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Ivar. Früher war ihr das Geschäft ziemlich gleichgültig gewesen: da hatte sie alles dem Herrn Ckamard über­lassen, der als ausgezeichnete Kraft galt. Aber seit kur­zem bekümmerte sie sich persönlich um alle Einzelheiten des Riesenbetriebes. Sie war eine firme Reiterin, sie fuhr auk die Rebhuhnjagd, sie radelte und führte selber ihr Automobil; sie war bei den Weinproben zugegen und wahrhaftig, sie probte auch mit sie verhandelte -mit ihrem Bankier, als kenne sie die Börsenströmungen ganz genau, reiste zuweilen mutterseelenallein nach Paris, um sich die neuesten Bühnenstücke anzusehen, hielt sich aber sonst- von aller Gesellschaft fern. Und das ärgerte die andern besonders. War es nicht auch eigentümlich: diese Reine Dame lebte mit einer langweiligen Beschützerin ihrer Tugend und zwanzig Domestilen in ihrem Palais und scherte sich sonst um keinen Menschen. Kein Wun­der, daß sich da die dümmsten Gerüchte über sie ver­breiteten!

Aber von diesen Gerüchten wollte Fritz nichts hören. Mr stand aus und empfahl sich, um auf seinem Zimmer eine kurze S-iesta zu halten. Es wurde nichts daraus. Der Portier lies ihm auf der Treppe nach, ein Telegramm in der Hand, das erregende Nachricht brachte. Kesselholz depeschierte:Bitte Einignngsvorschläge Hinhalten, bis mein Eilbrief in Ihren Händen. Protokoll des Herzogs eingetroffen mit für uns günstigen Aussagen. Gestern abend ist Helldorf zwischen Schrattstein und Gelcheim vom Bahnzuge nbersachren worden und war auf der Stelle tot."

Mit mechanischer Bewegung steckte Fritz das Papier In die Tasche, ging auf sein Zimmer und warf sich aus das harte, lederbezogene Sofa. Ihm war, als erhöhe die Kürze des Telegrammstils das Pragische der Mitteilung. Helldorf tot derselbe Zug, der ihn gestern nach Köln geführt, war über den Körper des unglücklichen Menschen dahingebraust. Ohne Zweifel: es lag ein S lbstmord vor. >,Es hat sich jemand auf die Schienen geworfen," hatte grstern abend der Schaffner geantwortet: d..s war Hclldorf gewesen. Er hatte den Tod gesucht. Es war das Ende eines unhaltsamen Medergangs, der in dem Augenblick begonnen, da er Diane Ambronn kennen gelernt hatte. Die Dirne, die sich an ihn gehängt, hatte ihn in die Tiefe gezogen.

Rasch drängten die Erinnerungen ,aN den Toten sich zusammen: an die fröhlichen Tage, die er mit dem Freunde von einst zusamftieii verlebt, bis auf jene Stunden, da ein armseliger Bettler vor ihm gestanden hatte, um die Ber- günstigung flehend, seinem Hause die verlorene gesellschach-- kiche Ehre wieder zu geben.

Fritz schüttelte sich. Es mußte vergessen werden. Den Freund hatte er schon lange verloren; sein Tod riß keine Lücke in sein Leben. Und so war es auch mit Vater und Mutter gewesen; auch sie hatten nichts an leeren Stellen Alrückgelasfen. Das Leben ging weiter, ohne Eltern und Freunde; um so stärker sollte es werden und um so kraft­voller in der Wehr gegen schädigende Beschwerung.

Da war der andere Passus des Telegramms: das Proto­koll des Herzogs sprach in günstigem Sinne für die Sache »er Friedels. Fritz lächelte; er freute sich. Er wollte schlau sein und der Kvmteß noch nichts von dem Umschwung der Pinge erzählen. Hatte er aber in der Tat das Hest in der Hand, so sollten ihn auch die nußbraunen Augen und das herzige Lächeln der Kleinen nicht stören, seinem Recht zum Siege zu verhelfen.

Er hatte seinen Frackanzug im Koffer, ohne den er nie über die Grenzen Deutschlands reiste. Und nun machte er sorgfältig Toilette, mit einer gewissen Eitelkeit, die ihm spaßig erschien, knüpfte eine neue weiße Krawatte um den Kragen uno spritzte drei Tropfen Parfüm in das Taschen­tuch, setzte den Zylinderhut auf und ging nach der Villa Hoche.

Kvmteß Andree empfing ibn im großen Salon Und stellte ihn der Madame Bailloud vor: einer zierlichen klei­nen Frau von etwa sechzig Jahren, im Aeußern der Typus der Marquise im französischen Konversationsstück des Vorigen Jahrhunderts; ungemein viel auf Formen gebend, sehr ge­wählt sprechend, geistreichelnd und immer gern mit einem zweifelhaft passenden bon mot .zur Hand.

Das Diner fand an einem kleinen Tische in einem riesigen Speisesaal statt, dessen Wände mit Gobelins ver­hängt waren, derer» bunte Farbenpracht im Halbdunkel ver­dämmerte. Denn nur auf dein Speisetisch brannten elek­

trische Lichter, deren Widerschein durch Schirmchen gedampft wuroe, wahrend der sonstige große Raum nicht erleuchtet war. Im übrigen Ivar die Tafel mit feinem Geschmack gedeckt und Silber, Porzellan und Kristall von erlesener Vornehmheit. Drei Diener servierten, ein Haushofmeister dirigierte mit kaum merkbarer Handbewegung.

Bevor man sich niederließ, neigte Madame Bailloud den gepuderten Kopf wie zu einem leisen Gebet und be­kreuzigte sich. Fritz tat ihr den Gefallen, das Zeichen zu wiederholen, und sah sofort ein Aufleuchten auf dein Ge­sicht der alten Dame, das zu sagen schien: Gottlob, er ist kein Ketzer! Aber dann setzte die Unterhaltung- auch gleich fröhlich ein.

Fritz bezckuberte Madame Bäilloud. Wen;» er in Stim­mung war, konnte er sehr liebenswürdig sein. In diesem Falle »nachte es ihm besonderen Spaß, die Ehrendame der Komteß mit flatternden Fahnen zu gewinnen. Er be­geisterte sich für den Legitimismus; er ließ in bisfrcter Weise durchblicken, daß er den Feldzug der französischen Regierung gegen die Kirche mißbillige; er schwärmte mehr für Racine als für Molisre, sprach gutes über Frcinyois Copps uitb weniger gutes über Mailpassant und gab seiner tiefernsten Ueberzeugung Ausdruck, daß das moderne Zei­tungswesen die öffentliche Moral gründlich vergifte.

Der Komteß erschienen diese gefällige»» Bemerkungen anfänglich beferindlich und so gar »licht zu Erscheinung Und Wesen des Herrn Friedel passend, daß ei»» leicht staunender Ausdruck in ihr Auge trat. Dam» »nerkte sie wohl die Absicht und lächelte, begann ihn aber nun durch geschickten Widerspruch in die Enge zu treiben. Es reizte sie sichtlich, Fritz für seine kleine gesellschaftliche Heuchelei zu strafen, der übrigens die Antwort nicht schuldig blieb, so daß die Unterhaltung lebhaften Fortgang nahm. Es kam nicht oft vor, daß in diesem feierlichen Raum mit dev ernsten Pracht seiner Gobelins so fröhlich gestritten und so herzlich gelacht wurde.

(Fortsetzung folgt.)

Der Abschied von meinen Aamelen.

Von S v e»» Hedi»».

Wir ent»»eh»nen diesen Abschnitt mit Erlaubnis des Ver­lages F. A. Brockhaus dem soeben erscheinenden neuen Reisewerk:Zu Land nach Indien durch Persien, Seistan., Belutschistan. Bon Sven Hedin"; das wir' kürzlich schon mit besonderem Hinweise betonten.

Unter herabhängenden Palmenzweige»» hindurch bewegt sich unser Zug in der gewöhnlichen Ordnung vorwärts; seine Glocken läuten feierlich uni) dumpf. Diemäl aber »umtbelten wir nicht ungestraft unter Palmen, denn als wir seilseits der kleinen Festung und der stille»» Friedhofsgräber halt- machtei» und Meschedi Abbas.mein altes Reitl'amel nieder­knien ließ, wußte ich noch nicht, daß dies das letztemal war. und daß das treue Tier mich nie wieder durch Wüsten und Über die Berge tragen würde.

Wir lagerten am Ufer des Bendauflusses, dessen schwach- salzhaltiges Wasser so freundlich an unfern Seiten vorüber- floß. Die Höhe betrug hier 784 Meter, wir waren also im Verlauf des Tages über 300 Meter herabgestiegen, und es ist nicht zu verwundern, daß sich die Wärme fühlbar »nachte. In der Nähe war eine größere Hütte Reisenden aus Seistan! eingeräumt, die sich dort fünf Tage hindurch beobachten lasser» mußten. Neben uns hatte der indische Arzt Abbas Ali Chai» sein Empfangszelt, in dem alle von Osten her kommenden Reisenden untersucht wurden. Er empfing uns sehr liebenswürdig, lud mich zu Mittag ein und erzählte mir, daß in Nasretabad, als die Pest dort am ärgsten gewütet habe, täglich 20 Todesfälle vorgekoinmen fe en, daß die Seuche jetzt aber im Abnehmen begriffe»» zr» ein scheine. Die daran Gestorbene»» feien meistens arme Leute gewesen, die der Hunger scho»» geschwächt habe. In den Baracke in Bendan habe er jetzt keine verdächtigen Fälle, aber er rate uns auf alle Fälle zu großer Vorsicht; Rein­lichkeit fei eines der zuverlässigsten Borbeugungsmittel gege,» die Krankheit.

Ich ermahiite daher meine Leute, sie sollte,» sich täg­lich waschen, und ich war kaum mit meiner Rede fertig, als auch schon ein allgemeines Baden erfolgte. Zuerst sah »nan Abbas Kuli Bek splitterfasernackt im Flußbett stehen und sich mit einem Eimer eine Dusche nach der andern über den Kopf gießen. Dann kam Mirza in sehr leichtem