Ur. 50
1910
das Licht ausgelöscht barte, sing es an. Meine Augen waren brennend heiß, wie ich in die schwere Dunkelheit hinein- starrte, die voll schrecklicher Bilber ivar.
Ich war plötzlich wieder aus dem Kirchhof. Ich sah die ordentlichen, sandbestreuten Wege, die sauber beschnittenen Lebensbäume, die schlaffen Trauereschen — und diese Kwaren, lustigen Blumenbeete mit Kreuzen und Sterne«
uf. ,
Aber ich sah sie anders als arn Tag. Ich sah unter! Blumen und Rasen und Steinplatten, und da unten toon das Entsetzliche, das sie pietätvoll zudecken sollen und einem doch nur aufdringlich vor die Seele rücken. Ach sah sei« Grab auch — .
Ich kann es nicht beschreiben. Ich habe geschaudert und nrich geschüttelt vor Qual und Angst irr der Dunkelheit. Es kam eine eiskalte Lahmheit über nrich, daß ich keinen Finger rühren konnte. Es war, als ob etwas Furchtbares^ Ungeheures unsichtbar nach mir griff. Ich konnte Mich nicht wehren und konnte nicht fliehen.
Es ist, um verrückt zu werden. Ich hin Hundertmat gestorben in dieser endlosen, lichtlosen, grausamen Nacht. Und heute kommt ebensvlch eine —
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8. AuguM
Ich habe Wocherr keine Zeile geschrieben. Kaurn eine Hand gerührt oder einen überflüssigen Schritt getan. Wie lebendig tot.
Marie kam heute $n mir herein, die gute Seele hatte Angst um mich. Sie stand neben meinem Diwan und rüttelte mich ganz derb an der Schulter.
„Das muß ein Ende haben, Fräulein Agneöcheu. So geht das nicht weiter. Was wohl der selige Herr dazu sagen täte? Dem wäre das gewiß nicht recht. Der mochte doch gar keine traurigen Gesichter sehen."
„Laß mich in Ruh, Marie," habe ich sie ungefähren. Wer als sie kopfschüttelnd draußen war —
Es ist, als ob sie mit ihren guten, arbeitsharten Händen auch meine Seele aufgerüttelt hätte. Ich bin aufge^ standen und vor den Spiegel gegangen.
„Der mochte gar keine traurigen Gesichter sehen."
Ja, ja, alte Marie, du hast-recht, ich weiß es selbst!
Da im Spiegel ein blasses Geschöpf mit Schatte» unter den Augen, ein paar scharfe, senkrechte, böse Falten zwischen den Augenbrauen. Etwas Häßliches, Krankes, Kraftloses! . f ,
Baier, du hättest mich nicht gern angesehen so, bas; weiß ich. Du hättest den Kops weggewandt, und tn deinem lieben Gesicht wäre dieser peinlich abwehrende Ausdruck gewesen, der mir immer so wehtat.
Und daran habe ich nicht von selbst gedacht! Das mich jemand wie die alte Marie mir erst sagen!
Mes Häßliche und Schwere, allen Tod Zudecken mit Leben, immer wieder wachsendem, unerschöpflichem Lebe«.
Ihres Täters Tochter.
Roman von Lulu von Strauß und Torney.
(Nachdruck verboten.)
(Fortsetzung.)
16. Juli.
Zeitungsnekrologe, einer nach dem andern. Geschreibsel wildfremder Leute, die klug tun, über ihn reden, mit dem ärmlichen Talglicht ihres Geistes in seine Seele hineinzu- leuchten glauben. Was wissen sie denn von ihm? Sie kennen ihn ja gar nicht. Es kannte ihn keiner als ich.
Es empört mich förmlich. Sie wollen mir das Letzte, Einzige nehmen oder fälschen, ivas ich habe — die Erinnerung an ihn!
17. Juli.
Millionen machen das gleiche durch wie ich, sage ich mir. Ein banaler Trost. Ich verstehe eben nicht, wie sie es können. Ich begreife niast, daß eine Welt existenzfähig ist, die solche ungeheure, unermeßliche Last von menschlichem Schmerz zu schleppen hat. I h begreife nicht, daß es noch Menschen gibt, die leben mögen.
Ich hasse das Leben, in dem es den Tod gibt!
18. Juli.
Ich weiß nicht, ob es draußen regnet oder sonnig ist. Ich weiß kaum, ob es Tag oder Rächt ist. Rur, daß nachts alles noch furchtbarer und erdrückender wird.
Dieses schreckliche Vermissen, jeden Tag mehr! Immer wieder bei irgend einer alltüg.ichen Kleinigkeit das rasche instinktive Gefühl: das muß ich ihm gleich erzählen, darüber muß ich Vater fragen. Und dann das plötzliche Erinnern: ach so, er ist ja tot!
Ich kann Vaters Bilder nicht mehr ansehen, es macht Mich förmlich krank. Ich gehe auch nicht mehr in seine Stuben. Ich schließe mich hier oben in meine Kammer ein. Wenn ich Maries Schritt im Haus höre, fahre ich zusammen.
Meine ganze! Seele ist wund und schmerzt, wo ich sie 6CTÜt)TC.
Ich weiß nicht, ioas werden soll. Mein Leben ist von seiner Wurzel abgeschnitten. Kann es Überhaupt noch weiter wachsen?
19. Juli.
Tod? Was ist denn Tod?
Ich bin mit Marie auf den Kirchhof gegangen. Da war ein frischer Erdhaufen, zugedeckt mit verwelkten, häßlich riechenden Kränzen und verregneten, geschmacklosen Bandschleifen. Was hat mein Vater damit gemeinsam? Mein Vater, der lebendige Schönheit und Sonne und wachsendes Grün lieb hatte?
20. Juli.
Ich will nie wieder auf den Kirchhof gehen. Nie!
Ich bin diese Nacht tote im Fieber gewesen. Als ich


