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Tie Buben Worten immer laufen und schreien. Und das kann i net. I will mei Rn hab'n."

Wunderlich altklug klingt das in der Kinderstimme. Und dies stille, geduldige Gesichtchen! Wie das Mitleid toe'f) tut!

Ich muß dieses Gesichtchen lachen sehen, ich yalt's sonst Nicht ans. Ich besinne mich. Da fällt mir das Schatten­spiel mit den Mnden ein, über das Baby immer so jauchzte. Ich lasse schnell eine Ziege, einen Hasen auf der weißen Wand huschen und erzähle eine Schnurre dazu.

Seppl ist erst kühl, ungläubig:Dös is ja net wahr!"

Aber aus einmal lacht er hell auf, ganz, laut, echt kindlich!

O, noch mal, das Kitzle! O dös is a Gaudi!"

Er ist unverfälscht Münchener Kindl in seinem Jubel. Das bißchen Hochdeutsch ist ganz verschwunden.

Bub, Seppl, hast du's gut! Schon Freundschast ge­schlossen? Wie haben Sie denn das angefangen, Fraulein Weddigen? Der Junge ist sonst so ein Kräutchen Rühr­michnichtan!"

Der Professor stand groß und breit in der Tur, sein Gesicht strahlte förmlich.

Das war dex Anfang, Georg. Und ein guter An­fang war's!

Es ist wunderbar, zu sehen, wie Bernhardt, der große, derbe Mensch, mit dem Kind umgeht. Seine breiten Hände werden leicht und vorsichtig wie Frauenhünde, wenn er !ks anrührt.

Er verzog weinerlich das Gesicht, als wir zur Tür gingen.

.Nicht weinen, Seppl, wir kommen wieder und holen dich.' Derne Tante Ugnes soll nur erst unser Haus anfehen, gelt? Dann Hatz du sie wieder."

Mn zu kurzes Bein," erzählt er mir unterwegs.Jin zweiten Jähr hat das Leiden sich entwickelt. Nun liegt er seit vier Jahren im Stuhl oder stundenlang angeschnallt auf dem Streckbett. Der Arzt sagt, es könnte sich mit ver Zeit Heven. Gute Ernährung, viel frische Luft. Schlimm, daß ich nicht den ganzen Sommer mit ihm am Land sein kann. Wer ich habe hier mein Amt, meine Schüler. Und den Zungen (mein wegschicken, unter bezahlter Pflege uetn!"

Haben Sie nie einen Spezial st konsultiert?"

Er zuckte die Schultern.

Mehr als einen. Der arme Bub hat sein halbes Leben in Doktorwart ezimmern und Kliniken verbracht. Schließ­lich der letzte erklärte: eine schwere innere Zerstörung, das Bein muß amputiert werden. Ich hab ihn gefragt, was geschieht, wenn ichnein" sage? Dann bleibt er, wie er ist, ein Krüppel, fürs Leben unbrauchbar. Sie Kamel, hab ich ihn angeschrieen, ist er denn mit einem Bein etwa kein Krüp­pel? Und bin heraus und die Wr zugeschlagen. Das war das letzte Mal. Seitdem haben wir den Buben ganz in Ruh gelassen, jetzt ein Jahr schon. Herrgott, aber toozu davon reden!"

Er brach kurz ab. Aus der breiten Stirn stand eine scharfe Gramfalte, die das ganze Gesicht veränderte.

Erst nach und nach, als Lotte ihn oben in dem hellen, lustigen Atelier auf Kunsttheorien festnageln wollte, wurde M wieder lebhafter, ihr Feuereifer machte ihm sichtlich Spaß.

Ich hatte nicht viel Angen mehr für das Haus, muß ich gestehen. Ich mußte an das trübselige kleine Gesicht da unten denken. Und an den Professor auch.

Seppl sah uns mit sehnsüchtigen Augen entgegen und pachtete mich von da an. Zenz hatte den Tische gedeckt und brachte eine silberne Kaffeekanne. Sie mißbilligte uns etwas weniger als zu "Anfang, als sie "sah, daß Seppl mit seinen Mageren Fingerchen mein Handgelenk umklammert hielt.

Ich war ganz glücklich über seine Zutraulichkeit. Es war mir Ivie als Kind, wenn ich ein scheues, halbflügges Bögelchen gefangen hatte und in der Hand hielt, daß ich die weichen Federn und das kleine klopfende Herz fühltet Die Unruhe von vorhin hatte ich vergessen.

Lotte hockte auf dem Teppich und wühlte glückselig in ein paar großen Sttwienmappen des Professors, als er sich auf einmal zu mir wandte.

Nun wissen Sie so viel von mir und Habben selbst noch kaum ein Wort gesagt. Sie müssen mir doch von Ihrem Baker erzählen. Ja. der Peter Florenz! Bier, fünf Jahre älter war er als ich. Und nun schon unter der Erde.

Hätte ich's zur Zeit gehört, ich wäre gekommen und hätte ihm die letzte Ehre gegeben."

Er sah vor sich hin.

Also kam es doch noch! Was sollte ich nur sagen?

Diesmal war ich noch erlöst, der Professor wartete gar nicht auf Antwort.

Ja ja, die Jugend. Wie wir uns damals durchgeschla­gen haben, einer mit dem andern und für den andern! Wir sind ja später durch die Verhältnisse auseinandergekonw men tote das so geht. Aber tvir hatten doch viel zusammen erlebt. Das vergißt sich, weiß Gott, nicht. Ist er lange krank gelegen?"

Er tat noch ein paar Fragen. Ich weiß nicht, was ich geantwortet, hastig rind verwirrt.

Auf einmal nahm er meine Hand, ein Ausdruck großer, warmer Güte war in seinen Augen.

Ich Unmensch! Quäle ich das arme Kind mit meiner Fragerei! Nein, still nur! Sie erzählen mir ein andermal. Jetzt ist das alles noch zu frisch, ich weiß! Ich will auch gar nichts hören, ich bin jetzt ganz zufrieden, daß ich Peter Florenz' Tochter wenigstens in meinem Haus hab! Gelt, Seppl, du freust dich auch? Bitt sie schön, daß sie wieder/ kommt."

Das war alles. Kein Wort weiter.

Ich begreife den Mann nicht, Georg!

Liegt ihm das alles wirklich schon so fern, ist es abgetan und vergessen, daß er so gleichgültig, unbefangen davon reden kann? Denn die Unbefangenheit ist Wahrheit, ich sehe es! Sein Gesicht ist ein offenes Buch.

Kann man denn vergessen, was man so heiß erlebt und gefühlt hat?

Durch die Verhältnisse auseinandergekommen, wie das so geht."

Ich vergleiche die paar Worte in Gedanken mit seinen alten Briefen. Mit dem hellen Zorn, der einem da aus jeder Zeile ins Gesicht schlägt!

Vielleicht liegt es in der menschlichen Nattir, sich um Vergangenes nicht weiter zu kümmern. Die Gegenwart ist schwer genug, auch ohne daß man alle früheren Lasten noch mitschleppt!

Möglicherweise ist das der einfache Schlüssel des Rätsels, Vielleicht fasse ich die Sache nur exaltiert auf. Ich habe zu viel um dieses Eine gelitten. Es könnte ja sein, daß sich mir die richtige Perspektive der Dinge verschoben hätte, daß ich näh und übergroß sehe, was doch schon fern liegt. Gesunde Augen, die nicht weiften und wachen, sehen die Dinge, wie sie sind!

Es kann ja so sein. Ich weiß es nicht.

Ich weiß nur, daß niemand seine Toten so verliert wie ich, ohne Hoffnung und auch ohne Erinnerung!

Am liebsten ginge ich nicht wieder zu dem Professor trotz seiner Aufforderung. Wenn der Junge nicht wäre! Die Augen! Das bettelnde Stimmchen!

Da haben Sie also wieder ein Stück von meinem Leben, liebster Freund. Was werden Sie dazu sagen? Das frage ich mich zuerst und zuletzt bei allem, was mir begegnet! Und bin nicht ruhig, bis ich Ihnen gebeichtet habe!

Es grüßt Sie Ihre Agnes W;

(Fortsetzung folgt.)

Lin Besuch auf der Erdbebenwarte Jugenheim a.d.B.

Von Dr. Walter Lejeune -Gießen.

Erderschütterungen zählen zu den alltäglichen Dingen; ihre! Erforschung liegt im Felde der instrumentalen Untersuchungen nicht in der Theorie; es mag manchem unwahrscheinlich klingen, daß z. B. im Jahre 1905 die Zahl von 4760 Beben verzeichnet wurde. Nach Mtontesfus de Balkare ergibt sich aus dm «Beobach­tungen einer Reihe von Jahren ein jährlicher Durchschnitt von! 3830 Beben für die gan,ze Erbe, d. h. es findet durchschnittlich! alle 2 Stunden 17 Minuten ein kleines Beben, jeden zweiter» Tag ein solches mittlerer Stärke, jeden Monat eine größer« Katastrophe dieser Art statt.

Wie wir aber ganz genau die Landstriche kennen, die all-« jährlich dem Hagelschlag ausgesetzt sind, während in anderer» Gegenden Verheerungen durch ihn so gut wie wie vorkommen/ so gilt dies auch für die geographische Verteilung der Erdbeben, So hat z. B. Japan die größte Regsamkeit aufzuweisen r ist 'doch dieses Land in dem Zeitraum von 4161867 über 2000 Erdbeben mit 223 vernichtenden Katastrophen ausgesetzt gewesen! Allein die Hauptstadt Tokio wird etwa reden vierten Tag er/, schüttert. Dort trat schon 1880 eine Seismologische Gesellschaft