Ausgabe 
30.6.1910
 
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Donnerstag den 30. Juni

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Das schlafende Heer.

Roman von Clara Viebig.

lFortsttzung.- (Nachdruck verbalen.)

In einem jäh aufwallenden Gefühl schossen ihm Tränen in die Augen, aber er wischte sie hastig weg. Pfui, ein Mann auf der Höhe des Lebens und noch weinerlich wie das Jungchen, das Pelasia einst an der Windel gegängelt?! Mochte man ihn lieber für kalt halten itttb für hochmütig dazu er wußte es, Paul Kestner hatte es ihm lachend erzählt, lieber dafür gelten, als aller Welt zeigen, wie empfindlich man ist, schier überempfindlich, zum Darunter­leidei!! Selbst Helene durfte nicht alles merken war es Rücksicht, war es eine gewisse Scham? ach, nur ja nicht ün alles rühren, es war ihm peinlich, wenn sie auch seine Frau war und dazu eine Frau, wie es keine zweite mehr, auf Erden gab!

Mit einer tief innerlichen Begeisterung dachte er ihrer. Tas hätte er selber nicht geahnt, als er'sich damals auf seinem letzten Hofball in das schüchterne, blonde Landfräulein mit der herben Jugendsprädigkeit verliebte, daß er so glück­lich werben würde! Die herbe Jugend ivar mütterliche Weichheit geworden, die mädchenhafte Schüchternheit vor­nehme Zurückhaltung.

Meine Frau! Meine Kinder!" Er sagte es innig vor sich hin. Die Fahnenstange loslassend, fügten sich seine Hände ineinander. Wäre es nicht recht und billig, heute nachmittag, wenn alle, Manner und Weiber, Knechte und Mägde und hintennach noch die. Kinder, wenn alle, alle kamen int höchsten Putz, die Erntekrone zu bringen, uüd er dann von der Freitreppe ihnen entgegentrat, auf die zu deuten, die neben ihm stand? Hinzurufen über all die lauschend gereckten Köpfe:

Wem ein tugendsam Weib bescheret ist, die ist viel edler denn die köstlichsten Perlen!"

Und wenn dann alle gaffen würden mit verdutzten Blicken, die Mäuler offen, dann müßte er weiter jagen von .der Frau, die ihrem Manne Liebes tut und teilt Leid ihr Lebenlang, die mit Wolle und Flachs umgehet und Garn arbeitet mit ihren Händen, die' vor Dags aussteht und Speise gibt ihrem Hause und Essen ihren Dirnen, die an den Acker denket und gürtet ihre Lenden, mit Kraft, die ihre Hände. ausbreitet den Armen und reicht ihre Hand dem Dürftigen die ihren Mund auftut zu holdseliger Lehre, daß ihre Söhne aufstehen und preisen sie selig!

Er lächelte: und die Krone reichen würde er ihr, die ach nein, das blieb doch besser ungesagt! Sie würden ihn ja auch gar nicht verstehen.

Aber von anderm wollte er zu ihnen reden, das ihm gleich teuer am Herzen lag. Nicht umsonst hatte er den letzten Augustsountag, den hergebrachten Tag des Erntefestes perstreichen lassen ititb den heutigen gewählt Sedan!

Wann konnten Deutsche wohl je freudiger singen:Null danket alle Gott"!?

Heirer summend stieg der Niemczycer vom .Hügel herab.

Es wurde ein'Sonnentag, als hätte der Morgen nicht noch mit nassen Füßen int Schmutz gestanden. Als am frühen Nachmittag die Niemezycer ijt den Hof entzogen, der älteste Bogt, aus hoher Stange die bändergeschniückte Ernte­krone tragend, voran, tanzten Sonnenkringel über die in aller Eile aufgeschlagenen Bänke und Tische. Hier auf dem Hof sollten sie feiern, nicht int Krug, so wollte es der Herr?

Er selber stand mit der Frau auf der Freitreppe. Helens lächelte glücklich. An ihr Kleid drängten sich die Knaben, alle stramm in blauen Matrosenanzügen, nur der kleinste trug noch sein weißes Mädchenröckchen. Fünf Knabeni und doch sprach die Rosalka, des Vormähers Kurek hübsche Tochter:

Wir wünschen der Paninen goldenen Tisch, An allen vier Ecken gebratenen Fisch, Wir wünschen der Pani 'ne goldene Kron Und übers Jahr einen jungen Herrn Sohn!"

Die hübsche Rosalka in der weißen Tüllschürze, viele Bernstein- und Korallenverlen um den.Hals, unzählige flatternde Bänder über dem Rücken, stammelte, blutrot im Gesicht, mit ungelenker Zunge die mühsam erlernten Verse; hart klang das Deutsch in ihrem Mund und dier's" rollten.

Aber Helene erklang der schon oft gehörte Reim heute lieblicher denn je, und das schneeweiße Huhn mit den rosen­roten Bändern um die Flügel und dem Goldschaum auf dem Köpfchen, das ihr das Mädchen mit Knicksen bot, hatte ihr nie so hübsch gedeucht.

Jubeluo empfingen die Knaben ihre geschmückten Täub- chen; der älteste aber, der zukünftige Herr, hielt stolz seinen buntschilleriiden Gockel.

Der erste Bogt hatte vor dem gnädigen Herrn das Knie gebeugt:

Nach den schweren Erntetagen,

Hab die Ehr, ein Wünschchen ich zu sagen"

Der Mann schwitzte; erklang nur irgendwo ein Räuspern oder Fußscharren, so kam er aus dem Konzept. Dieschon- oft gelernten Reime machten ihm jedes Jahr wieder neue unüberwindliche Schwierigkeiten.

Wir wünschen dem Herrn für fein ferner Leben

Biel Glück und reichen Erntesegeu!

Nehm' er die Krone als Unterpfand

Aus einer braunen Schnitterhand!"

Nun war er glücklich zu Ende.

Freundlich ernst schauten die Herrschaften drein. He­lenens Blicke suchten die ihres Mannes. Eine tiefe Be­friedigung kam' über sie beide, und ihre Herzen waren voll Dank: wieder ein Erntefest, golden der Tag, golden vis Aehren der Erntekrone!

Die Krone war schier ein Wunderwerk. Die alte Nepo- mucena, des Dudek Fr.au, war eine Meisterin in der. Kunst