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Beere zum Munde wollte, blieb in der Mistte des Weges steherr» Wieder ein Knirschen. Wie von Sandkörnern.
Behutsam richtete der Gymnasiast sich auf. Da sah er etwas Weißes durch die Büsche schimmern, ein Zweig bog sich, noch einer —
Was tun? Sich fortschleichen? Das war durchaus unmöglich. Schon das leiseste Geräusch mußte ihn verraten.
Also gab es nur eins: ruhig aushalten, sitzen bleiben und dem lieben Gott vertrauen, daß er unbemerkt blieb. Wenn der oder die unbekannte andere sich zu den Himbeerbüschen aus die gegenüberliegende Seite schlug, war er gerettet.
Die Sekunden verrannen, wurden zu Minuten. Er hörte noch immer an der alten Stelle Pflückern
Dann ein paar Schritte. Heiliger Himmel, sie kamen näher. Er bog den Kopf, so tief .er konnte. Durch die .Ranken sah er, daß ein Femininum ihm diese Qualen der Angst verschaffte.
Tas beruhigte ihn einen Augenblick. Im nächsten jedoch war er fast völlig erschrocken.
Ein Femininum! Wenn das Trude Eberhardt war — Trude Eberh ►—1 -—! •
Stürz' ein, Himmel: sie war es! Er hatte nur eine Hälfte des Gesichts bei einer Wendung gesehen, die sie tat, aber sie war es! Man konnte sie nicht verkennen. Es war der Abgott des Gymnasiums, es war die, der die gesamte Sekunda Fensterpromenade machte; die, deren Namen oder Namensiintialen aus den Schulbänken dutzendfach eingeschnitten, in das Glas der Tintenfässer gekratzt waren — mit einem Wort: es war Juno.
Juno war ihr Spitzname bei den Schülern. Weil sie so große Augen hatte, weil sie für ihr Alter so kräftig war und kernig — ein derbes, gesundes Mädel. Weiß Gott, was alles noch dazu beigetragen hatte, daß die Bezeichnung allgemein aufgegriffen ward und haftete.
Friedrich Wilhelm Gruber war sonst nicht für das Weibliche und am wenigsten für die Städterinnen. „ Met den Bauernkindern war er aufgewachsen, und wenn das löbliche Gymnasium ihn auch bereits soweit kultiviert hatte, daß er das Ueberge- nicht der milesischen Venus über eine heimatliche Bauerndirne! anerkannte, so lebte eben doch, nur leise korrigiert, das alte Ideal in ihm weiter. Gerade deshalb war Trude Eberhardt dre einzige, die für ihn in Betracht kam. Voriges Jahr in ter Tanzstunde hatte er sich geweigert, mit der Apothekerstochter zu tanzen. „Sie zerbricht ja!" hatte er mißbilligend gesagt und dabei seine großen Bauernhände angesehen, die allerdings für die dünne Mitte etwas bedenklich waren.
Bei Trude Eberhardt brauchte er das Zerbrechen schon damals nicht zu fürchten. Und so übte er die edle Tanzkunst gerate mit ihr recht häufig aus. Sie war allerdings sehr umworben» doch schien es fast, als ob sie ihn vorziehe. Seine Robustheit gefiel ihrer eigenen strotzenden Gesundheit, und tanzte er Nicht gut, so tanzte er doch mit ungeheurer Ausdauer, ohne zu ermüden.
Seitdem waren dreiviertel Jahr vergangen. Selten genug, daß er rin Wort mit ihr gewechselt. Weil die gesamte Sekunda aber sich für Trude Eberhardt entschieden hatte, stand er auch nicht zurück, bildete sich ein, sie lieb zu haben, was er durch Fensterpromenaden, tiefes Hutziehen und ähnliche Spaße lhr zu offenbaren suchte. ,
Tie Sonne brannte glühend heiß herab, doch war es nur Angstschweiß, ter ihm auf der Stirn stand. Tie Hand, aus die er sich stützte, konnte die Last kaum mehr tragen. Er versuchte verzweifelt die Stellung zu wechseln — es gelang auch, nur em paar Blätter rauschten. . .
Ahnungslos war das junge Mädchen an den Strauch getreten, hinter dem Friedrich Wilhelm Gruber sich barg Zufällig mochte ihr etwas auffallen, sie bog herum und teilte bte Büsche.
Da sah sie ihn. , , . x ,
Mit scheu geducktem, glühend rotem Kopfe lag er da, ohne es zu wagen aufzusehen. Die linke Hand mit den fünf derben! Fingern stützte ihn, seine Krawatte war bei dem scheuen Ducken hoc^erutscht und wollte über den Kragen hinaus — es war em merkwürdiges Bild. . r , . „ . . .
Das junge Mädchen war in Schreck und Verwirrung einen Moment stehen geblieben. Sie brachte kein Wort heraus. Allmählich erst faßte sie sich.
„Aber — Herr — Gruber!" „
Die Blamage war fürchterlich. Friedrich Wilhelm wäre mit Wonne jetzt in die Erde gesunken oder ein Mäuslem gewesen. Ta der liebe Herrgott ihm beides versagte, senkte er stillschweigend das Haupt nur noch, tiefer, wodurch die Krawatte bte ersehnte Gelegenheit bekam, jetzt endlich den Kragen vollständig zu! überwinden. , ... , ., ,
Kopfschüttelnd sah Trude Eberhardt auf ihn herab
Aber Herr Gruber," sagte sie noch einmal. „Wie kommen Sie 'denn ... Sie denn . . . hierher?"
Er seufzte nur. Es >oar mehr em Stöhnen Wenn bte SS, tunte das erfuhr! Er war unmöglich für alle Zeiten.
Ter Seufzer rührte sie. Hilfesuchend sah ste sich um; wie^gern hätte sie ihm eine goldene Brücke gebaut! Tenn daß et werter Nichts wollte, M Kexrey diebseu, war ihr MM klar,
Gestohlener Gut.
Bon Themas Gl ahn.
'(Nachdruck verboten.)
Rittlings auf dem starken Ast der Kastanie saß der Ober- sekundaner Gruber. „Friedrich Wilhelm Gruber" stand auf seinen Heften. Er war sechzechi Jahr, groß und breitschultrig. Sein gesundes Gesicht sah gelangweilt über die mittäglichen Gärten hinweg, die sich um ihn ausdehnten.
Tie Gärten waren leer und still. In der Sonnenglut hielten die Leute sich droben in ihren Wohnungen auf, auch die Vögel schwiegen, nur ein Hänfling sang sein bescheidenes Lied, und tes geheime, nie unterbrochene Summen der Insekten war deittlich dazwischen hörbar.
„Schockschwerebrett!" brummte der Gymnasiast, „es ist zuur Verzweifeln!"
Und seufzend, mit begehrlichen Augen sah er über den Zaun in den Nebengarten, wo die Himbeerbüsche standen.
Er war ein Torfkiich. Sein Vater hatte ein paar Meilen! weiter ins Land ein hübsches Bauerngut vor langer Zeit erworben und durch Ankäufe allmählich so vergrößert, daß er Nun zu teit wohlhabendsten Grundbesitzern des Kreises zählte. Ein großer Qbstgarten zog sich um tes Wohnhaus, und an ihn dachte Friedrich Wilhelm Gruber, als er jetzt auf dem. Aste faß und seufzte.
Wie die Himbeeren stehen mußten! An ter schattigen feuchten Stelle dicht am Zaune! Und grate da durst' er nicht zu Haus sein, grade da mußt' er hier in ter Stadt hocken. Lateinisch und Griechisch lernen, sich mit deutschen Aufsätzen Plagen und sechs his sieben Stunden täglich sich schinden lassen! Es war wirklich zum Verzweifeln!
Wozu die ganze Geschichte nötig war, begriff er noch immer Nicht recht. Der Esel paßte so gut zum Tanzen wie er zum Studieren ! Landwirt wollt' er werden. Dazu hatte er Lust und Liebe. Tie frisch gedüngten Felder rochen ihm besser als. Buch und Schulstube, in den Ställen war er mehr zu Hause als in den unregelmäßigen griechischen .Verben, und so fuhr er jauchzend in die Ferien und kam seufzend zurück in die Stadt.
Er hatte seit Jahren gehofft, daß sein Vater ein Einsehen haben und ihn von der Schule nehmen würde, wenn tes einjährige Zeugnis glücklich erreicht war. Aber kein Bitten half: er mußte auch dann mietet in die verhaßte Pension zurück.
Und die Himbeeren zu Hause — —
Ach, nur .einen Nachmittag jetzt draußen sein, den ganzen Tag im.Grase liegen, in der Mittagsglut sich schmoren lassen, die xoten Beeren in der Mütze neben sich!
Einen Augenblick saß Friedrich Wilhelm Gruber still, Tann kletterte er vom Baum herab, besah prüfend den Zaun und faßte eine Latte kräftig an. Seine Muskeln spannten sich — ein Ruck, und die Latte, die schlecht vernagelt und halb verfault war, hatte sich gelöst.
Sie.war nicht zerbrochen, und tes war ihm besonders lieb. Nun könnt' er sie nachher ruhig wieder anlehnen, und niemand Merkte etwas.
Er zwängte sich also durch den Zaun, sah sich! vorsichtig nm und war bald mitten in den Himbeerbüschen. Als ob in der Wittagsglut eine kühle Frische von ihnen ausging! Er atmete tief die durchduftete Luft ein und war im Moment so benommen, als wär' er wirklich daheim, als könnt' er nach Herzenslust hier pflücken, als müßte Wolf, fein Lieblingshund, bald schweifwedelnd Nachgesprungen kommen und ihn begrüßen.
So räuberte er denn kräftig drauf los. Und nachdem er eine Handvoll Früchte in den Mund gesteckt, konstatierte er, daß auch die Sträucher vom Nachbar Eberhardt recht annehmbare Beeren lieferten, die den väterlichen nicht viel nachgaben *
Das nahm ihn für den Garten ein. Und mit wohlgefälligem Kopfnicken setzte er sich vor den dichtesten Busch unbi streckte! Nur immer die Hand aus.
Es war die rechte Idylle. Die Gtzmnasialuhr schlug, aus der Ferne, aber sie störte ihn nicht. Der Mittwoch-Nachmittag war bis auf die Turnstitnde frei. Ein Bienchen summte schwer- belad-M vorüber, der kleine Schmetterlingsfalter setzte sich mit ausgebreiteten Flügeln auf ein grünes Blatt, der Himbeerstecher ließ sich blicken und ward von Friedrich Wilhelm, der die Him- beeren selber liebte, gewaltsam ins Jenseits befördert.
Plötzlich jedoch knirschte etwas.. Die Hand, die mit einer
schmunzelndes Lächeln. Er hatte letzthin jn Wiesbaden eine nette Bekanntschaft gemacht. Sie war rotblond (das liebte er) und hatte ein entzückendes Le der fleck chen links an der Unterlippe. . . . Und plötzlich erklärte er: wenn Margot wirklich fort wolle, dann möge man den Schmerz abkürzen. Dann so rasch als möglich. Besser heute als morgen. Der gebeugte Mann hatte es auf einmal fieberhaft eilig. Und Fritz sollte die Sache erledigen — alles. Denn er selbst, so erklärte der Kommerzienrat, er ertrügs diese fürchterlichen Unterhandlungen nicht. Das ginge über feine Kräfte.
(Fortsetzung folgt.)


