Ausgabe 
29.8.1910
 
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Die Erziehung des Auges und der Hand.

Tie Erziehung des Auges 'und! bet Hand', dieser beiden! ivichtigften Werkzeuge des Geistes, ist bisher arg vernachlässigt worden. Die wertvollen Ideen Friedrich Fröbels sind in der Hauptsache nur dem Kindergarten zugute gekommen, ohne die Erziehung in Schule und Haus wirksam genug zu! befruchten. Wenigstens sind die Schulen, in denen das darstellende, werk­tätige Lernen eine Hauptgrundlage des Unterrichts bildet, bei uns noch sehr selten. Auch nach Fröbel haben namhafte Pädagogen diese Lücke in unserem Erziehungssystem der Allgemeinheit zum Bewußtsein zu bringen und unsere einseitige Geistesbildung durch eine werktätige, Auge und Hand bildende Erziehung zu ergänzen gesucht. Der Deutsche Verein für Knabenhandarbeit ist seit reichlich einem Vicrteljahrhündert nach dieser Richtung hin tätig Und hat auch viele praktische Erfolge erzielt, aber zu einem wesentlichen Bestandteil unserer öffentlichen Jugenderziehung ist die Werktätigkeit, diesesschaffende Lernen", auch bis heute noch nicht geworden. Nach dieser Seite hin haben uns eine Reihe anderer Kulturstaaten weit überholt. An manchen Schulen der Vereinigten Staaten nimmt 'der Haudfertigkeitsunterricht den dritten Teil aller Stunden ein. Erst vor kurzem wieder schrieb! mir ein Deutscher, der in Denver und anderen amerikanischen! Orten Einblick in den dortigen Schulbetrieb bekommen hat, daß, er gestaunt habe über die Geschicklichkeit, Intelligenz, Ausdauer Und Selbständigkeit der amerikanischen Schuljungen in praktischer Arbeit. >

Ein Hauptgrund für das Nachbleiben Deutschlands aus diesem Gebiete ist die bei uns übliche Heberschätzung des rein geistigen! Studiums im Verhältnis zu praktischer Arbeit, das Vorurteil, daß man nur auf einem ganz bestimmten Wege, durch die humanistische Schule hindurch, zur einzig wahren Bildung kommen könne. Dieses Vorurteil ist zwar von bedeutenden Männern, die nicht bloß die humanistische Geistesschulung, sondern auch die Bildungswerte anderer Beschäftigungen gründlich kennen gelernt hatten, zahllose Male bekämpft und widerlegt worden, aber es ist heute noch lebendig.

Ein zweiter Grund ist zu suchen in der weitverbreiteten! Anschauung, die Werktätigkeit diene lediglich der Ausbildung der Handgeschicklichkeit. Man steht ihr ja im großen und ganzen nicht unfreundlich gegenüber, sieht in ihr sogar eine nützliche körperliche Ausarbeitung" und ein wünschenswertes Gegen­gewicht gegen die vorwiegend! sitzende Lebensweise und einseitig geistige Tätigkeit im Schulunterricht. Damit ist bei vielen die erzieherische Bewertung der Werktätigkeit aber erschöpft. Daß sie auch eilte ganze Menge geistige, allgemein bildende Wertet enthält, also durchaus nicht bloß technische Fertigkeiten vermittelt, ist bei uns noch nicht ffo bekannt, als man int Interesse deÄ Jugenderziehung wünschen muß.

Weun der Schüler zum Beispiel irgend einen Naturgegen- staud int Umriß oder flächig oder körperlich darstellen soll, so ist er gezwungen, ihn vorher viel genauer als sonst anzusehen und ihn in seinen wesentlichen Eigenschaften zu erfassen; sonst kann er ihn eben nicht richtig zeichnen, ausschneideu, malen oder formen. Jede slüchtige oder falsche Anschauung offenbart sich sofort in der Darstellung. So malt der Schüler die Pflaume zuerst stets falsch als ein ziemlich regelmäßiges Eirund. Nun muß ihm der Bau der Pflaume bewußt gemacht werden; der Kern ein spitzes Oval mit einer flachen und einer stark gekrümmten; Seite. Dieser Kernform entspricht auch der äußere Bau. Sie kann leicht erkannt und berichtigt werden. Das ist in keinem einzigen anderen Unterrichtsfach so gut möglich. Handelt es sich um die Herstellung eines Werkzeugs oder häuslichen Ge- brauchsgegenstaudes, so müssen Lehrer und Schüler auch nach­denken über die gegenseitige Abhängigkeit von Zweck, Gestaltungs­material, Form, Farbe u. a. m. Trotzdem kommen noch tech­nische und ästhetische Mißgriffe vor. Sie müssen erkannt und berichtigt werden. Es wird probiert und studiert, bis das Ziel endlich erreicht ist. Dabei werden eine ganze Menge Kräfte in Tätigkeit gesetzt, geübt und entwickelt.

Der spekulative Verstand und die ästhetische Phantasie werden mächtig angeregt; das Auge wird empfänglicher für Formen mch Farben und zum bewußten Sehen erzogen. Diese Art Werk- tätigkeit ist also nicht nur eine Schulung der Handgeschicklichkett, sondern auch der praktischen Intelligenz und des guten Ge­schmackes. Damit ist eine Steigerung der Auftassungskraft und Ausdrucksfähigkeit eng verbünden. Das Vorstellungsleben wird vertieft und bereichert. Diese durcheigene, gestaltende Arbeit (produktives Lernen) erworbenen Vorstellungen sind viel klarer Und haften fester, wirken also auch viel tiefer auf das ganze Geistes-, Gemüts- und Willenslebcn als die durch bloße An- schauuug und Belehrung, durch ein mehr ausnehmendes (rezep­tives") Lernen angeeigneten. Der Wille wird auf ein klar be­stimmtes, nicht zu fern liegendes Ziel gerichtet und an bie. lieber» Windung von Schwierigkeiten gewöhnt. Nach und nach wird ihm in der Wahl der Mittel zur Erreichung des Zweckes immer mehr Freiheit gestattet, nnb so erziehen wir allmählich zu einem selb­ständigen, zielbewußten und folgerichtigen Handeln. Den Irrtum der alten Pädagogik, daß man schon durch 'eine entsprechende Be­einflussung des Vorstellungslebens und der Einsicht Charakter und Willen bilden könne, ist heute wenigstens theoretisch über»

Wunden'. Ebensowenig wie man gutes Sehen, Hören, Spr'echdN,- Singen, Lesen, Schreiben, Rechnen, Zeichnen, Turnen durch bloße Anschauung und Belehrung, sondern nur in Verbindung mit fort­währender gründlicher Hebung erlernt, ebensowenig kann man bei der Erziehung zil vernünftigem, praktischem, sittlichem Handeln der Hebung entbehren. Die Einsicht allein tuts nicht, der Heran­wachsende Mensch muß sich im Handeln auch wirklich praktisch üben und gewöhnen können. Hnd an letzterem hat es unserer! bisherigen Erziehung sehr gesehlt. Die Werktätigkeit (im weitesten! Sinne) ist zwar nicht das einzige, Wohl aber das vielseitigste und erfolgreichste Hebungs- und. Erziehungsmittel zu tatkräftigem, prak­tischem Handeln.

(Das Wesentliche dabei ist, daß diesesschaffende Lernen" durch Malen, Zeichnen, Ausschneiden, Formen, Bauen, durch Sprache, Schrift und Gebärde der Kindesnatur iveit mehr ent­spricht, als das vorwiegend ausnehmende und abstrakte Lernen. Das schassende Lernen kommt dem starken kindlichen Spiel-, Kunst- und Tätigkeitstriebe außerordentlich entgegen. Dabei kann auch den persönlichen Anlagen und Neigungen' (soweit sie wertvoll sind) ein viel größerer Spielraum' als sonst gestattet werden; Freiheit und Neigung aber sind die mächtigsten Triebfedern des Schaffens überhaupt. Wer diese Werktätigkeit aus eigener Erfahrung kennt, der ist überzeugt, daß sie in viel höherem Maße zur Selbsttätigkeit! und Selbständigkeit, zur Schaffenslust und Schaffenskraft, zu praktischer Arbeitstüchtigkeit erzieht, als die meisten anderen Bil­dungsmittel. '

Bei den stetig zunehmenden Schwierigkeiten, die dein deutschen! Volke aus seiner steigenden Bevölkerungsziffer und vor allem aus dem Wettkampfe mit anderen rüstig vo^wärtsschreitendeN! Kulturvölkern erwachsen, ist es geradezu eine nationale Notwendig­keit, unsere Jugenderziehung nach der praktischen Seite hin zu! ergänzen durch eine viel kräftigere Kultur des Auges und der Hand.

Dbk, Max Brethfeld.

geimo!"

Feurio! Dieser furchtbarste Schreckensruf des Mittelalters/ der dem Ritter wie dem Bürger unabwendbare Vernichtung seiner Habe und schwerste Gefahr für Leib und Leben androhte, gellt jetzt wieder durch die gauze Welt, da auf der Brüsseler Welt­ausstellung die verzehrenden Flammen unermeßliche, hier von den Nationen aufgehäufte Schätze vernichtet haben, Trauer und! Schrecken nicht nur für Belgien, sondern für alle zivilisiertem Länder heraufführten. Die Geschichte der Menschheit ist rnfüHtl mit dem unaufhörlichen Kampf der irdischen begrenzten Kräfte gegen die ungeheure Macht des feurigen Elementes. Aber es mußte erst eine hohe Stufe der Kultur erreicht werden, bevor! feste Organisationen gegen die Feuersbrünste geschaffen wurden'/ wie wir sie heute besitzen, die doch wenigstens der sich immer! weiter ausbreitenden Wut der Flammen ein Ziel zu setzen ver­mögen. In früheren Zeiten erhob sich die ganze Genieinde wie ein' Mann gegen das Feuer, denn jeder fühlte sich bedroht, jeher! wußte, daß die roten Zungen vom Dach des Nachbars sofort auch "nach dem feinen herüberlecken würden. Die rechtzeitige Fcucr- meldung galt daher als das wichtigste. Die alten Aegypter/ das Volk Israel, die Griechen, sie hatten ihre Feuerwächter,die des Nachts die Runde machen und Alarm schlagen sollten. Eme regelrechte Feuerwehr entwickelte sich zuerst bei den Römern! und zwar zunächst in Rom, wo unter Augustus aus dem' Heer heraus eilte militärisch organisierte 7000 Mann starke Feuer-- wache entstand, die, in sieben Kohorten geteilt, die 14 etabttedd Roms zu bewachen hatten. Patronilleit zogen beständig durch! die Straßen; brach Feuer aus, dann ertönten die Alarmglocken ünd die Wache rückte an mit Feuerleitern und Feuerspritzen, Diese Feuerspritzen, die Plinius der Jüngere in einem Brief an Trajan erwähnt, waren umfangreiche Maschinen, die aber noch sehr unvollkommen waren. Wenigstens berichtet Seneca, baß die Höhe der Häuser in Rom die Löschung der Feuersbrünste ineistens unmöglich machte. In anderen Städten des Weltreiches, war überhaupt keine Sorge für Löschanstalten getroffen; des­halb machte Plinius den Vorschlag, cs sollten überall Gilden von Zimmerleuten errichtet werben, die als Feuerwehr menen' könnten. Allmählich entstanden dann auch in den ersten Fahr- hundeiten n. Ehr. solche Feuerwehren, die hauptsächlich nut Losch- eimetn und mit wassergetränkten Decken des Feuers Herr zu' werden suchten. Aus Mines melden z. B. zahlreiche römische Inschriften, daß hier eine besondere Feuerwehr bestand. Ans dem Ende des 6. Jahrhunderts ist iwd) ein Edikt König Chlotar II. erhalten, in dem Anweisungen zur Einrichtung ständiger Feuer­wachen im merowingischen Reich gegeben werden. Aber bald ge­rieten diese immerhin schon fortgeschrittenen Formen des Losch- wesen« in Verfall; die antike Erfindung der Feuerspritze ging verloren; Kleriker und Laien schlossen sich zu primitiven Gemetn- schaften zusammeii, um so gut es eben gehen wollte das schwmü Ringen mit dem furchtbar wütenden Element aufznnehmen. ^m 13. Jahrhundert wird dann zuerst dem Loschwe,en.wieder größere Aufmerksamkeit geschenkt. Ludwig IX. von Frankreich und Milipp der Schöne erlassen Verordnungen zur Ausbildung einer Feuer­polizei und bald werden zahllose Feuerwehrorbitungen aufgestellff die sich mit dem feuersicheren Bau der Hauser und den zu