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..Hussa, kommt mir einer unter die Fulger aus der, deutschen Schule," drohte Frelikowsti, „der soll mich kennen lernen! Ich hänge ihn au den nächsten Baum!" Sem kalter Blick suchte unter den Leuten: „Frhkacz, hättest du 1 Nestern nicht einen Hasen im Kartoffelsack? @in zweites I Mal lasse id-i dich nicht durchschlüpfen! Und du, Swoz, — der Nachtwächter machte sich noch kleiner, als er so schon wär —, „dir sage ich, wenn deine Enkeltochter noch einmal
. Reisig sucht und knickt dabei Neste ab, so werd' ich der Stute eins auf den Hintern geben, daß er ihr morgen wird blau sein!" ,
„Kommt einer zu mir und fragt um Arbeit, der feine Kinder deutsch sprechen läßt," schrie der Inspektor, „der wird sich schneiden! Ich habe keine Arbeit für solches Pack! Niech zyje Polskä!" .
„Niech zvje Polskä!" Sie schrien es alle nach.
Da fuhr der alte Dudek, der, den Kopf auf beide Arme gelegt, ganz allein noch am Tisch gesessen hatte, empor. Das „Es lebe Polen!", das hörte er bis in den tiefsten ' Traum.
Die Hand hinters Ohr legeiid, sich vorneigend, pue ein zitternd Lauschender, drängte er: „Hört ihr sie? Trommeln sie im Lysä Gora, Brüder?" Schluchzend lallte er und siel dem nächsten um den Hals: „Die Stunde ist da! Auf, laßt uns eilen — ihnen entgegen — noch ist Polen nicht ver—lo—reu!" , t „ ,.
Er raffle sich auf und wollte zur Tür, mit den Händen wild fuchtelnd; aber der Schnaps war zu kräftig gewesen, der zog ihn zu Boden.
Die andern wollten lachen, aber der Vikar sprach rasch:
,Hört ihn, er hofft äüf das schlafende Heer ! Polen hofft äuf das schlafende §eer! Wer nicht aus dem Lysa Gora wird das schlafende'Heer auferstehen, nein, ihr selbst, ihr älle hier, ihr seid das Heer, das erstehen wird, Polen zu befreien! Stehet auf, rüstet euch! Ihr seid bestimmt dazu von Gott dem Herrn, des Waterlandes Retter zu sein!"
In leidenschaftlichem Drängen streckte er die Arme gegen sie: „Ich bitte euch, ich beschwöre euch, erwachet! Halte jeder feinen Glauben hoch! Euer Glaube ist eure Waffe, das stärkste Schwert zu Polens Befreiung! Und laßt eure Kinder nur polnisch sprechen, nur polnisch lernen! Haltet tat eurer Sprache fest — wie wollt ihr recht glauben, wenn ihr nicht recht sprechet?! Nur polnisches Gebet dringt zu Gottes Ohr! Und so jemand hier wäre, der" — langsam blickte er in der Runde, seine bis dahin weichströmende, bittende Stimme wurde streng — „der dieses vergäße, so hätte ich das Recht, ja die Pflicht, ihm die Segnungen und Gnaden der Kirche zu verweigern. Bedenket alle, jetzt ist die Zeit, in der der Teufel umhergeht, euch zü sieben. Wie das Sieb unzählige Löcher hat, so gibt es zu dieser Zeit unzählige Gelegenheiten zum Abfall vom Glauben. Hütet euch!"
Er hob den Finger, seine Miene ward undurchdringlich brnst. „Wer sein Kind- lieft hat, der gibt seinem Kinde Brot aber er gebe ihm vorerst das Heil der Seele.! Denn män wird, dereinst die Seelen eurer Kinder von euch fordern! Hütet euch!" _
Stärk hatte er geschlossen. Totenstill war's im Raum, kein Füßeschärren, kein Räuspern zu vernehmen. Rasch sah der Wilar noch einmal rundum! — ein leichtes Neigen des Kopfes und. fort wär er.
Dä brach es los: „Was, was hat er zu uns gesprochen?" „Unsere Kinder sollen nicht polnisch mehr sprechen dürfen?"
„Unsre Kinder werden nur deutsch sprechen?"
„Nur deutsch wird der Lehrer sie fortab lehren?" „Wir werden unsre Kinder nicht mehr verstehen, und uufre Kinder uns nicht mehr!"
„Ihr Gebet wird dann nicht Mehr erhört werden, und sie werden in die Hölle kommen!"
„Und wir werden auch brennen, weil wir sie evangelisch Werden ließen!" _ „ .
„Psia krew" — sie brüllten alle auf —- „unsre Kinder sollen nicht verderben! Schlagt die tot, die ihnen Uebles wollen, die Wölfe in Schafspelzen, die Vögel mit der lieb- Tieften Stimme!"
“ Wen meinte eigentlich der Vikar damit: Wölfe in Schafspelzen?! Ganz verstanden hatten sie ihn doch nicht..
„Ei, Dummköpfe, wen anders denn, als die Deutschen?!". Wüßten sie das denn noch nicht? Die waren eine gefährliche Sippschaft, aber der schlimmen Sippe Schlimmster war der Niemczhcer! Jü des Inspektors Stimme bebte Häß: der Niemczhcer, der hochnäsige Niemiec, der sich zu vor-
*) Dimgus oder Smig'ust: Sills des Begießens oder des UiM.tcmck ms Mü,Wasser am zweiten Osterfeiertag.
nehm deuchte, einen polnischen Inspektor zü grüßen, über den wegguckte, als wäre er Luft, der war schuld, daß die, Kinder nicht mehr polnisch sprechen durften! Der war an allem Uebel schuld! . < , Y, .
„Der Niemczhcer, ja der ist schuld," das wiederholten sie alle; es leuchtete ihnen ein, denn Pan Szulc 'wußte es ja genau: der Niemczhcer war beim Landrat in der Stadt gewesen, um zü verpetzen; Löb Schöftel hatte seinen Wagen dort halten sehen. c
„Gerbt ihm das Fell, dem Kerl, dem Niemczhcer - brüllte der Förster, „was braucht's da noch lange Reden! - Frelikowski hatte es dem deutschen Baron nicht vergeben,, daß er ihm bei der Treibjagd einen Anschnauzer eingetragen, wie er zeitlebens keinen hatte einstecken müssen, und noch dazü vor den Gästen. Er hetzte: „Nehmt ihn nur scharf aufs Korn, wenn er euch in Schußweite kommt. Piff, paff! Bringt ihn zur Strecke!" .. . , '
Sie schrien alle durcheinander. Het, dem Teufel, dem Schuft, dem Drachenkopf, dem wollte man wohl das Handwerk legen! Der sollte sich unterstehen, polnischen Kindern! ihr Polnisch zü verbieten! An den Beinen aufhangen wollte man ihn, ihm die Ohren abschneideu, die überall hin- horchten! Könnte mäü ihm nur an den Leiv, dem Niemer zhcer, dem Hund, dem verfluchten Niemiec!
Ein entsetzlicher Lärm entstand. Vergebens warf sich Eljakim Hirsch über den Tisch Und breitete die Arme schützend über seine Gläser, er wurde zur Seite geflogen, und dm Gläser wurden gegen die Wand geschleudert, daß sie klirrend eft eilten.---— 1— ,
Lehrer Ruda wälzte sich unterdes uiiruhig in feinem! Bett, ihm schwante nichts Gutes. Ein Geschrei kam voM Krug her; über die nachtstille Dorfstraße drang es weit/ bis bin zur Schule. Hilf Himmel, heilige Mutter, jetzt klang es schon näher! Horch!
„Es lebe Polen!" . ..
O weh! Ignaz Ruda wickelte sich fester ein, ihn ftng sehr tat zu frieren. Warum brüllen die so? Wußten! die schon etwas? Sie würden doch nicht ihm auf den $bctl§ Tiiccctt ?!
Ein Stein, plötzlich gegen die geschlossenen Fensterläden der Schulstube geschleudert, war die Antwort
Furchtsam zog sich Ruda das dünne Deckbett bw über die Ohren.
„Hund, Spitzbübe, Halunke, komm heraus!
Da fuhr er geschwind aus dem Bett in die Hose.
, Schwein, komm heraus, oder wir schmeißen dir pte Schule über dem Kopfe zusammen!"
Da schlüpfte er zitternd in die Flickenpantoffeln.
Ein Hagel von Steinen prasselte gegen die Laden und Wand. Blaß wie der Tod stand der Lehrer, die Zahne; klapperten ihm. t ...... ..
„Du Hundeblut, für hundert Groschen wurdest du die Seelen unserer Kinder verkaufen! Wir wollen es dir schon beibrinqen, das Polnisch-Lehren! Kummer heraus! In den Pfuhl werden wir dich tauchen wie die Mädchen beim Dyn- aus!*) Bei der heiligen Mutter, wir schwören es dir!"
Da machte er sich sinnlos vor Angst auf die Flucht.-
Durch das kleine Hinterfensterchen der Schlafkammep zwängte er sich, durch eine Lücke des .Hofzaunes kroch er und entkam so, hinter den Zäunen her, auf allen Vieren schleichend. Nur mit Hose und Pantoffeln angetan, klopfte er, Zuflucht suchend, au der Hintertür der Pröpsten —
Die 'eilige Kälte der Nacht scheuchte die Trunkenen bald unter Dach. Der Niemczycer war nicht da, und der Lehrer, dem sie an seiner Statt an den Kragen gewollt hatten, kam nicht heraus; so gaben sie sich zufrieden. Noch einmal kehrten sie in den Krug zurück,
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Als Eljakim, der Wirt, beim Morgengrauen, nachdem! die letzten davongewankt waren, sich tu seine Schenkstube hineingetraute, etwaige neue Scherben aufzulesen, konnte, er wohl „Eiweih" schreien und die Hände jammernd erheben: das Bild-, sein schönes! Bild', auf Pas er so MI gewesen, wär von ruchlosen Händen aufs gröblichste fchim'psiert! Zerschnitten die Uniform, die blitzblauen Augen' ausgestochen! In der Brust des deutschen Kaisers' steckte ein polnischer Kuippefl
.(Fortsetzung folgt.)


