Ausgabe 
30.3.1910
 
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Ihres Vaters Tochter.

Nomaii von Lulu von Strauß und Torney. (Nachdruck verboten.!

(üottieijuna.)

Halt, Agnes Weddigen! Ich sehe, du lachst schon wieder, Vater. Du behauptest ja immer, meine Briese wären in der Entwicklung gehemmte Romane!

Aber sei ruhig, die Prosa hat hier auch ihr Recht. .Und sie heißt Tante Weddigen!

Tante Weddigen ist wie ein gutes Huhn, das jedes Ei begackert. Ich weiß ja auch, daß ein Haushalt seine Schwierigkeiten hat, aber die Maschine muß gehen, ohne zu knarren. Morgens in der Küche einen Pudding an­rühren und mittags im weißen Battistkleid so tun, als ob Elias' Raben ihn gebracht hätten! Nicht wahr?

'Onkel Weddigen ist auch Prosa, aber gesunde, behag­liche. Ich versuche, ihn mir jung vorzustellen, wie du ihn gekannt hast. Es ist gar nicht schwer, er hat noch etwas so Kindliches in den Augen. Er war ein- derber, blonder, rotbäckiger Bauernjunge mit festen Zähnen für jeden un­reifen Apfel und festen Fäusten für jede Äubenbalgerei.

Der kleine Peter Florenz ist anders gewesen. Den sehe ich auch, Vater, überall; im Garten mit demAndersen" unter der Stachelbeerhecke, auf heimlichen Entdeckungs­reisen im Korn, das dem Kerlchen über dem Kdpf zu- sammenschtägt oder an dem großen, plumpen Eßtisch, Mit den Beinen vom Stuhl baumelnd. Ein ernsthafter, stiller Junge, der zwischen den andern viertelstundenlang vor sich hinträumen konnte und dann plötzlich, wenn man ihn anredete, ein Paar intelligenter, heller Augen unter schwarzen Wimpern groß aufmachte!

Ich habe Onkel Weddigen gebeten, mir von Dir und von früher zu erzählen. Er -zog die Augenbrauen hoch.

,,-Deern, was ist denn da groß zu erzählen? Da frag ihn nur lieber selbst. Ein eigener Kerl ist der Peter- Florenz immer gewesen, gerade so vertrackt wie sein Name; aber für den kann er ja nichts, der ist nun mal in den Familie. Er hatte immer so was an sich, daß jeder sich nach ihm n-msah, untn alle wunder was aus ihm machten. Besonders die Weiber na"

Er räusperte sich und war auf einmal still und ein bißchen verlegen. Ich lachte ihn aus.

Onkel, red ruhig weiter. Es macht mir ja Spaß, wenn ich denke, daß die Mädchen nach ihm gesehen haben. Ich hätte mich sicher auch in ihn verliebt, wenn ich da­mals schon gelebt hätte und nicht seine Tochter wäre!"

Onkel Franz klopfte mich lachend auf die Backe, wie er es seinen Töchtern tut.

Schnack nicht solches Zeug. Du siehst ihm! übrigens ähnlich, Mädel. Gerade die gleichen Augen."

Es hilft nichts, auf dem Punkt Peter Florenz ist er

nicht ausgiebig. Ich lächele heimlich und verstehe. Dm Konflikte von früher, von denen Du mir so oft erzählt hast, sind ein heikles Thema für ihn, weil er selbst und Großvater a.!nd der ganze heilige Familienrat sich an Dn blamiert haben! ,LI,

Aber diese Menschen sind so ganzaus Erde gemacht . Sie konnten gar nicht anders, als diesen jungen Heißkops, der sein praktisches Brotstudinm über den Haufen warf und Dramen schrieb, für einen verlorenen Sohn halten. Es ist auch ganz folgerichtig, daß sie ihn jetzt wieder an­erkennen nnd Respekt haben, wo ihm seine Dramen die Villa in Thüringen gebaut haben. Fast so gut wie enü Brotstudium! , ,

Onkel Franz ist jetzt sogar stolz aus feinen berühmten Bruder, wenn er ihm auch augenscheinlich wie eine Ab­normität in der Rasse Weddigen vorkommt ungefähr wie ein Schaf mit sechs Beinen. Man sieht es sich am schüttelt de» Kopf und wundert sich, aber man kann nichts! damit ansangen! ,

Ich soll Dich überreden, mich hier abzuholen, sagte Onkel Franz heute. Du sollst wieder in Deiner Jungen- stube wohnen, und sollst Flottkäse mit Kümmel essen, deck Du früher so gern gemocht hättest. (Siehe eine Notiz! für Deine Biographen: die Lieblingsspeise unseres Dra­matikers !!l ., . , .,

Hast Du Lust zu kommen? Wenn iiicht, so fahre ich nach Haus. Bis Freitag spätestens bin ich dann bei Dir. Unten läutet der Briefbote. Vielleicht endlich Nachricht

Aus Agnes Weddigens grünen Heften.

6. Juli.

Ich begreife es nicht. Ich fasse es einfach noch nicht. Vor sechs Wochen ein lachendesauf Wiedersehen!" und eine warme, lebendige Hand. Und heute nichts als das stumme, leere Haus, und die paar Zeilen da vor mir m seiner lieben, bekannten, klaren Schrift, mitten im Satz abgebrochen. , . .

Mein letzter Brief an ihn auch noch unfertig m meiner Mappe. Er wird ihn nie lesen. Nie.

Mein, nein, das ist ja nicht wahr! Ich glaube es jetzt ebensoivenig ivie gestern, als sie mir in Weddigenhos das Telegramm und die drei Tage alten Briefe brachten,, die mir 'von Stadt zu Stadt nachgegangen waren wie heimliche Verfolger! . ,

Und ich habe die ganzen Tage gelacht und gesprochen und gegessen und getrunken wie immer. Habe an ihn ge­dacht und ihm geschrieben, während

Wenn ich nur wenigstens einmal eine Zeitung in die Hand genommen hätte, dann hätte ich es ja gewußt! Aber in der Hetzjagd der Reise! Und in Weddigenhof nur das kleine Lokalblatt, das dze Nachricht nicht hatte!

Und er hat es gewußt seit Wochen. Wochen! Und hat mir kein Wort gesagt! Hat mich weggesäuckt!

Weil ve£ einem lieben Menschen der Eindruck solcher