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Auch der Tod ist ja nur Metamorphose. Warum überhaupt den Tod ansehen, da es doch das Leben gibt?

Ich höre deine Stimme das noch sagen. Es war ein so wundervoller, mitreißender Optimismus in deinem Aus­druck niib Ton, wenn du mir so etwas erklärtest. Du wolltest, ich sollte das ebenso stark fühlen wie du.

Du hast mir auch gesagt, ich sollte in meiner Persön­lichkeit lebendig alles das verkörpern, was dir dächtest und erstrebtest. Ein menschgewordenes Werk von Peter Florenz, Weddigen! Sein bestes, sagtest du!

Habe ich denn das alles schon vergessen? Habe ich mit dir auch mich selbst verloren? Das wäre deiner un­würdig, es würde dich traurig machen.

Der Schüler dankt seinem Lehrer schlecht, der immer Schuler bleibt."

Jetzt ist meine Probezeit. Habe ich wirklich von dir gelernt? Nicht nurauswendig", sondern bis in die Tiefe herein? Habe ich von dir leben gelernt?

Ich muß es versuchen. Ich werde es können. Ml sollst stolz diif mich sein können, Vater.

Den Tod mit Leben zudecken! Ich ahne jetzt erst, wieviel in dem Gedanken liegt, seit ich den Tod selbst erlebt habe.

Tod? Warum denn überhaupt das furchtbare Wort?

Du bist nicht tot, Vater. Während ich fort war, bist du mir aus dem Haus gegangen und nicht wiedergekommen. Entrückt. Bei beinern alten Schönheitsvolk machten es die Olympier so mit ihren Lieblingen.

So wolltest du selbst, daß ich es ansehen sollte; darum hast du mich von dir geschickt,

Jjch 'weiß nicht, warum du weggegangen bist. Ich weiß auch nicht, wohin. Aber wenn Totsein Aushören bedeutet, dann bist du nicht tot. Es ist einfach unmöglich. Du lebst ja noch!

Ich meine nicht nur in deinen Schriften und Werken, sondern wirklich, lebendig in mir selbst. Aber auch das nicht in dem plump realen Sinn, wie jeder Erzeuger in dem Erzeugten weiterlebt.

Du lebst in mir und mit mir. Ich weiß nicht, ob ich es klar ausdrücken kann: als ich nur an Tod und Grab und Getrenntsein dachte, warst du für mich wirklich tot, nicht mehr da. Wie jeder Mensch für einten so gut wie tot ist, mit dessen Gedankenleben man keine Verbindung hat.

Aber jetzt geht meine Seele wieder einen Weg mit deiner. Ich höre innerlich deine Antwort auf jeden meiner Gedanken. Ich weiß, daß du lebst!

Ich brauche gar keinen andern Beweis. Die Verbindung mit dem Jenseits, die der Spiritismus predigt, ist mir immer unwürdig und lächerlich vorgekommen. Die Brücke muß viel feiner, höher, geistiger sein!

Meine alte Marie ruft ihre Heiligen an und glaubt, baß sie sie hören. Das ist in seiner Naivität viel wahrer. Es ist eine Verbindung im* Glauben.

Alles Sein ist ein Aufwärts, eine Entwicklung. Ein Leben, das sich von der Erde trennt, kann nur über sie hinausgehen. Wollen wir mit solch einem Leben in Ver­bindung bleiben, so ist das nur möglich' in dem Höchsten, Besten, was wir besitzen, weil nur das an die neue Welt des andern, Voraugegaugenen heranreicht. Das nenne ich Verbindung im Glauben". Der höchste geistige Besitz ist eben für jedenGlaube", einerlei, auf welches Kredo er schwört!

9. August.

Ich bin heute zum erstenmal mit sehenden Augen durch den Garten gegangen. Die weiß und roten Nelken blühen, dm wir noch zusammen pflanzten, und die hohen, dunkel- weinroten Stockrosen an der Hauswand. Er sieht es nicht mehr.

Ich will ja stark sein, Vater. Ich will ja leben, leben.

Aber dieses körperliche Getrenntsein ist bitter hart. Bis in tausend Kleinigkeiten herein dringt diese Bitterkeit. Man sieht irgend einen Stuhl, einen Bleistift, der an eine kleine Gewohnheit oder Eigenheit des Verlorenen erinnert. Der Anblick wirkt !vie ein physischer Schmerz,

Ach, tausend Augenblicke, wo dieser rein instinktive, heiße, unwiderstehliche Schmerz alle geistige Anstrengung Und Widerstandskraft umwirft. Vater, Vater!

11. August.

Notar Holzmann wär bei mir. Er ließ sich in geschäft­

lichen Angelegenheiten melden, deshalb konnte ich ihn nicht wegschicken tote die sonstigen Besuche.

Er ersparte mir jede konventionelle Beileidsredensartz fiel gleich mit der Tür ins Hansl

Da ich mich um die geschäftliche Regelung meiner Ver­hältnisse bisher noch nicht gekümmert habe, sei es seine Pflicht, daran zu erinnern, ich müsse als» sein Eindringen entschuldigen. Das Testament des Herrn Professors Wed- digen fei auf dem Gericht hinterlegt. Tie Formalität würde rasch erledigt sein, da ich die einzige Hinterbliebene des Erblassers sei, die Anspruch auf den Nachlaß habe. Obi ich morgen vormittag auf die Gerichtskanzlei kommen wolle?

Ja, ich wollte kommen.

12. August.

Ich bin zum erstenmal wieder durch die Stadt gegangen. Die altbekannte Straße mit den kleinen, häßlichen, gemüt- licheir Häusern sah mir sonderbar fremd aus. Es war mir, als ob ich nach Jahren irgendwo aus weiter, weiter Ferne wiederkäme und mich wundern müßte, daß alles noch am alten Fleck stand. Die Leute bogen mir weit aus dem Weg, grüßten tief und flüsterten hinter mir. Das Alltagsleben hat Ehrfurcht und Scheu vor dem Schmerz und denen, die ihm gehören.

Eino große Stube, ganz kahl bis auf die hohen, stau-, bigen Aktenfächer an den Wänden. Au der einen Seite ein langer, grüner Tisch, an dem ein paar Gerichtsherren säßen. Ich erkannte sie erst nicht in dem steifen, schwarzen Barett, das auch Notar Holzmanns kliiges, bartloses 'Alt­frauengesicht sonderbar veränderte.

Wunderlich, in dieser Umgebung auf einmal Vaters Handschrift zu sehen!

Das Testament !var schnell gelesen. Ich hörte zu, mehr aus Pflicht, als aus Interesse. Nur am Schluß eine Klausel.

Meinen literarischen Nachlaß vermache ich meiner Tochter Agnes zu alleiniger Verfügung. Da sie mit meinen Anschauungen und Plänen vollständig vertrant ist, über­lasse ich es ihrem Ermessen, ihii zu ordnen, davon zu ver­öffentlichen oder zurückzuhalten, in der Gewißheit, daß sie es in meinem Sinn tun wird."

Mir schossen plötzlich die Tränen in die Augen, ich mußte mich vor diesen fremden Menschen gewaltsam zu­sammen nehmen.

Dieses große Vertraueii in den paar Worten! Es rückte mir auf einmal unser Zusammenleben so deutlich vor Augen, und das, was ich an ihm verloren habe. Aber eä1 machte mich doch anch glücklich, stolz. Ich weiß, daß ich es rechtfertigen kann, Vater!

13. August.

Ich habe seine Stube wieder aufgeschlossen und an seinem Schreibtisch gestanden. Es liegt alles noch so, tote er es gelassen hat; Papiere, aufgeschlagene Bücher mit Randnotizen.

Ein wunderbares, starkes Gefühl seiner persönlichen Gegenwart kam auf einmal über mich. Fast als ob ich im nächsten Augenblick seine Stimme mit irgend einer lebhaften Frage hören müßte.

Ich strich mit der Hand über ein paar von den Papieren hin und nahm sie auf. Ich las eins über, verstand es nicht gleich und las es noch einmal.

Ein altes Tagebuchblatt augenscheinlich. Er mußte es aus einer von den Schreibtischladen genommen haben, die offen standen. Sie waren sonst verschlossen, ich habe es nie gesehen, nxi8 er darin hatte.

Marie sagt ja, daß er im Karnin allerlei verbrannt hätte an dem letzten Tag. Was nur? Er hob sonst so. sorgfältig jeden Zettel ans.

Ich habe wohl von ihm dieses Bedürfnis, mich schrifb lich auszudrücken, geerbt. Es war mir von jeher, als ob ich innerlich klarer würde, wenn ich meine Gedanke» auf dem Papier festlegte. Vater hat das anch immer ermutigt Er sagte, es wäre.gute, geistige Disziplin; ein Gedanke, den man formulierte, um ihn uiederzuschreiben, verlangte schon von selbst schärfere Logik und Begründung. Sogar wenn wir uns lebhaft über ein Thema unterhielten, sah er es gern, wenn ich ihm meine Ansicht nachträglich knapp und klar schriftlich geben konnte.

Es ist mir ganz zur Gewohnheit geworden. Es war mir eigentlich nur eine fortgesetzte Unterhaltung mit ihm, unwillkürlich verfiel ich dabei immer wieder in die Anrede.

Bei ihm hatte das alles jg tiefere Bedeutung. Seins