man bnS hin als den Güng der Natur. Aber Pater war noch so jung, noch mitten im Schaffen. Eben fünfzig vorüber, auf der Höhe des Lebens.
, Warum mußte es so kommen? Warum?
(Fortsetzung folgt.)
(Eine preußische Königstochter.
Vor hundert Jahren, 1810, erschien bei Cotta in Tübingen! in deutscher, bei Bicweg in Braunschweig in französischer Ausgabe ein höchst merkwürdiges Buch, die „Denkwürdigkeiten der Markgräfin von Bayreuth", der klugen und sehr temperamentvollen Lieblingsschwiefler Friedrichs des Großen, das, bald mit Schärfe, bald mit Httmvr, überraschende Bilder ton den Zuständen und Personen des Berliner Hofes entwarf. Was so kurz nach dem Zusammenbruch des preußischen Staates aufsehen- erregend wirkte, wird nach einem Jahrhundert aufsteigender staatlicher Entwickelung und geschichtlicher Forschung einem ruhigen, aber tiefgehenden mens chl ichen Interesse begegnen: entrüstet »der ergriffen >vder amüsiert, niemals aber gelangweilt, begleitet der Leser diese preußische Königstochter auf ihrem wechselvolleil Lebenswege, die einen anziehenden Frauentyp des. 18. Jahrhunderts darstellt.
Ter durch „Die Bücher der Rose" bekannt gewordene Verlag! Wilhelm LLNgewieschö--Brandt in Eben Hausen bei München Lröffnet nun mit diesen Tenkwüvdigkeitett eine neue Buchersamm-- . lüng, die „Schicksal und Abenteuer" heißen und menschliche, zuweilen auch allzu menschliche LebensLorUMente tergangener Jahrhunderte enthalten soll. Wir entnehmen dem Buche „Eine preußische Königstochter" die Erzählung der Reise von Berlin nach Bayreuth, die dte Erbprinzessin (spätere Marlgrüfin) im Januar 1732, ein halbes Jahr nach ihrer Hochzeit, unternahm.
Ter Herzog von Holstein führte mich darauf an meinen Wagen, worin sich der Erbprinz.und Meine Hofmeisterin befanden. AbendS kamen wir. glücklich bis KÄsterzina, ton wo wir am andern! Morgen in aller Frühe Mieder abreisten. Man hatte eine trächp tige Stute an meinen Wagen gespamrt, kaum hatten wir zwei Stationen zurückgelegt, so stürzte das Tier, der Wagen ging über sie und ward umgewvrfen. Wir hatten mit sehr ivorsichtigett Leuten zu tun, die irgend eine Entführung befürchtet haben Mochten, denn es befanden sich zwei gefcbene Pistolen im Wagen, Und außerdem noch ein paar sehr fettete re Koffer, die wenigstens weder Wechsel noch Geld enthielten. Diese ganze Ladung fiel.'mir, vhm mir den geringsten Schaden zu tun, auf den Leib. Meine! Hvsmteisterin schrie ohne Aufhören wie ein gerichteter Sünder: £) mein sköott und Heilpnd, «barm» dich! meiner. Ich sragtä ße: ob sie sich wtehtz getan hätte? sie verneinte und fuhr fort zu schreien. Der Erbprinz war aus dem Wagen gesprungen!, Und tch hatte wohl gesehen, daß er nicht verletzt .war. Ter ganze Auftritt war so lomisckp daß ich, beladen! wie ein Maulesel, unter metnein Gepäck vor Lachsstr fast erstickte. Endlich zog man mich mit wer ersinnlichen Mühe aus dem Wagen hervor, meins Leiute waren aber so erschrocken, daß sie Mich aus lauter Albern
heit hünddrt Schritte! Mit auf ein mit Eis und Schnee bedecktes Feld trugen und stehen ließen. Llus Furcht, zu fallen, foimtei ich auf dem glatten Boden keinen Schritt wagen, dachte also wirklich das Schicksal von Lats Weib zu teilen und, zu einer Eissäule zu frieren, glÜcklichxrMise kämen aber die Wagen meiner Hofdamen! und Kavaliere an, um dieses' Wunder zu verhindern. Gartz! erschrocken liefen meine Damen auf dem ganzen Felde umher mtd schrien: wo ist aber Ihre Königliche Hoheit? — Ich antk wvrtete ihnen vergeblich, sie Waren so verwirrt, daß sie an mir selbst vorbei liefen tmd mich fragten, ito ich sei? Ich lachte ganz ausgelassen über diese Verwirrmtg und überredete sie doch endlich, daß ich rs wirklich sei, die mit ihnen spreche. - Die armen Mädchen klagten und weinten und meinten, ich müsse gewiß ein mnzeitiges Kindbett haben; man begoß mich Mit chunderterlei Riechwasser und iuollte mir eine Menge widriges Zeug eingeben, dasoch mir aber fein verbat. Ter Erbprinz war so verwirrt wie die anderen, «Mich ward aber der Wagen wieder aufgerichtet und ich setzte meinen Weg fort ....
Alsdann gingen »vir bis Gera, darauf nach Zeitz. Ich hatte nie Berge gesehen, beim des Königs Land ist sehr eben, und war nie gereift. Wie ich nun die fürchterlichen Abgründe sah, machte ich große Augen und schwitzte große Tropfen. Auf jeder Station! ward der Weg schlechter, ich- war wie gerädert. Trotz allem, was man mir sagte, stieg ich ans und ging, soviel mir möglich war, zu Fuß — die Furcht vor den Abgründen gab mir Kräfte. Ich dachte in Lappland zu sein, in diesen mit Schnee bedeckten Bergen, in denen man nichts als fernhin einige Waldungen sah, seufzte leise und fragte: wann diese abscheulichen Berge endigen würden? aber leider versickerte man mir: die dauerten fort bis Bayreuth.
Endlich, am neunten Tag meiner Reise, kam ich nach Hof, der ersten markgräflichen Stadt. Man empfing mich mit drem maliger Salve, die ganze Bürgerschaft stand in Reih und Glied, und ich stieg im Schlösse ab. Ter Hvfumrschall von Reitzensteitt Mit einigen Kammer Herrn und der ganzen unmittelbaren Reichs- rttterschast erwarteten mich unten an der Treppe — wenn man ein Ding, das einer Leiter MrMhs viel ähnlicher sah, so nennen will. Sobald ich mein ZimMer erreicht hatte, trat Herr ton Reitze w- stein herbei und betoi'llkonümnete mich im Namen des Markgrafen! bei meiner glütklichen Ankunft in seinem Lande. Msdann imhmi ich! die Anrede des Adels entgegen. Man hatte mich darauf tot* bereitet und geraten, diese Leute gut zu empfangen. Bekannter»» maßen hat der unmittelbare Adel große Vorrechte im Reich, matzt sich an, allein vom Kaiser abzrMngen und teil! gern klein« Fürsten vorstellen. Ta das nun unbillige Vorzüge sind, welche die Kaiser ihnen angedethen ließen, die nur bezweckten, die Reichs- sürstcn herabznfetzen, so gibt es unaufhörliche Reibereien und Prozesse. Ter Adel des Bogtlandes hatte sich mit dem der benach* barten Kreise entzweit und von ihm getrennt, so daß dieser ihn! nicht mehr für relchSmimittekbar halten wollte. Tie Markgrafen! hatten diese Gelegenheit demcht, um seine Vorrechte ungcfährf auf die des übrigen Adels zu beschränken, der jetzt «regierende aber, damit noch nicht zufrieden, hatte ihn auch noch seiner wenigen) übriggebliebenan Privilegien, kurze Zeit vor meiner Heirat, berauben wollen. Darauf empörte sich der Adel und bildete einen! Aufstand, der sehr unangenehme Folgen hätte haben können. Nur mit Mühe ivaren diese Unruhen beigelegt worden, und den Markgras mußte von seinem Vorhaben abgehen . . . Man hatte mir gesagt, sie wären alle ans großen Häusern und reich, ich schmeichelte mir also, ihre Erziehung würde diesen beiden Vor- teilen entsprechen und sie würden sich sehen lassen können. —• Wie hatte ich, mich geirrt ? — ich muß sie doch ein bißchen beschreiben.
Es mochten einige dreißig fein, die mich bewillkommneten', fast lauter Reitzensteins, lauter Gesichter, um kleine Kinder aus Furcht zu Bett zu lagen und um ihre Antlitze mach zu verschönern!, hatten sie ihre Haare m Gestalt von Perücken zugesttitzt . . . Auch ihre Kleidung bezeugte ihr Altertttm; sie bestand aus lauter' Erbschaftsstücken ihrer Voreltern, die meisten paßten ihnen gar nicht auf den Leib, und ungeachtet es ihre Staats- und Festtöcks waren, sahen die Tressen so schwarz und schäbig aus, daß matt kaum erkennen konnte, daß es Gold sei. Ihre Sitten tonrett ihren Gesichtern und ihrer Kleidung ganz angemessen — matt hätte sie für Bauern hätten sollen . . . Kaum konnte ich mich bei ihrem Anblick des Lachens enthalten. Ich redete einen jeden! an, allem sie verstanden -mich nicht, und was sie mir sagten) war mir wie hebräisch — denn die Aussprache im Reich ist ganz anders als die bratwenburgischs.
Auch die Geistlichkeit beehrte mich mit ihrer Begrüßung. Tas waren nun wieder andere Art Geschöpfe. Die hatten große! Halskrausen Wie Wäschekörbchen; ihre Anreden wurden sehr langsam vvrgetragen, damit ich sie besser verstehen könnte, sie sagten! das lächerlichste Zeng von der Welt, und ich hatte wieder olle Mühe, mein Gelächter zu nnterdrürken.
Endlich schaffte ich mir alle unbarmherzigen Redner vom Leibe und setzte mich zu Tische. Ich versuchte mehrere Gegentz stände, nm 'meine adelige Tischgesellschaft zum Sprechen zu bringen, aber cs toter vergeblich. Endlich brachte ich fie auf,das Wirtschasts- fach, und da ging ihnen das Herz auf. Augenblicklich erhielt ich Kenntnis von thron Herden und Höfen; ja es erhob sich sogar ein sehr geistreicher und interessanter Streit, bet dem es darauf ankam, zu entscheiden, ab di« Ochsen im Ober-- oder Unterlands


