Donnerstag den 29. Dezember
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Silvester auf Stallwache.
Humoreske von Rolph Boddenhufen.
(Nachdruck verboten.)
„Mer Herr — —"
,Hannacker ist mein Name, gnädiges Fräulein, Erich Hannacker. Haben Sie das schon Mieder vergessen?"
„Ich meine — es schickt sich nicht, daß Sie mich begleiten. Wir kennen uns doch nur von der Eisbahn her."
„Das macht fast gar nichts. Es können sich doch nicht alle Menschen im Ballsaal kennen lernen. Außerdem habe ich zwei wichtige Gründe für meine Bitte, Sie begleiten I zu dürfen —"
„Und die wären?" fragte daN junge Mädchen amüsiert.
Sie hatten von der Eisbahn her die Chaussee erreicht.
„Zunächst bin ich unsinnig gern in Ihrer Gesellschaft!" konstatierte er treuherzig.
„Das ist kein Grund. Sie können nicht wissen, ob das Umgekehrt auch der Fall ist."
„Allerdings. Aber das Gegenteil anzunehmen, erlaubt Mein gesundes Selbstbewußtsein nicht."
Hilde Rathmann errötete — und da sie das fühlte, ärgerte sie sich.
„Sie sind ein komischer Kauz, Herr--"
,Lannacker, wenn ich bitten darf. Und was den zweiten Grund betrifft, so muß ich schon ein bißchen weiter ausholen. Ich bin nämlich Soldat."
„DaS sche ich"
„Nun ja. Als solcher habe ich mir tn meiner Militärischen Laufbahn, die nun schon ein Vierteljahr andauert, eine Menge bedeutender Fähigkeiten angeeignet. Man heiße mich, mit einer Schwadron eine feindliche Brigade niederreiten — mach ich! Sollte bei Ausbruch eines Krieges Gras Häseler unpäßlich sein und Majestät zu mir sagen. Einjähriger Hannacker, hier haben Sie ein Armeekorps, und nun knien Sie mal der Gesellschaft aufs Leder! _ mach' ich! Wer wissen Sie, was ich nicht machen kann,? Front machen kann ich nicht. Nun haben wir hier einen General, unseren Brigadekommandeur, eine gräuliche Kratzbürste. Der Mann hak ein Faible für das Frontmachen. Das ist sein Dollpunkt sozusagen. Sobald er einen Soldaten zu Gesicht bekommt, paßt er auf wie ein Schießhund. Sicht der Mann nicht tadellos, so wird er angeschnauzt und außerdem mit einer schönen Empfehlung an den Eskadronchef nach Hause geschickt. Das möchte ich vermeiden." , , . , , ,
Wenn der Einjährige Hannacker nicht ein so harmloser Mensch gewesen wäre, hätte ihn die plötzlich ausbrechende Heiterkeit seiner Begleiterin wahrscheinlich stutzig gemacht.
„Was habe ich denn damit zu tun!" rief daS junge Mädchen unter hellem Lachen.
„Oh — sehr viel! Sie haben direkt mein Leben ta Ihrer Hand.
ing, Herr General." , selbe Einjährige, der mtt schon
meister?" ,
„Rittmeister von Gemmin
„Dann sind Sie also derselbe _ - . •
einmal durch seine erbärmliche Haltung auf gefallen ijh
„Lachen Sie nicht, gnädiges Fräulein, es ist je. Ach habe meine Schlittschuhe zwecks Reparatur beim EtSdahn- wärter zurückgelasfen. Folglich habe ich nichts der Hand. Wenn ich aber nichts in der Hand habe, muß ich bei einer etwaigen Wegegnung mit dem hohen Vorgesetzten machen, und wenn ich Front mache, dann kann ich etientueu wegen rückfälliger schlechter Haltung beim Frontmachen ern- gesperrt werden, und wenn ich eingesperrt werde, so mutz» ich bei der Silvesterfeier im Kasino fehlen, von der gnädiges Fräulein mir erzählten, daß Sie diese mitmachen werden: und wenn ich heute nacht Schlag zwölf Uhr nicht man Glas an das Ihre anklinaen lassen darf, daun schieße ich mich tot! — Und nun geben Sie mir gütigst Ihre Schlittschuhs, tasche zum Tragen, dann ist alles tn schönster Ordnung.
„Hier. Ich will Sie nicht aus den: Gewissen habe«. Mer Sie treffen doch nicht immer einen Vorgesetzten —
„Immer! Bei meinem Pech immer. Ich brauche nur einmal ohne Deckung über die Gasse zu lausen, schon hat mich einer. Da könnte ich Ihnen Geschichten erzählen aber das ist gar nicht nötig. Der Wolf m der Fabel. Da hinten kommt mein General. Ich bitt' Sie — waS sucht nun das alte Rauhbein nachmittags um vier hier auf der Landstraße! Tie Welt ist so groß, und es gibt eine Unzahl von schönen Gegenden — aber ausgerechnet kommt er hierher. Und wozu? Damit ich Front machen soll. Wer daS gibt's nicht, Alterchen. Heute nicht. Ich bin in Begleitung und habe ein Täschchen in der Hand. Also los: sechs Schritt» vorher in gerader Haltung — eins — zwei
Leider kam es anders. __
General Volten blieb stehen, die junge Dame blieb stehen, und dem unglücklichen Einjährigen blieb nichts anderes übrig, als ebenfalls stehen zu bleiben und mit Grausen zu beobachten, wie der General und die Dame sich auf dem intimsten Duzfuß begrüßten
Na, tzilve — eigentlich wollte ich dich abholen, aber da du Begleitung hast--wohl eine Eisbekanntschaft,
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„Einjähriger Hannacker, zweite Eskadron Dragoner- Regiment Karl Ludwig, vom Eislauf zurück."
Der General nickte, und zwar nicht unfreundlich. Plötzlich aber wurde sein Blick ernst und streng.
Es wäre mir lieb, mein Kind, wenn du Mich noch ein wenig begleitetest," sagte er zu feiner Nichte, ohne die kritische Musterung des Einjährigen zu unterbrechen. Endlich trat er an ihn heran .
„Danke Ihnen für Begleitung meiner Nichte. Im übrigen aber--wie stehen Sie denn da! Donnerwetter
nochmal! Wo haben Sie die freie Hand! Wo die rechte Schulter!? Donnerwetter nochmal! Wie heißt ^hr Ritt-


