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RO — Nr. 61
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Ihres Vaters Tochter.
Roman von Lulu von Strauß und Torney.
(Nachdruck verboten.)
(Fortseöung.)
München, 15. Februar 1901. Lieber Georg!
... Ihr Brief, auf den ich so brennend gewartet habe, lst schon von den Ereignissen überholt. Aber das soll lern Vorwurf sein, er konnte ja nicht eher fommeit; und nun td) ihn in den Händen halte, sehe ich, daß unsere Geoancen, sich in schweigendem Verstehen begegnet sind, rfhd daß ich instinktiv schon getan habe, was er mir rät: sich den Tatsachen beugen, nichts selbst herbeiführen, aber auch nicht answeichen. "
. • Hbwen Sie Zu, Georg. Ach, Gott sei Dank, daß ich einen Menschen habe, bei dem ich alles ausschütteu kann!
Im „Tal", diesem behaglichen Stück Altmünchen, liegt das Haus, nicht weit von einer kleinen, grauen Kirche; mn wunderlich schmaler, hoher Kasten mit Schnecken an den Grebelabsätzen und .einem hölzernen St. Georg über der Haustür, der einen ganz unwahrscheinlich geringelten, grausamen Drachen durch und durch spießt. Die Haustür hat noch einen Messingklopfer, ein fratzenhaftes Männchen unt ^dickem Kopf.
/Ms Lotte ihn mit keckem Bumbum an die Tür fallen lreß, verwünschte ich innerlich, daß ich mitgegangen war. Aber fte hatte die bestimmte Einladung gleich vom Bauern- ball nrrtgebracht und wollte nichts von Wsage hören.
Sre hat übrigens .kaurn ein Wort vom Ball erzählt, der kleine Querkopf. Wunderlich still ist sie und träumt in dre Luft, den halben Morgen. —
Also, Bernhardi. Ein knurriges Altchen in schlohweißer Schürze machte uns auf.
„Der Herr is net z'spreche!"
Lotte ichob s,ie resolut beiseite.
„Dös wär g'scheit! Wir sind herbestellt."
Sie führte uns Mo halblaut bruminend air eilte Tür: >,Do ganget's nei!"
Ein großer Raum, .der wohl die ganze Breite des emnahm. Die Fassade hat mau wohl nur aus
Vretat stehen lassen und innen alles umgebaut. Der heilige Georg würde wohl Augen machen, wenn sein Drache ihn so weit zu Atem kommen ließe, daß er einmal in dieses hiuernschauen könnte, das er wohl schon ein paar
Jahrhunderte hütet.
,, SMe Einrichtung modern, aber von dieser eckigen ehrlichen Moderne, chie mit jeder überflüssigen Zierlinie gerzt und Zweck und Konstruktion scharf betont. Wahrheit *yl”, ^"'..^Gtoffhelt. Was trotzdem die Schroffheit milderte und Warme <ausströmte, waren die Farben. Köstliche, vornehme Tone _m Teppich, Wand und Vorhänge, ein dunkel
goldenes Grün, .wie von innen durchsonnt —> .ein Blau, tief und doch matt wie ferne Berge.
Lachen Sie nicht, Georg, daß ich das alles sah! Das. Hans, in dem er wohnt, erzählt sehr viel vom Menschen, wenn man die Sprache versteht. Ich bin gewohnt, darauf zu horchen. k
Lotte lief in Heller Begeisterung von einer der großen Landschaften zur andern, die da an den Wandern hingen« Heide, Kornfeld und vor allein Berge, leuchtende Dinger, die das Auge auf sich zwangen.
Ich ging ihr langsam nach, als ich auf einmal eins Stimme hörte: „Zeuz!" Und noch einmal dünn und weinen lich: „Zeuz! Mein Kissen!"
Ich sah mich ,unt. Aus der halbverhängten Mr da kam es. ,
Ein angebauter Wintergarten, Teppiche, blühende goldgelbe Marechal Niel, hohe Palmen und Sonne, sehr viel kühle, Helle Februarsonne durch grünliche Glaswände.
Mitten in der Sonne ein Kinderwagen, ent flacher Fahrstuhl.
War bas möglich? Das war Professor Bernhärdis' Kind? Der derbe, vierschrötige Riese mit der Stimme voll Kraft und Gesundheit, und dieses Stückchen Armseligkeit?
Georg, Sie wissen, wie lieb ich Baby habd. Wenn ich Worte höre Ivie Freude, Sonnenschein, dann sehe ich gamK unwillkürlich dies leuchtende, lachende Gesichtchen vor mir in seinem Heiligenschein Heller Härchen.
Bon alledeiu war hier nichts. Ein utageres, farblos^ Gesicht unter schlichten, dunkelblonden Haarsträhnen mit dem frühreifen Ausdruck, den vieles Leiden jungen Zügen gibt. Ich weiß nicht, was mich an dem Geschöpfchen so anzog. Mich, die sonst alle Schönheit anbetet! Aber ich! fühlte plötzlich eilt heißes, fast schmerzhaftes Erbarmen.
„Nein, du sollst »et! Die Zenz!" wehrte der Kleine ängstlich-eigensinnig mit dein dünnen Aermchen afy als ich fein Kissen von der Erde aushob. Ich schob es ihm trotzdem! tu den Rücken. Er war überrumpelt und sah mich einen' Augenblick still und merkwürdig forschend an.
„Wo kommst du her? Wie heißt du?"
„Agnes. Und du?"
„Joseph Bernhardi!"
Joseph! Der feierliche Bibeluame schlotterte um das schmale Persönchen wie ein allzuweiter Mantel.
„Der Vater sagt Seppl. Und die Zeuz auch!" erklärte er jetzt.
Ich strich über die magere Hand, die auf der Stuhllehne lag.
„Hast du's aber schön hier, Seppl! Was tust du denn den ganzen Tag?"
„I lieg halt!"
„Immer? Hast' du denn andere Kinder, die mit dir spielen?"
Er schüttelt den Kopf.


