Ausgabe 
30.11.1910
 
Einzelbild herunterladen

Kostüm augetrippelt, und nach einigen Minuten plätscherte die ganze Gesellschaft im Wasser. Nur Meschedi Abbas, der seine eigenen hygienischen Grundsätze hatte, fand die neue Verordnung übertrieben und begnügte sich damit, vom Ufer aus zuzuschauen, wie die andern badeten. 'Nach der Körper­wäsche kam die Reihe an die Kleider, die ausgewaschen, mit dem Waschholze geklopft und am Ufer ausgewrungen wurden, und am Abend flaggten meine Leute mit ihren an den Zeltstricken aufgehängten Lumpen.

In der Dämmerung begab ich mich nach dem Zelte des Abbas Ali Chan, wo sich die Honorationen von Bendan bereits versammelt hatten. Dort traf ich den Telegraphen­vorsteher Mirza Ali Chan, denKafile-baschi" oder Ober- aufseher der Karawanen des Gouverneurs, Agha Muhamed, den Inspektor des Quarantänehauses, und einen Armenier, der in Seistan beim Zoll angeftellt und nun auf der Reise dorthin war. Das Essen bestand aus ganz vorzüglichem persischen Pilau, Eiern, Brot und Tee, und ich entbehrte mein ewiges altes Huhn durchaus nicht.

Der indische Arzt erzählte, daß Seistan an und für sich ein reiches, fruchtbares, gut bewässertes Land sei, jedoch arme, unterdrückte Bewohner habe, weil der Gouverneur von Mesched das Volk anssauge. In Persien würden näm­lich die Gouverneurstelleu an Den Meistbietenden verpachtet. Der Gouverneur vou Mesched bezahle der Regierung für seine Stelle jährlich 150 000 Toman; um diese Summe aufzubringen und noch ebensoviel in seine eigene Tasche zu stecken, sauge die Exzellenz ihre Provinz aufs schamloseste aus. Ein solcher Gouverneur befördere das Umsichgreifen der Pest; durch die Armut, in die er das Volk bringe, werde es in hohem Grade für die Krankheit empfänglich gemacht. Wenn es auf dieser Erde, auf der alles verkehrt zugehe, Gerechtigkeit gäbe, hätte der Kerl längst gehängt werden müssen. Aber er könne tun und treiben, was er wolle, die Regierung müsse ja ihre 150 000 Toman haben. Das schlimmste sei jedoch, daß alle andern führenden Männer in Persien eigentlich auch gehängt werden müßten, denn so, wie das Land jetzt verwaltet werde, müsse es seiner Vollständigen Auflösung und seinem sicheren Untergang mit großen Schritten entgegengehen.

Dann kam die Rede auf das Schicksal meiner Kamele, und da ich mich jetzt inmitten der vornehmsten Leute des Ortes befand, erbat ich mir ihren Rat in dieser Sache.

Ja," war die Antwort,wollen Sie um diese Jahres­zeit Ihre Kamele mit heiler Haut durch Seistan bringen, dann müssen Sie sich sehr beeilen, sonst werden sie Ihnen von Bremsen aufgefressen; schon hier bei Bendan haben wir diese ©;rie, aber in Seistan ist es noch vi l ärger."

Es ist acpo schon zu spät tut Jahre, um mit Kamelen durch Seistan zu ziehen?"

Wenn Sie das Land schnell durchziehen, ohne in Nas- retabad' haltzumachen, werden Sie sie unversehrt nach der Grenze am Kuh-i-Malek-Siah führen können; halten Sie sich aber auch bloß zwei Tage in Nasretabad auf, so werden die Bremsen ihnen den Garaus machen."

Das schlimmste ist", rief ein anderer aus,daß Ihre Kamele aus dem Norden sind; sie können die in Seistan herrschende Hitze nicht ertragen; Sie werden sie unter allen Umständen verkaufen müssen, bevor Sie Ihre Reise durch Belutschistan antreten."

Wie wollen Sie Ihre Kamele über den Hamun bringen?" fragte der Doktor.Es gibt keine Möglichkeit, fie ohne zeitraubende Umwege über das Wasser zu führen."

Nun erhob der Kafile-baschi seine Stimme und sprach: ,»Wenn es Ihnen recht ist, werde ich dafür sorgen, daß Sre Ihre zwölf Kamele verkaufen können; verkaufen müssen Sie sie ja unter allen Umständen/ und Bendan ist der letzte Ort, wo dies geschehen tonn."

Gibt es denn hier in Bendan jemand, der sie kaufen möchte, und auch die Mittel dazu hat?" fragte ich.

Ich würde sie Ihnen abirehnren", antwortete der Kafile- baschi.

Wieviel Bieten Sie mir?"

Ich kann bis zu 450 Toman für die ganze Karawane ßeBeii."

Sollte ich mich wirklich, auf diesen gemeinen Sklaven­handel einlassen?600 Toman?" schlug ich aufs Gerate­wohl vor. Das Geld war mir hierbei ja nicht die Hauvt- sache, ich dachte mehr daran, wie bitter es mir sein weroe, mich von den Tieren trennen zu müssen. Doch nach der Beschreibung der Bremsen blieb mir keine Wahl, ich kannte

747

diese Höllengeister vorn Lop-nor her nur zu gut. Der eiuzigs Dienst, den ich meinen treuen Kamelen würde leisten können, war, daß ich ihnen Seistan und seine Hitze ersparte, die sie noch nicht kennen gelernt hatten. Sie waren gewöhnt, nur nachts und in kälteren Gegenden zu arbeiten, keines von ihnen war auch nur bis Buschehr hinunter gekommen. Es wäre barbarisch gewesen, wenn ich sie gezwungen hätte, durch einGermsir" mit Wolken von Bremsen zu ziehen.

Nach vielem Feilschen einigten wir uns auf 500 Toman> und der Kafile-baschi erklärte sich Bereit, mir 400 in Silber- gelb auszuzahlen und mir für den Rest ein Pferd zu geben, das 100 Toman wert sei. Aber ich habe stets vor Roß­täuschern Angst gehabt und sagte daher, daß ich für das Tier keine Verwendung habe. Nun ging er daraus ein, mir die ganze Summe in Silber zu geben. So war Die Schandtat denn abgemachte Sache, aber mir hätten den ganzen Abend die Tränen kommen mögen.

Spät abends machte ich meinen Abschiedsbesuch bei den Kamelen, die, nichts Böses ahnend, in zwei Kreisen um ihre Häcksel- und Baumwollsaathaufen Herumlagen. Ich streichelte und liebkoste meisten alten Träger immer wieder, und er rieb seinen zottigen Kopf an mir und sah mich mit seinen großen, braunen Augen an. Er war sieben Jahrs alt, und Meschedi Abbas sagte, daß er noch zehn Jahrs arbeitsfähig sein werde; ich fragte mich, wie viele Arbeits­jahre mir selbst Wohl noch beschieden sein werden! Ich wagte kaum zu sprechen, um mich nicht durch das Beben meiner Stimme zu verraten, als alle meine Leute in wehmütigem Schweigen um mich herumstanden. Das Licht der Stallaterne siel mit bleichem, gelbem Schein auf diese Menschen- und Tiergruppe.; Drei Monate hindurch hatte ich diesen großen Kopf vor mir gehabt; es erschien mir un* endlich lange her zu sein, daß wir Teheran verlassen hatten, Gulam Hussein sagte, das Kamel verstehe, daß es ver­kauft sei und daß es in andere Hände übergehen werde; es erkenne seine hilflose Lage und fein Wunsch, wenn es nur reden könnte, sei, uns zu bitten, trotz aller Bremsen aufs der Welt doch bei uns bleiben zu dürfen. Meschedj Abbas war anderer Meinung; das Kamel wisse noch nicksts von dem ihm Bevorstehenden Schicksal; erst morgen, wenn der neue Besitzer mit seinen Leuten komme und es mit feinen zwölf Gefährten wegführen lasse, ohne, daß einer der Unfern nritgehe, werde das Tier sich sagen, daß alle Hoffnung ver­loren fei und unsere Wege für immer anseinandergmgen. Und dann umarmte der redliche Abbas das Kamel nndj küßte es mitten auf das Maul.

Die Trennung von diesen großartigen, schweigendes Wüsten, ihren Palmen, Dörfern und Burgen wird mir nicht schwer, habe ich sie doch in Wort und Bild in meinen Büchern. Der Abschied von meinen Leuten geht auch noch- ziemlich leicht; wenn man einen Einblick in ihr Leben getan hat und fie gründlich kennt, und sie ihren Lohn erhalten haben, sagt mau ihnen einfach Lebewohl, und fie gehen neuen Geschicken entgegen. Aber von den Ka­melen und ihrer grenzenlosen Treue Abschied nehmen zu müssen, wird mir unendlich schwer! Es tut mir leid, fie ins Ungewisse fortzugeben; ich komme mir dabei so undankbar und treulos vor, und das Herz tut mir weh, wenn ich nur daran denke.

Alles Brot, das sich in Bendan für Geld erstehen ließ, wurde aufgekauft, und am'späten Abend gab ich meinen Kamelen einen ordentlichen Schmaus und teilte ihnen selbst die Fladen der Reihe nach auch, soweit der Vorrat reichte. Sie freuten sich der üppigen Bewirtung und fragten sich wohl in ihrem stillen Sinn, was denn eigentlich los sei, daß sie armen Arbeitskamele ohne alle Veranlassung nut Brot gefüttert würden.

Wilhelm Raabe über die Volksschule.

In seinemHungerpastor" erzählt der jüngst verstorbenÄ Altmeister deutscher Dichtung auch von einer Armenschule, Wick man sie im ersten Drittel des 19. Jahrhunderts und auch später noch in nicht wenig Orten finden konnte:

In einem dunklen Sackgäßchen, in einem einstöckigen Gebäude,, welches einst als Spritzenhaus diente, hatte die Kommune dick Schule für ihre Armen eingerichtet, nachdem sie sich so langej als möglich geweigert hatte, überhaupt ein Lokal zu so über-t flüssigem Zweck herzugeben. Es war ein feuchtes Loch; tast M jeder Jahreszeit lief das Wasser von den Wänden; Schwämme! und Pilze wuchsen in den Ecken und unter dem Pult des Lehrers, Klebrignaß waren die Tische und Bänke, die während der Ferien stets ton einem leichten Schimmelanflug überzogen wurden Vmtz den Neustem wollen, wir lieber nicht reden.; es war Sein Wunder/