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Das schlafende Heer.
Roman von Clara Vieb'ig.
^Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.)
Der Knabe besann sich nicht lange, fühlte er sich nun doch viel sicherer choch oben auf der breiten Schulter. Wer- lgnügt lachte er, ein wenig ängstlich und doch stolz, zugleich, wie einer, der zum ersten Mal ein feuriges Roß unter sich fühlt.
„ „Geht nach Hause!" rief er keck. „Meine kleinen Brüder sind müde, wir möchten gern ruhig schlafen. Ich tzebe euch auch die bunten Ostereier, die ich kriege — ja, ja!" Er nickte eifrig, als er in die Gesichter sah, die ihn ungläubig anstarrten, und legte dann, ganz ernsthaft, die Kinderhand aufs Herz. Mit einem Ausdruck über seine Jahre sagte er:
„Was ich versprochen habe, halt' ich auch. Ihr kriegt sie, auf Ehre!"
Es war so still gewesen bei den Worten des Knaben, daß der Inspektor einen neuen, noch heftigeren Ausbruch von Wut fürchtete; unheimlich dünkte ihn diese Stille. Mit einer gewaltigen Anstrengung gelang es ihm jetzt, stuf die Knie zu kommen; jetzt setzte" er den ersten Tritt stuf die Erde — hin, hin um jeden Preis, sich hinstellen vor den tapferen Jungen und ihn schützen! Wenn sie dem was tun würden, dann —
Er erschrak fast. Ein Gelächter war plötzlich losgebrochen. So einmütig aus allen Kehlen kam es und so Überraschend, daß es ihn förmlich packte.
Er taumelte und sank wieder auf die Knie. Wie int Traum hörte er sie alle untereinander schreien.
.. „Was, was sagt das Herrchen?!"
„Bunte Ostereier will er uns schenken, sagt er!"
„Guter paniczek!"
„Mn Liebling ist er, ein Herz von Gold!"
„Ostereier will er uns schenken, das Bürschchen! Seine Ostereier, die er geschenkt kriegt! Daß die heilige Mutttzv ihn segne!"
Wie vorhin, so drängte auch jetzt die Rotte gegen die Freitreppe an. Wie vorhin, so blitzten auch jetzt die Augen, wie vorhin, so streckten sich auch jetzt die Hände aus. Aber Inspektor Hoppe konnte ruhig auf den Knien liegen bleiben und starren mit weitgeöffneten, erstaunten Augen. Diese Hände da, diese heftig gestikulierenden, sich reckenden Arme, wollten jetzt den Herrensohn nicht mehr herunterreißen, sein. Blut nicht mehr vergießen am Scheunentor.
„Kleiner paniczek! Lieber paniczek! Goldener panic- zek!" Mn Durcheinander von Zärtlichkeiten schwirrte zur Schwelle des Herrenhauses empor.
i „Die heilige Dreieinigkeit soll ihn hüten!"
„Daß er gesegnet sei mit goldenen Aehren und langen Jahren!"
„Daß er groß wachse tote ein Baum und Schüttest gebe!" j j
„Daß er lebe: hoch!" 1
Jezierski hatte das geschrien und sich, hochgereckt Untev der lgichten Last, die seine starken Schultern nicht spürten. Den tzut vom Kopf reißend, schwenkte er ihn mit gellendem: Jauchzen. Und gellendes Jauchzen gesellte sich zu denk seinen.
Weithin tönte es durch die Nacht, ein Jauchzen, das' Kraft hatte. Tote zu erwecken. Ueber den Hof, übers Herren-' haus weg, über den See hörte das der Lysa Gora.
„Der junge gnädige Herr soll leben! Er lebe höchst Hoch! Hoch!"
Jetzt knarrten die Stalltüren, jetzt ließen die FornalI sich sehen, und auch des Stellmachers Stimme wurde laut aus der Schmiede:
„Holla, was ist denn da los?!"
Run bedurfte man dieser Hilfe nicht mehr.
Des Inspektors Augen wurden starrer und starrer/ er wußte nicht, wie ihm geschah. Sah er denn recht; das deutsche Kind hoch auf polnischen Schultern?! Und schwielige Männerhände, hart wie Eisen vom Lenken des Pfluges, vom Führen der Sense, reckten sich liebkosend nach der weichen Kinderhand?!
Ein Schauer überlief den alten Mann. Eine Erregung schüttelte ihn so mächtig, daß er aufschluchzte. Nebel legten sich vor seinen Blick, die Tränen liefen ihm übers. Gesicht. — '
Als Inspektor Hoppe wieder seiner selbst mächtig war,: zog die Rotte eben zum Tor hinaus.
Horch, wie Donner rollte es vom Lysa Gora! Reist/ das Gewitter war abgezogen, es waren nur die Räder einer Kutsche, die auf dem Fahrweg längs des Sees holperten. Frau von Doleschal kam zurück.
Besorgt eilte Hoppe auf die Straße hinaus: die Trunkenen würden doch der Heimkehrenden keinen Kra- wall machen?!
Dreist genug hatten die Männer in den Wagen gestiert, aber als sie die Darinsitzende erkannt hatten, wärest sie zur Seite getreten und hatten die Hüte gezogen: -,Pa- dam do nog!" ■:
Es war die Mutter des gnädigen jungen Herrn, die grüßten sie ehrerbietig.
*
Still lag wieder das Herrenhaus von Dentschau untertst matt gestirnten Himmel. Wie ein Schatten schwand jetzt auch der Lysa Gora. In einem großen Frieden schliefen die nächtigen Aecker. Die Lichtchen der Ansiedlung, die weithin geblinzelt hatten, blinzelten nicht mehr; selbst die Tierstimmen von Herrenhosen, die versunken lagen, flach in der Fläche, schwiegen nun.
Aber die Rotte rastete noch nicht, die zog weiter. Sie alle hatten etwas in ihren Adern, das floß wie Feuer^ das ließ ihnen keine Ruhe.


