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Lin verhängnisvoller Ball.
(1810 — 1. IM — 1910.) .Von Karl Witte (Berlin).
Tie Reihe der glänzenden Feste, die im Frühjechr 1810 in Parts zu Ehren der Vermählung Napoleons mit der Erz- herzogiu Marie Luise veranstaltet wurden, sollte am 1. J!ulr prwch einen Ball bei dem' österreichischen Gesandten, pent Fürsten von Schwarzenberg, beschlossen werden. Das Kcuser- paar hätte sein Erscheinen zugesagt. In den vornehmen Meisen der französischen Hauptstadt sprach man länge vorher von den großartigen Vorbereitungen in dein nut .außerordentlichem Luxus ausgestatteten Gesandtschaftspatais. ,lus der Gartenseite war ein großer hölzerner Ballsaal errichtet, der mit den Gemächern zu ebener Erde durch eine Galerie in Verbindung stand und sich durch reichen inneren Schmück äuszeichnete. Bon der Mitte der Decke hing ein riesiger Kronleuchter herunter, an den Wänden, auch an denen her Galerie, fehlte es nicht an zahlreichen Halblüstres. Ausschließlich für die kaiserliche Familie sollte eine Estrade dienen.
Der Herr des Hauses hatte an dem festlichen Tage für die Honneurs außer seiner Gemahlin seinen Bruder, den Fürsten Josef, und dessen Gemahlin Pauline zur Seite. Etwas nach 10 Uhr trafen Napoleon und Marie Luise von St. Cloud ein, auf dem Ehrenhofe von Fanfarcnklängen begrüßt. Bon bcm Gesandten geführt, treten sie gleich nach ihrer Ankunft einen Rundgaug durch den Garten an, der sinnreiche Ueberraschungen der verschiedensten Art darbietet. Aus einem Apollotempel erschallt fröhlicher Gesang, und als der Kaiser und die Kaiserin ihren Weg durch die Kaskadeu- allee fortsetzen, klingen ihnen geheimnisvolle Töne aus einer unterirdischen Grotte entgegen. Gesänge in deutscher Sprache berühren an dieser Stelle das Ohr der österreichischen Kaiferstochter gewiß ganz besonders wohltuend, während dem Gehör ihres Gemahls unzweifelhaft die Trom- petenkläuge und die Triumtzhgesäuge lieber sind, die sich aus einem Tempel des -Ruhmes vernehmen lassen, wo üppige Frauengestalten in lebenden Bildern den Sieg, die Klio und den Ruhm darstellen und Wohlgerüche von goldenen Dreifüßen aufsteigeu. Auf einer Rasenfläche mit einem Ausblick aus die Nachahmung eines Pavillons im Parke von Laxenburg bei Wien, an den sich für Marie Luise so glückliche Jugenderinnernngeu knüpften, lenken die Tänze nach ländlicher Art die Blicke der hohen Gäste auf sich, die sich, von dem, was ihnen dargeboten wird, in hohem Grade befriedigt zeigen.
Schon hat die Mitternachtsstnnde geschlagen, und bis dahin ist alles nach Wunsch gegangen, bemerkt Jmbert de Saint-ÄMaud in seinem Buche „Die schönen Tage der Kaiserin Marie Luise". Fürst Schwarzenberg geleitet den Kaiser und seine Gemahlin mit ihrem glänzenden Gefolge nach dem Ballsaal, der fünfzehnhundert Personen fassen kann. Der Ball wird durch eine Quadrille eröffnet, bei der die Königin von .Neapel mit dem Fürsten Esterhazy tanzt, Eugen von Beauharnais mit der Fürstin Pauline voir Schwarzenberg. Nachdem die Quadrille beendet ist, »erläßt Napoleon die Estrade, um einen Rundgang durch den Saal zu machen. Er hat sich gerade von der Fürstin Pauline deren Töchter vorstellen lassen, als plötzlich ein leichtes Gewebe an einem Fenster in Braud gerät. Vergebens versuchen Graf Dumanoir, der Kammerherr des Kaisers, und mehrere Offiziere das Feuer in seinem Entstehen zu löschen: mit unheimlicher Schnelligkeit breitet es sich an der Wand und an der Decke aus, indem es überall! schnell entzündbaren Stoff vorfindet. Der Kaiser verliert trotz, der drohenden Katastrophe, die unter den Tanzenden und den Zuschauern lantauffchreiendes Entsetzen hervorruft, keinen Augenblick die Geistesgegenwart, sondern eilt, den österreichischen Gesandten zur Seite, nach der^ Estrade zurück, um seine Gemahlin aus dem brennenden Saale zu führen, so lange es noch Zeit ist. Offiziere seiner Garde, die an Verrat denken, decken seine Person mit gezogenen Degen. Fürst Schwarzenberg glaubt ihm die beruhigende Versicherung geben zu tonnen, daß die Ausgänge zahlreich genug seien, um den Verlust von Menschenleben zu verhüten. Marie Luise, die in deut allgemeinen grauenhaften Wirrwarr ebenfalls vollkommene Ruhe bewahrt, findet noch rechtzeitig ohne ernste Gefahr mit ihrem Gemahl au der Hand und dem Herrn des Hauses als Führer einen sicheren Ausgang nach deut Garten, den das Kaiserpaar durch
schreitet, um sofort den bereitstehenden Wagen zu besteigen und davonzufahren. Bald darauf kehrt Mpoleon zu der Inglücksstätte zurück, wo während feiner kurzen Abwesenheit das durch einen plötzlich ausgebrochenen Gewittersturm zu noch größerer Wut entfesselte Element schon schreckliches Anheil angerichtet hat.
Die in Ohnmacht gefallene Königin von Westfalen verdankt ihre Rettung allein hem Grafen Metternich; der Königin von Neapel und anderen Damen kommen Üm letzten Augenblick, als die Flammen sie schon umzüngeln, der Großherzog von Würzburg und Marschall Moncey zur Hilfe. Dem Prinzen Eugen gelingt es, nachdem die Kronleuchter 'chon mit furchtbarem Machen herabgestürzt sind, mit seiner halbbewußtlosen Gemahlin dem Feuermeer unversehrt zu entrinnen. Es will jedoch seine Opfer haben. Von den Töchtern der Fürstin Pauline Schwarzenberg hat sich die älteste gleich beim Beginn der Katastrophe in Sicherheit bringen können, vergebens jedoch sieht sich jetzt die Mutter n ihrer Herzensangst nach der jüngeren um, die auf ihre Angstrufe feine Antwort gibt. Der eigenen Gefahr nicht achtend stürzt sie in den brennenden Saal zurück, wo ein ürchtbares Schicksal sie ereilt, als sie sich mit der verloren Geglaubten schot: in Sicherheit wähnt. Bei Morgengrauen entdeckt man unter bett rauchenden Trümmern ihre halb- verkohlte, schrecklich verstiünmelte Leiche, die nur an ihrem Geschmeide zu erkennen ist. ,
Groß war die Zahl derjenigen, die mehr ober minder chwere Brandwunden davongetragen hatten. Int Latife >es folgenden Tages erlagen ihnen die Fürstin von. 'der Leyett, die Frau und Tochter des Generals Touzart, der selbst ebenfalls sehr ernst zu Schaden gekommen war. Fürst Kurakien, der russische Gesandte, wäre ohne seine über uttbi über mit Gold gestickte Uniform uttd die vielen Orden, die ihtt wie ein Panzer schützten, dem Tode auch wohl kaum entronnen, als er bei einem Fehltritt von den Stufen der Treppe, die aus dem Ballsaal in den Garten führte, itts Feuer stürzte. So kam er mit Wunden davon, die in mehreren Mottaieu heilten. Die jüngere gleichnamige Tochter der verunglückten Pauline von Schwarzenberg -aber ivurde, wenn auch viel später wie ihre Mutter, ein Opfer des unglückseligen Festes, indem ihre dem Anschein nach geheilten Brandverletzungett sich nach einigen Jahren ivieber öffneten, und zwar zu tödlichem Ausgange.
Napoleon verweilte an der Unglücksstätte länger als zwei Stunden uttd gab in dem strömenden Regen forte während Anweisungen zu beit Lösch- und Rettungsarbeiten. Als er morgens gegen vier Uhr in St. Cloud, wo seine; Gemahlin ihn in ängstlicher Spannung erwartete, völlig durchnäßt und in äußerster körperlicher und geistiger Ab- spantiung ivieber eintraf, warf er sich in einen Sessel mit dem Ausruf: „Mein Gott, welches Fest!" Constant erzählt in seinen Memoiren, die !Hände seines Gebieters feien- schwarz von Kohle geivesett, auf seinen Gesichtszugeu habe sich die tiefste Traurigkeit ausgeprägt und in seiner Stimme wäre eine bei ihm sonst ganz uttgewohnte innere Erregung! zum Ausdruck gekommen. Napoleon verheimlichte nicht feine Befürchtung, daß man dieses schreckliche Ereignis als' eine böse Vorbedentuitg auffafsen würde, und verriet dadurch, daß es aus hem dunklen .geheimnisvollen Schoße der Zukunft seiner eigenen von Aberglauben keineswegs, ganz freien Phantasie drohendes Verhängnis vor Augen geführt hatte.
Vermochte».
* Telephonieren dur ch die Erde. Eine anfschen- erregende Erfindung, die int Grnbenwescn wohl eine bedeutsame! Rolle spielen wird, hat nun ihre erste praktische Probe bestanden Es bandelt sich .um einen sinnreich gebauten Apparat, der es möalich macht, auf drahtlosem Wege durch die Erde hin- dn"rch zu telephonieren. Nach langen schwierigen versuchen ist es dem englischen Ingenieur A. I. Sharm an gc- lungen, einen Apparat zu bauen, der die elektrischen Wellen du, zu den größten Erdtiefen hinabtreibt, wo ste von einem Emp- fangsapparat ausgenommen werden können, -iac Borr'.chnmg Pt außerordentlich einfach, die Handhabung bedingt keinerlei Erfahrung, und der Apparat selbst ist tz leicht daß er bcgucm getragen werden kann. Die erste Praktische Probe wurde i ta tiefen Gruben und Höhlen von Chislehurst vorgenommen. Der wissenschaftliche Mitarbeiter eines englischen Blattes, der dem Vorgang beiwohnte, gibt eine mterestante Schilderung. „Nachdem wir den Hügel über den Höhlen bestiegen hatten, wurdet der kleine Apparat, der fast wie eine photographische Kamera aus sie Ist UNtz auf einem leichten, drei-einigen Gestell ruhst, aufseftdlt, Die


