Ausgabe 
29.10.1910
 
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Halt! Da streikte sich «in Ast des Kastanienbänmes über Ken Zaun.

Sind Sie vielleicht . vom Kastanienbanm gefallen? Ha­ben Sie sich weh getan?"

Ein zweiter Blick überzeugte sie zwar, daß es allen Gesetzen der Natur Hohn sprach, so weit von dem Aste ab in den fremden Garten zu purzeln aber was tat's! Wenn er den rettenden Strohhalm, der in diesem Falle ein Ast war, ergriff, könnt' er sich so la la aus der Affäre ziehen.

Friedrich Wilhelm bist die Zähne zusammen.

Nein ich bin . . . nicht gefallen."

Oder sind Ihnen etwa Briefmarken über den Zaun ge­flogen, die Sie suchen?"

Eine Art Galgenhumor erwachte in ihm.

Tas formte schon eher möglich sein, Fräulein Eberhardt aber ich sammele keine. Wirklich nicht!"

Er verschmähte auch das. Nun war sie mit ihrer Weisheit Ende. Dieser groste Junge da könnt' einen fast reizen.

Na also dann?" fragte sie resolut.

Tie Blamage konnte eigentlich nicht größer werden als sie war. Und seit er das eingesehen, war er ruhiger geworden, ja fein leichter Trotz war in ihm aufgestiegen.

,>Jch wollt' Himbeeren stehlen," antwortete er.

Sie unterdrückte ein Lachen. :

».Das ist ja lieblich. Und dabei hab' ich . . . Sie gestört." Stimmt ganz genau. Von der Kastanie fäll' ich nicht run- ! fier. Ich fall' überhaupt nicht."

' Tas war wieder der ganze Jnngenstvlz. Lieber unehrlich, als ungeschickt. ,

Möchten Sie . . . nicht aufstehen, Herr Gruber? Sie müs­sen doch schon eine ganze Zeit recht unbequem dasitzen."

Tanke schön. Tie Hand hier . . . hatte etwas schwer zu tragen. Aber wenn Sie nicht gerade hierher gekommen wären ich hält' es schon noch ausgehalten."

Sein Gesicht war noch immer gerötet, und eben um seine innere Beschämung zu vcrbergerr, redete er so trotzig. Mit dem roten Gesicht und den trotzigen Augen stand er nun vor ihr und klopfte srch den Sand und Staub ab.

Sie waren beide fast gleich grost. Das Mädchen nur viel­leicht zwei Finger breit kleiner. Beide gesund und kräftig, dast es em Staat war.

Trude Eberhardt, obwohl eilt halbes Jahr jünger, war ihm überlegen. Ste war sicherer, reifer die Dame begann sich schon aus dem Backfisch zu entwickeln. Das zeigte sich deutlich, Wie die beiden nun dicht beisammen standen.

.Sa, Herr Gruber," begann sie wieder,was tut man denn Mit Ihnen? Der Polizei kamt ich Sie doch nicht gut übergeben."

Er lächelte ein wenig. Noch etwas blöde zwar, aber es ge­schah hier auch zum erstenmal.

Co halten Sie nun das siebente Gebot."

Ach," sagte er,die Himbeeren! Wir haben zu Hause ja . . . doppelt so viel wie Sie hier. Aber in den Ferien waren die meisten noch unreif. Und da dacht' ich, man könnt' doch 'mal schmecken."

Weswegen Sie über den Zaun kletterten

Nein. Ich hab' eine Latte losgemacht."

Auch das noch. Gut, dast mein Vater ... Sie nicht er= wUcht hat. Die Himbeeren hält 'er Ihnen vielleicht noch hin- gehcn lassen die Latte nicht. Und wenn Sie ein andermal eine allzu große Sehnsucht nach Himbeeren haben, dann sagen Sie s lieber!"

_ Friedrich Wilhelm Gruber senkte sein Haupt wie vor dem Lehrer.

^ --Zch,,tu's nicht . , mehr." Und mit plötzlichem Trotz: r,Jch bleib überhaupt nicht mehr hier."

Nanu? Sie wollen fort?"

Wollen!! Ist doch sehr einfach: Sie erzählen, daß Sie Mich hier als Gartendieb abgefaßt haben, und wenn's ... der Direktor nicht erfährt, hören's die andern. Die necken mich dann und . . . in und dann ..."

Er zuckte die Achseln und steckte die linke Hand, die von vorhin sowieso nicht ganz sauber war, in die Hosentasche

Und dann.jpaä ist dann?" fragte Trude Eberhardt.

,,a.ann Prügle ich alle windelweich," gab er zur Antwort. Unb wenn ste die Dresche weghaben, wird natürlich geklatscht, dann kommt Nicht nur die Himbeergeschichle und die Prügelei 'raus, sondern weiß Gott was alles na, und dann flieg' ich. Ich meine: 'raus aus dem Gymnasium."

Tas junge Mädchen war erschrocken.

Wahrhaftig?" stammelte siegleich ganz 'raus? Mer das ist ia . . . unmöglich."

Bei uns unmöglich . . .?" erwiderte er achselzuckend und deutete mit dem Daumen der Rechten nach rückwärts in die Gegend, wo das Gymnasium lag.Die Leutchen müssen Sie erst kennen."

Eine unsägliche Geringschätzung lag in seinen Worten.

Tann werd' ich selbstverständlich keinen Ton sagen," sprach 1

Trude Eberhardt nach einer Pause.Das wäre ja sowieso niM

geschehen."

Sein Gesicht erhellte sich plötzlich.

Das wollten Sie tun? O, Fräulein Eberhardt"

Etwas tölpelhaft streckte er ihr die Hand hin, zog sie aber sofort zurück. Sie war gar zu schmutzig.

Wissen Sie was?" fuhr er fort.Sie . . . Sie müssen! mir eins versprechen: ich hab', denk' ich, so vierzig, fünfzig Beerest gut abgegessen hier. Tw müssen Sie, . . später 'mal bei uns . genau so viel essen. Das hebt sich dann. Fünfzig Beeren."

Sie lachte laut auf.

Wie komme ich denn zu Ihnen, Herr Gruber?"

Er kraute sich den Kopf.

Das allerdings . . . aber vielleicht bei Gelegenheit 'mal . . . später . . . Sie sollen mir ja rrnr versprechen, wenn sich's 'mal gerade so trifft. Dann fühl' ich mein Gewissen erleichtert."

Also gut. Wenn's 'mal paßt, ich fünfzig Himbeerest bei Ihnen. Aber nicht vergessen, Herr Gruber: Stehlen ist ver­boten." (Fortsetzung folgt.)

* Wer ist der Faulste? Eine hübsche Ge-i s chich te, die die berühmten Faulpelze aus den Grimmschen Märchen in den Schatten stellt, erzählt diePhiladelphia League": Ein amerikanischer Captain hatte eine Kompagnie von 60 Mann, von denen jeder immer fauler war als der andere. Der Captain wollte seinen Leuten nun die Fanbi heit austreiben und glaubte, dazu ein ganz besonders gutes Mittel aussindig gemacht zu haben. Eines Morgens redete er seine Leute an:Ich habe eine sehr angenehme, ganA leichte Aufgabe für den faulsten Mann in der Kompagnie. Der faulste Mann trete vor!" Augenblicks hoben sich 5Y linke Beine empor und ebenso viele Leute traten einen Schritt vor. Ganz erstaunt wandte sich nun der Captain an den einen, der allein im Gliede stehen geblieben war und! fragte:Warum sind Sie nicht vorgetreten?" Die Ant­wort lautete:Ich war zu faul."

* Drei elegante Männer. Alle Pariser Zeitungen haben von den elegant gekleideten Frauen gesprochen, bte sich bei den letzten Rennen au? den Tribünen von Longchamps den Blicken des Publikums zeigten: dieDaily Mail" wundert sich darüber, daß nicht auch die elegant gekleideten Männer erwähnt worden sind, und sucht ihrerseits diese beüauerliche Lücke aliszniüllen. Die drei bestgekleideten Männer ans dem Rennplätze waren der be= kannte Schauspieler Le Bargy, ein berühmter Schneider, dessen Name leider nicht genannt wird, und tzerr Andrö de Fouquisres, der eleganteste Pariser, Versasser eines Buches über Kunst, Eleganz und Wohltätigkeit. Le Bargy trug einen Anzug von mattbrauner Farbe und eine Weste von grau-grünltcher Seide man nennt das Krokodilnuance kontrastierte wunderbar mit der grün­gräulichen Kravatte. Der berühmte Schneider trug einen Phantasie­rock mit einem eingeweblen feinen purpurnen Streisen auf grauem Grunde. Seine Weste war geradezu eine Sensation: der Stoff wies als Webeeinschlag das rotgelbe Haar des Lieblingshuudes des Schneiders auf, und auf den Knöpfen sah man Piiniatiirbilder des interessanten Tieres, das leider schon ins Hundeparadies eui- geganqen ist. Wie der dritte Herr gekleidet war, wird nicht näher angegeben . . . Schade!

* Mario, der berühmte Sänger, war mit Grisi, feiner Gattin in St. Petersburg engagiert. Auf einem Spaziergänge mit ihren Kindern begegneten sie eines Tages dem Zaren. Seine Majestät streichelte die Kleinen und bemerkte zn Grisi:Dies sind wohl Ihre kleinen Grisetten?"Nein, Majestät," war die schlag­fertige Entgegnung,das sind meine kleinen Marionetten.."

Silbenrätsel.

ar, bah, bers, beih, bra, da, e, ei, en, en, dor, ho, il, la, le, li, lo ly, me, ine, neu, ol, ri, ri, fa, se, sen, th, zi.

Aus vorstehenden Silben und Buchstaben sollen neun Wörter gebildet und derart untereinander gesetzt werden, daß die Anfangs­buchstaben von oben nach unten und die Endbuchstaben von unten nach oben gelesen ein geflügeltes Wort ergeben. Es bedeuten aber bte einzelnen Wörter folgendes:

1. Modernes Verkehrsmittel.

2. Titel einer Wagner'schen Oper.

3. Mythologischen Namen.

4. Einen Astronomen.

5. Männlichen Vornamen.

6. Englische Halbinsel.

7. Afrikanisches Reich.

8. Weiblicven Vornamen.

9. Ein Küstenland.

Auslösung in nc.hster Nummer.

Auflösung des Bilderrätsels in voriger Nlimnierr Viel Kinder, viel V a t e r u n s e r.

Redaktion: K. Neurath. - Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- unb Steindruckerei, R. Lange, Gießen-