Ausgabe 
29.6.1910
 
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Mittwoch den 29. Juni

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-- Nr. 99

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Das schlafende Heer.

Roman von Clara Biebig.

(ForDtzung.) (Nachdruck verboten.)

Ter Inspektor sah vor sich nieder; er ging noch nicht, es kämpfte noch in seinem Gesicht.Wenn die Weiber wenigstens um halb acht aufhören dürften! Es sind Mütter darunter von ganz kleinen Kindern. Und die Arbeit ist schwer!"

Lieber Hoppe, tun Sie mir den Gefallen," ver­drießlich faßte sich der Przyborowoer an die Stirn kommen Sie mir nicht mit den Geschichten! Die Leute sind an Arbeit gewähnt. Um acht Feierabend! Nicht früher! Sagen Sie ihnen das! Me Leute müssen eben 'ran, jede Minute ist kostbar!"

Schwerfällig wandte sich der Inspektor zur Tür.

Bitte, einen Augenblick!" Frau Kestner hielt ihn noch zurück.Also der Milchwagen sährt morgen um drei statt um vier, nicht wahr?"

Schon um drei?! Gnädige Frau," er sah sie ver­büßt andann müßten die Mägde ja schon um zwei in der Frühe zur Melke aufstehen?"

Es muß unbedingt etwas zur ersten Frühpost zurecht kommen!" Die Helle Röte stieg ihr ins Gesicht, und der Don, in dem sie jetzt sagte:Um zwei nachmittags den Lan­dauer mit den beiden Füchsen für mich!" hatte nichts mehr von einer Bitte an sich.

Sie sah nach ihrem Manne hin: würde der den In­spektor nicht zurechtweisen?

Hoppe hatte einen ungeschickten Abschieds-Diener ge- tnacht, aber er blieb noch immer stehen wie angewurzelt. Herr Kestner," sagte er jetzt leise, aber es zitterte etwas in seiner Stimme,könnte die gnädige Frau nicht vielleicht an einem andern Dag fahren? Muß es grade morgen; sein?! Die Gespanne haben dringend zu tun. Das Wetter droht umzuschlagen.Ich brauche alle Pferde auch die Kutschpferde sie müssen eben 'ran, jede Minute ist kostbar!"

Kestner zögerte; der Einwand leuchtete ihm ein, Frau Therese fa'h's an seiner gerunzelten Stirn und dem ver­legenen Blick. So mahnte sie schnell der Schein brannte sie förmlich in der Tasche:Moritz, bedenke, Paus wartet!" Und dann sagte sie, mit einem verabschiedenden Neigen des Kopfes:Ueberhaupt Feldarbeit ist viel zu schwer für die Füchse, Pie müssen geschont werden!""

5. v

Me der Inspektor auf Przyborowo gefürchtet hatte, so war es bald danach eingetroffen. Das Wetter war völlig uingeschlagen. Regen hatte der Lokomobile den Atem aus- geblasen, tot stand sie unterm Schuppendach.

Landregen. Regen am Morgen, Regen am Mittag, Ziegen M Wend, Regen den ganPN Dag. Und Regen die

ganze Nacht. Er trommelte nicht auf die Dächer im plötz­lichen Guß, hart und heftig; nein, friedlich rauschte er, gleich-, mäßig sacht wie stilles Meer, das an Inseln wäscht.

Alle Höfe sind spiegelnde Seen, die Ställe nur watend zu erreichen; selbst der Herrenhäuser Treppenstufen bis hoch hinauf bespült. Aus allen Dachrinnen gießen Bäche, schwim'- mendeu Blmnentelleru gleichen die Rondelle der Gärten, tiefgeneigt, beschwert von den Himmelsfluten sind die Bäume des Parkes. Von Nässe dampfen die Hütten der Koiuorniks, der Rauch der Schlöte ist niedergedrückt von der schweren Luft, der Acker weich zum Versinken. Aähschlammiges, moo- riges Land sind Wege und Pfade, kein Vorwärtskontmen gibt's für die Räder, keinen festen Grund für den Fuß. Wasserschleier liegen über Stoppel- und Rübenfeldern; fast ertrunken sind die Rebhühner und jungen Häschen, die Schutz gesucht haben in den Furchen. Lastende, einschläfernde Regenmüdigkeit liegt über Ansiedlung und Dorf. Kein Don erklingt auf den Feldern, kein Zuruf, kein Peitschenknalls nur die Glocke im Turm von Pociecha-Dorf ruft.

D,er Przyborowoer stand am Fenster seines Studier­zimmers und sah durchs Hoftor hinaus in die Wasserweite. Seine Ernte war drin, Gott sei Dank! Was die Scheuerst nicht zu fassen vermocht, das stand draußen in den Schobern geborgen unter strohernem Schutzdach. Und für die Rüben war der Regen sogar sehr erwünscht, jämmerlich schlapp hatten die gehangen; jetzt aber standen sie aufgereckt, glän­zend und frisch grün mit ihren erquickten Blättern. Seit den letzten drei Tagen sah man sie wachsen. Nur nicht Ul lange durfte der Regen anhalten, ja nicht zu lange! Ob der' Chwaliborczycer auch alles drin hatte? Und der Niemczycer?!

Ein behagliches Lächeln glitt über Kestners Gesicht: der Niemczycer sollte ja noch was draußen haben in Mandeln na, das konnte er wohl in den Schornstein schreiben! Nun zeigte es sich mal wieder, was bei dem früh Feierabend­machen herauskommt und auch, was ein Landwirt, der auf dem Platze ist, zu leisten imstande ist! Freilich, der da oben er sandte einen Blick hinauf zum Himmel, der dicht und gleichfarben wie ein Sack tief niederhing der mußte seinen Segen dazu geben!

Noch kein Schieben in den Wolken?! Donnerwetter, da mußte sich aber doch bald der Ostwind aufmachen und klären, sonst kriegten die Rüben zu viel Wasser. Und die Kartoffeln, sorgenvoll schaute der Landwirt ans einmal drein an die durfte man gar nicht denken! Die faulten; sicher! Ein Hundewetter war's, ein ganz miserables -Hunde­wetter, zum Verzweifeln!

Mit finsterem Blick ging Kestner zur Stubentür, und dann auch zur Hausiür hinaus und stapfte, trotz des strömen­den Regens, mitten durch hochausspritzende Pfützen zum Hoftor. Unter der triefenden Akazie hielt er Umschau: trost­los, keine Besserung zu hoffen! Nieinczyce ganz verhangen, nicht mal der Lysa Gora zu sehen! Auch gegen Chwali- bvrczyce zu war alles grau. Ra, die Garczynskjs wurdest