Ausgabe 
30.6.1910
 
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des Kronenwindens. Kein Gut in der Runde ob' polnisch, io8 deutsch, deut sie nicht die Erntekrone flocht; schon wenn das Korn noch Saat war, erhielt sie die Bestellungen, diesmal aber hatte sie sich selbst übertroffen.

Tret Reihen von tieffarbenen Weizenähren überein­ander, durch Stabe in hellerein Roggen- und Gerstengelb verbunden, umzittert von den vergoldeten Samenkapseln des Flachses und den schlanken Tropfen des Hafers, bildeten die Krone. Die Krone der Kronen ivar ihr hierdurch gegliickt die Form der Tiara. Selbst das Kreuzchen fehlte nicht oben darauf, von roten Beeren gereiht. Stolz streckte der Bogt das Meisterwerk dem Herrn entgegen.

Eine plötzliche.Verstimmung legte sich über des Guts­herrn Gesicht; unter znsammengezogencn Brauen sah er auf die Krone.

Fragend, um Ausrufe der Bewunderung betrogen, starr­ten ihn seine Leute an: warum gefiel sie dem gnädigün Herrn denn nicht, war sie nicht schön, trug wohl der heilige Vater eine schönere auf seinen: heiligen Haupte?!

Dai gab Doleschal sie rasch seinem Aeltesten, daß er sie hineintrage, lind wie sie ihm aus den Augen war, war auch die Verstimmung fort. Gewiß, die diesjährige Ernte­krone war schön, sehr schön! Flatterten doch auch lustige bunte Bänder von ihren: untersten Rand; und sie sollte auch wieder an Stelle der vorjährigen übern: Eingang zu seinem Zimmer prangen. Ja, die Leute hatten es sehr gut gemeint!

Und er dankte ihnen. Seine Stimme schallte von der Freitreppe hinunter Wer den Hof und klang deutlich bis hinüber zu den Wirtschaftsgebäuden. Mochten es alle hören! Die Türen der Ställe standen offen; das Muhen des Rind­viehs hörte auf, beim schläfrigen Wiederkäuen gestört von der lauten Stimme.

Leute, ich danke euch! Wie schon manches Jahr, so auch in diesen:. Gott hat mir eine gute Ernte gegeben. Ter Winterroggen lohnt gut. Auch die Sommerung ist gut; »vir haben schwereren Weizen gehabt als andere Jahre. Die Einsaat ist famos aufgegangen. Die Rübenaussichten sind vielversprechend. Das verdanke ich nächst Gott eurem Fleiß! Ihr habt euch für mich gcmüht in Sonne und Ziegen. Und ich"

ex hielt an, mit einem glänzenden Blick sah er sich ringsumi ich habe mich auch für euch gemüht, euer Wohl habe ich Mir allezeit angelegen sein lassen?

Die patriarchalischen Zeiten sind vorbei, hört man sagen. Das ist in vielem auch gut. Ihr seid freie Leute geworden. Ihr braucht nicht mehr zu scharwerken wie früher. Ihr bekommt nicht nur Naturallohn, ihr bekömmt .auch festgesetztes Geld. Ihr habt eure große Stube und Kammer, euren Stall, Bodenraum und Keller. Ihr könnt euch im Gartenland Gemüse bauen und Kartoffeln in eurem Stück Acker. Auch eine Kuh noch neben dem Schwein, zu halten, ist euch gestattet. Ihr braucht nicht mehr dem Herrn mit Zittern zu dienen nur noch Ver­trauen verlange ich von euch und gebe euch das meine dafür wieder. Und !vem verdankt ihr das alles?"

Er hielt wieder an und ließ seinen Blick suchend von Mann zu Mann gehen.

Mit gesenkten Köpfen standen die Leute und hörten zu, stumpf-ergeben wie in der Kirche. Kein aufstrahlendes Gegenblicken des Verständnisses war zu finden.

Wer das verwunderte ihn nicht; so war es ihre Art, er wollte sie schon aufrütteln. Und mit stärker erhobener Stimme führ er fort:

Wem ihr das verdankt?! Euren Wohlstand, euer Behagen, menschenwürdige Wohnung, Schule für eure Kinder, daß sie lesen und schreiben lernen und ihr Fort­kommen finden auf der Welt?! Nun ich'will es euch sagen: dem"

Das Herz schlug ihm, es versetzte ihn: fast den Atem, als er's aussprach, laut und fest und doch wie mit einer stillen Andächtigkeit:

Dem Deutschtum! Daß ihr's nun Näßt und behaltet! Ich sage es euch mit Absicht heute an den: Tagender unser Vaterland vor nun mehr als fünfundzwanzig Jahren groß gemacht hat und den Erbfeind in unsre Hand gegeben har. Mit dem Erbfeind meine ich jetzt den Franzosenkaiser, denn es gibt noch einen einen andern"

Er stockte plötzlich. Ein Blick Helenens hatte ihn ge- trösfen, überrascht, fast erschrocken, warnend zugleich. Fürch­tete sie etwas Unbesonnenes?! Nun ja, es mochte besser lein, sich nicht hinreißen zu lassen! So verschluckte er den

Rest des Satzes. Sich räuspernd/ sprach er dann, aber mit einer gewissen Strenge und die Stirn zusammenziehend:

Ich will euch nur noch sagen, daß ihr immer ans Deutschsein denken sollt, ans Deutschsein denken müßt. Ihr sollt es aber nicht nur sein, ihr sollt es auch b lei­be u. Die meisten von euch tragen polnische Namen ich weiß wohl aber was tut das? Im Herzen seid ihr deutsch!

Auf dein Lhsa Gora weht die Fahne, schwarz-weiß-rot .Niemczhcck ist zu .TeutschaM geworden! Unser allcr- gnädigster Herr und König, dem eure Söhne mit derselben Begeisterung dienen lverdcn, wie ich die Ehre hatte, ihm zu dienen, und meine Söhne ihn: dienen werden der Kaiser von Deutschland, unser Kaiser: Hurra!"

Jauchzend riefen's die Knaben dem Vater nach:

Hurra, hurra, hurra !"

Auch die Leute stimmten mit ein, wie die Herde dein Leittier folgend; aber ihr Hurra hätte kein Mark', matt fiel es zu Boden.

Doleschal merkte es nicht, er hörte seine Söhne so hell um sich. Sein Blick tvar wieder freudig geworden. Mit kräftiger Stimme intonierte er den Choral, der auf Deutschau gesungen worden war, an: gleichen Fest in gleicher Weise, jo lange er zurückdenken konnte.

Nun danket alle Gott,

Mit Herzen, Mund und Händen!"

Helenens hoher Sopran sing hell an zu schweben, die Knaben strebten der Mutter uach; doch der Gesang der Leute siel auseinander. Ein paar rauhe Bässe versuchten zwar mitzuhalten, die Melodie war ihnen geläufig, aber der Text nicht, so sielen sie polnisch ein; die Weiber, bereit einige anfänglich nachgezetert hatten, schwiegen bald gänz­lich. Ein unharmonisches Durcheinander, vor dem das Vieh) das laut dreinbrüllte, keine Scheu mehr trug, stieg zum Himmel auf.

Wer unbeirrt, aus allen Kräften, aus ganzer Seele sang Hanns-Martin von Dvleschal init den Seinen > alle Verse.

Und dann, die Hand seiner Frau fassend, rief er froh erregt:Geht nun und feiert! Trinkt, eßt, tanzt! Man wird euch Kaffee und Kuchen, Semmeln und Würste und Bier geben, so viel ihr mögt. Wer ich bitte, freut euch mit Maßen! Wir wöllien uns alle freuen. So!" Die Vögte zu sich heranwiukend, übergab er ihnen das Geldgeschenk zur Verteilung.

Tor Sprecher zog tief den Hut. und winkte den anderen zu:Unser gnädiger Herr und die gnädige .Herrin und die jungen gnädigen Herren, daß sie leben hoch !"

Hoch, hoch, hoch!"

Dieser Ruf hatte mehr Kraft; er schmetterte so laut, daß das ,Niech zyje Polska'*), das plötzlich verstohlen vou der hintersten Reihe her erklang, nicht das Ohr des Herrn erreichte.

lieber den Hof flatterten die bunten Bänder. Die Ciotkä**), die Witwe von Sierakowski, den: Dorfmusikanten, die dessen einzige Erbschaft, die Bassgeige, angetreren hatte, saß ans der umgestülpten Tonne, das Ungetüm zwischen den Knicen, und strich wacker drauf los.

Ignaz Ruda, der Lehrer von Pociccha, kratzte die erste Violine; Krzyivousch, das Schiefmaul, blies das Horn, und Kurek, das Hähnchen, der Main: ohne Nase, ein kleiner, halb närrischer, immer lachender Alter, spielte den Dudelsack.

Himmlische Musik! Aller Augen funkelten. Sie spielten den Krakowiak was war schöner als der?!

Wlodasch, laßt Eure Mte sitzen, versuchtes mit 'ner Jungen, da geht's besser!"

Grykafch, tritt du mit der Magdusia an! Lukasch, nimm die Malgofia!"

He, he, angetreten, stellt euch auf! Dalej, dalej!"

Komm, Krajutfch, tanz mit mir," rief die Sofia, die Tochter des Dwornir vom Vorwerk, ihrem Liebsten, dem Stellmacher Krauz zu; sie hatte ihn längst den Krakowiak tanzen gelehrt.

Die Fornals faßten die Mellmägde nur, der Schmied. Nahm' die Gänsemagd, der Schafmeister die Gesindek'öchin; Schnitter und Schnitterinnen paarten sich. Der Gärtner suchte sich was Feineres aus, die hübsche Rosaltä, die den Reim gesprochen, kam ihn: gerade recht.

tFortictzung folgt.)

*) Es lebe Polen! **) Tantchen»