Vögel des hohen Meeres.
Flugstudien.
Bon Gustav Lilienthal,
Seit einer Woche hatten wir die kapverdischen Inseln Perlassen. Bei lauem Winde und ruhiger See dampften wir mit dem Kurs auf Kapstadt durch den Golf von Guinea und näherten uns ivieder der Afrikanischen Küste, trotzdem aber noch mehrere hundert Seemeilen davon entfernt bleichend. „Jetzt werden bald die Vögel erscheinen", meinten die erfahrenen Mitreisenden, welche die Fahrt schon öfter gemacht hatten. Und richtig! Schon am Nachmittag desselben Tages tauchte eine kleine Seeschwalbe auf. Am nächsten Tage erschienen schon mehrere, und einige große Möwen gesellten sich hinzu, gierig alles über Bord Geworfene auf seine Veroaulichkeit musternd. Eine Stunde vor Sonnenuntergang verschwinden die Vögel, um sich bald nach Sonnenaufgang wieder einzufinden. Hierbei konnte ich bemerken, daß eine große Möwe, welche ein gebrochenes Bein hatte, das kraftlos beim Fluge herabpendelte, mehrere Tage hintereinander wieder erschien. Unser Dampfer, noch von alter Bauart, legte durchschnittlich nur 12 Knoten in der Stunde zurück, während der Nachtzeit also 144 Knoten. Unsere Entfernung von der Küste mochte etwa die gleiche sein als die Strecke, welche wir zwischen Sonnenuntergang aus -aufgang zurücklegten. Kehrten nun die Vögel nachts an die Küste zurück oder übernachteten sie auf beut Wasser? In jedem Fall hatten sie bald mit Sonnenaufgang das ^Schiff wieder erreicht und dabei eine Morgenpromenade von 160 Seemeilen gemacht. Kein Wunder, daß die Tiere -einett gatten Appetit entwickelten.
Mei ruhiger See und bei Windstille waren wir auf her Reede von Kapstadt angekommen und nach zwei Tagen verließen wir es bei frischer Brise. Kaum war der Jnsel- berg in blauer Ferne verschwunden, als Bootsmann und Schisfszimmermann alle Ausbauten des Schiffes, besonders -aber die Verschlüge für die mitgenommenen Strauße und den Kuhstall, auf ihre gute Befestigung prüften. Die Versicherung der Decklukeu wurde noch einmal gehörig au- gezogen und die Oberlichter des Speisesaals mit wasserdichtem Leinen überspannt. Während dieser feierlichen Vorbereitung hatte der Wind erheblich aufgefrischt. Die Bausegel, unter denen wir bei gutem Wind meistens gingen, würden herunter genommen und nur mit zwei Focksegeln liefen wir vor dem Wind. Schon iit der Nacht begann unser gutes Schiff erheblich zu stampfen und am Morgen wurde den Passagieren erklärt, daß das Betreten des Deckes untersagt sei, wegen der schweren Stitrzseen, welche sich über Bord ergossen. Unser Steward, dem mein Interesse au dem Flug der Vögel vor unserer Ankunft in Kapstadt nicht entgangen war, trat geheimnisvoll zu mir heran und flüsterte 'mir zu: „Jetzt sollten Sie einmal die Sturmvögel draußen sehen, ich iveroe Ihnen zeigen, wo Sie die- elbett beobachten können." Niemand war glücklicher als .ch Er bugsierte mich zu der Matrosenkajüte im Vorder- chiff, unter deren w-eitausladendem Vordach ich ein trockenes, geschütztes Plätzchen fand.
Der Wind hatte sich zunt regulären Sturm ausgewachsen und heulte mit 30 Meter Geschwindigkeit durch dis Takelage. Unsere beiden Focksegel flatterten in Fetzen an den Tauen. Die See kochte. Da plötzlich schießt etwas «wischen die Dane des Großmastes und des Fockmastes hindurch in der Form eines großen lateinischen M, ein Albatros mit weit zurückgelegten Flügeln. Bald gewahrte ich noch mehrere dieser 'großen Vögel von 3 Meter Klafterweite.
„Die verlassen das Schiff tticht ntehr bis Anstralien, wenn der Wind anhält", bemerkte eine alte Teerjacke neben mir, und so war es denn auch.
Att diesem Morgen konnte ich nur staunen über bett großartigen Anblick dieser Sturmvögel, an der Beobach- Atng der Einzelheiten des Fluges verhinderten mich die plötzlichen Sturzseen, die mich bald Von diesem Platze vertagten; ich mußte ohne einen trockenen Faden am Leche die schützende Kajüte tot eiter anfsuchen. Den armen Straußen war es schlechter ergangen. Ihnen bekam das Salzwasser nicht. Keiner überlebte biefen Die Beobachtung der großen Flieger ist deshalb so interessant, iveil sie aus nächster Nähe geschehen kann. Man erkennt jede Jeder und sieht die spähenden Blicke der Vögel. Man erkennt sofort, daß nicht etwa feine Vibrationen der Flügel den Segelflug ermöglichen. Mait sieht das fein geschwungene Profil der
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mächtigen Schwingen, die auch in der Längsrichtung eine große Krümmung hüben, so daß, wenn das obere Handglied parallel zur Körperrichtung zurückgelegt wird, sich in der Bewegungsrichtung ein gewölbtes Profil ergibt. Die plötzlichen Wendungen und Drehungen der Längsachse der Flügel geigen einem die dadurch entstehende Aenderung der'Richtung des Fluges. Der Schwanz scheint nur als Zuspitzung des plumpen Körpers zu dienen und wird nur ansgebreitet, wenn der Vogel sich plötzlich in§ Wasser stürzt, tun einen Leckerbissen zu erhaschen.
In den folgenden Tagen und Wochen, bis an die Steil- küsts der Känguruhinsel, welche dem Golf von St. Vincent bei Adelaide vorgelagert ist, verließen uns die, Vögel nur bei Sonnenuntergang und erschienen wieder an jedem Morgen, ganz wie der alte Seemann vorausgesagt hatte. Das Anfsncheit von Ruheplätzen an Land ist in dieser Gegend wohl ganz, ausgeschlossen, denn zwischen Kapstadt und den St. Paulsinseln und von hier nach dem Festland von Australien sind itetttt doch Entfernungen, welche nicht mehr in 12 Stunden zurückgelegt werden können, selbst bei einer vierfach größeren Geschwindigkeit. Am Morgen nehmen die Vögel jedenfalls die Schaumführte der Schifße, welche ich sehr lange erhält, wie Spürhunde wieder ans. Wenn ch nach den Vögeln in den ersten Morgenstunden aus- pähte, so bemerkte ich- sie stets, wie sie gleich einem Rudel Windhunde in der Richtung unseres alten Kurses am Horizont anftauchten, um schon nach, wenigen Minuten durch die Takelage zu sausen.
Aus einem großen Passagierdampser mit 300 Passagieren und 100 Mann Besatzung geben die Kücheuabfälle den Vögeln reichliche Atzung, nttb außer mit den gelegentlich gefangenen Fischen und Quallen scheinen sie sich auch sonst ganz gut zu ernähren. Für uns Passagiere war es ein großes Vergnügen, von dem Inhalt der,allenthalben herum- stehettden Säcke mit Schiffszwieback die Vögel zu füttern. Oft ergriffen sie handgroße Stück schon int Fluge, um diese Stücke dann, int Wasser erweicht, zu verschlingen. Hierbei bleiben sie oft weite Strecken hinter dem Schiff zurück, ober im Nu holen sie es fliegend wieder ein.
Der Albatros hat die Größe eines Schwans, aber sein Körper ist mehr langgestreckt uitb seine Flügel haben eine ganz andere Form. Während die Flügel der großen Sumpfvögel sowie die vom Schwan und Pelikan in Tragflächen und Schwungfedern gegliedert find, und die Schwungfedern Wie die gespreizten Finger der Hand strahlenförmig boneinattber entfernt stehen, haben die großen Möven eine einheitlich geschlossene Flügelform. Bet ihnen bildet der ganze Flügel gleichsam eine einzige Schwungfeder. Die Flügel haben daher eine außerordentlich schlanke Form. Diese erreicht beim SllbatroS das schlankste Verhältnis. Bei einem Exemplar, welches ich von meinen Reisen ntitbrachte und aus- stopfen ließ, ist jeder Flügel 1,50 Meter lang bei einer Breite von nur 15 Zentimeter. Der Vogel, dessen Gewicht vollgekröpft wenigstetts 8 Kilo beträgt,hat also eine Tragfläche von 2.0,15.1,5=0,45 Quadratmeter. Eine Größe, welche hinter der Flügelfläche des Storches noch etwas znrückbleibt, obgleich der Storch nur halb soviel wiegt., Wohl zieht auch der Storch seine Kreise ohne Flügelschlag, wenn er in größerer Nähe einen genügenden Wind findet. Der Mbatros aber schlägt überhaupt nur äußerst selten mit dem Flügel. Er hält sich fast ausschließlich in den Regionen l-er Passatwinde auf und diese haben meistens eine Stärke, welche man am Lattde schon einen Sturm nennen würde.
Im Wasser sitzend, erhebt sich der Albatros in die Luft einfach durch Ausbreiten seiner tnächtigen Flügel. Der Wind hebt ihn sofort senkrecht in die Höhe, ja, tote ich mehrfach bemerken konnte, sogar schräg nach vorne. Ohne eigentlichen Flügelschlag, nur durch Wenden und Drehen, durch mehr oder toeitiger Ausbreiten der Flügel sind die Vögel imstande, in jedem Wind harrscharf zu steuern. Es ist eine tolle Jagd, wenn so ein halbes 'Dutzend dieser Riesenvögel auf einsamem Meer den ganzen Tag lang das schiff umkreisen, völlig lautlos, mit gierigen Blicken alles musternd, was irgendwie über Bord fällt.
Diese Freßgier wird ihnen aber gelegentlich auch zum Verderben. Ein schwimmender Köder, an dein ein Angelhaken versteckt angebracht ist, an einer starken Leine befestigt über Bord geworfen, bringt beit Vogel in den Besitz des herzlosen Matrosen. Die meisten Kapitäne verbieten diesen barbarischen Fang; trotzdem werden viele Vögel so


