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1910
Samstag den 30. Juli
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Das schlafende Heer.
Romast von Clara Viebig.
lFortschung.) (Nachdruck verboten.)
Es war Frelikowski, der Förster, der die Trunkene Hinausgeworfen hatte. Er pflegte oft im Krug von Pociecha einzukehren — dieser war der nächste seinem Revier >— wer wollte es ihm auch wehren? Aber jetzt stand der stämmige Mann doch einigermaßen verlegen vorn: jungen Vikar und zwirbelte die Spitzen seines mächtigen Bartes. Er entschuldigte sich: der Herr Vikar sollte nur nicht denken, daß er etwa nicht nüchtern sei, aber wer hieß das Weib, ihn anfallen? Ganz ahnungslos war er hier eingetreten, um bei der grimmigen Kälte was Warmes zu trinken — der Herr Vikar glaubte es gar nicht, was so ein Förster eine Rot mit den Wilddieben hatte., kauni daß es dunkelte, mußte er aus den Beinen sein und das Revier im weiten Umkreis durchstreifen! Psia krew! Die Ansiedler, ja, die waren's, die alle keinen Respekt hatten vor des Herrn Wild !
„Die Ansiedler?" Der Vikar wurde rot. „Die Ansiedler — irren Sie sich auch nicht, Herr Frelikowski?"
Der Förster lachte. „Ich kenne meine Vögel! Fuchseisen legen sie auf den Weckern, die Halunken, hat sich neulich mein bester Hund drin gefangen. Daß der'Wolf sie fresse! Ich werde einmal ihre Gärten visitieren j— bei dem großschnauzigen Rheinländer zuerst — m ächt' ich doch wetten, daß da Hasenschlingen sind, die Masse! Glauben der Herr Vikar," — er blinzelte — „daß man darum kurzen Prozeß mit ihnen wachen dürfte? Der Herr Vikar könnten uns raten, wir würden dem Herrn Vikar sehr dankbar sein!" Frelikowski hoffte, so das Gespräch von der Ciotka abzübringen, aber der Vikar ging auf den Grund: was hatte das Weib getan, daß es hinausgeworfen ivard?!
Mau hörte jetzt in der schnell sinkenden Dämmerung, wie sie sich jammernd und schimpfend davon machte.
Zum Teufel, wenn der Herr Vikar es denn wissen wollte — Frelikowski hatte sich wiedergefunden, brntal stellte er sich auf —, ja, wenn er es nur selber wüßte! Eingetreten war er eben hier, ganz harmlos, da war ihm die Hexe an den Hals gesprungen wie eine Katze, hatte geschrien: „mein Geld, mein Geld!" und hatte ihn wütend dabei gekratzt. He, war's nicht so gewesen?!
Mit seinen kalten Augen sah er sich scharf im Streife um; da nickten sie alle: ja, ja, so war's. gewesen!
„Hundeblut" hatte sie ihn geschimpft, „Spitzbube!" Und das sollte er sich gefallen lassen?!
„Hier, Hochwürden, hier," — er schlug auf feiste Brust ?— „hier schmücken die Ehrenzeichen meinen Rock! Ich habe gedient! Ich werde wich von so einer San doch nicht „Spitzbube".schimpfen lassen?! Sie hat wohl geträumt oder war betrunken, die Ciotka, oder —!" Er hielt an und sah sich um, als traue er sich sticht recht, und sprach dansi leiser.
mit Achselzucken: „Sie spricht, der Niemczycer habe gesagt, daß er mir Geld für sie gegeben habe — der Donnerstei^ soll mich erschlagen, wenn dem so ist! Ich denke, der Niemczycer wird wohl gelo—, aber nein, ich. swll's nicht gesagt haben!" Rasch hielt er sich selber den Mund zu. „Das wissest doch der Herr Vikar am besten, wer nicht den rechten Glauben hat, der —"
Er brach wieder ab und zuckte die Achseln.
Zerstreut uickte der Geistliche, er hatte gar nicht recht zugehört. Sein Blick hatte die Wirtsstube durchforscht, unter deren Eingastg er jetzt stand; der svidrige Dunst von Fusel und Tabak, der ihsn entgegenschlug, machte ihm Nebelkeit, aber er zwang sich, zu bleiben.
„Geliebte," sprach er mit leiser und doch eindringlicher Stimme, iudent er jeden einzelnen besonders ins Auge faßte, „es ist nicht fein, wenn ein Bruder und eine Schwester miteinander streiten. Seid einig — um zu streiten gegen die — so nicht von den Euren sind!" Er sprach ein wenig stockend, eist Gedanke war ihm erst jetzt gekommen, plötzlich, beim Anblick der erhitzten Gesichter; nust nützte er ihn aus.
Rascher, fließender sprach er weiter: „Ihr habt gehört, was der Frelikowski gesprochen hat: „so jemand nicht den rechten Glauben hat". Am nächsten Sonntag werde ich euch eingehender von jettest sagen, die nicht den rechtest Glauben haben, heute aber schon sage ich euch: Hütet euch!" Er sprach das „Hütet euch" plötzlich ganz! stark, so daß auch diejenigen,! die verschlafen die Lider gesenkt ustd die Lippen hatten hängen lassen, aufmerkten,
„HÜttzt euch dor den Wölfen, die ist Schafskleidern zu euch kommen, vor den Vögeln, die eins liebliche Stisnine haben ustd euch mit Versprechungen locken! Ihre Versprechungen halten sie nicht, sie sagen: sie .wollest euch Wohl, aber —i hört!" Die Stisnine dämpfend, flüsterte er ganz leise, als raune er, selber erschrocken, ihnen etwas Entsetzliches zu: „Mast bedroht eurett Glaubest! Man bedroht euer Vaterland! Eure Kinder sollen nicht polnisch mehr sprechen! Nicht polnisch mehr soll der Lehrer sie unterrichten! Ihrs Muttersprache werdest sie verlernen! Ihr werdet eure Kinder nicht mehr verstehen, und eure Kinder werdest euch nicht mehr verstehen!"
Er machte eiste Pause, und als sie ihn alle verdutzt anstarrten, erhob er laut die Stimme wie zu einem Schrei, während leidenschaftliches Rot seine bleichest Wangen über- flantwte: „Polnische Väter — polnische Müller vor allem! wollt ihr das leiden?!"
„Psia krew!" Einer, der noch ein wenig helle war, fluchte. Die Kinder solltest nicht mehr polnisch sprechen? Ei, das wäre, was sollten sie denst sprechen?!
„Deutsch, du Esel," brüllte der Inspektor, der auch noch Zugegen war, und stampfte mit dem schweren Stiefel auf. „Deutsch! Rur deutsch werden sie sprechen — „evan- gelisch", wenn du das besser verstehst! Ein Hundsfott, wer das zaläßt!"


