Ausgabe 
29.6.1910
 
Einzelbild herunterladen

<i 394*

sich auch schön langweilen! Es war vielleicht ganz! an­gebracht, heute nachmittag zu ihnen hinüber zu fahren die Füchse würden schon durchkommen. Was mochte der Pole wohl neulich bei der Kommission erreicht haben? Ob! sie schon miteinander einig waren?--Wirklich, freund-

nachbarlicher Besuch «war noch die einzige Rettung bei dieser Sintflut!

Wie bei der Sintflut", so dachte auch die Garczhnska. Sie stand am Fenster und sah hinaus, umflorten Auges. Was sollte sie beginnen, womit sich die Zeit vertreiben?! Tas Rauschen des Regens hatte ihren leisen Schlaf gestört, früher als sonst war sie aufgewacht. Sie hatte gefrühstückt, Klavier gespielt o wie langweilig! sie hatte sich von Stasia etwas erzählen lassen, dann im Missionsbuch der Redemptoristen-Patres gelesen, das Gor la ihr gebracht, auch int neuesten Sientiewicz geblättert, den er ihr empfohlen ach, auch ,Qno vadis' langweilte sie heut. Draußen war eine Wasserwüste, und alles öde, öde, öde.

Sie gähnte. Ein Wind hatte sich plötzlich ausgemacht und schüttelte die schon lang nicht mehr ausgeholzten Wipfel des Parkes, daß dürre Zweige prasselten. Ha, auch so schütteln und rüttelit können! Hei, der Wind hatte Ge­walt sieh, jetzt mußte sich der schlanke Stamm beugen, der dort ganz allein stand und sich nicht an andere Bäume lehnte! Krach hei, nieder mit ihm auf die Kniec! Auf die Kitter!

Ein grausames und doch wollüstig-weiches Lächeln öffnete die Lippen der Dame. In der nervösen Unruhe, die sie immer peinigte, wenn draußen stark der Wind ging, eilte sie von Fenster zu Fenster. Noch immer nichts zu sehen! Doch da halt was zeigte sich da auf dem Lysä Gora, dessen Kopf sich jetzt eben aus Regenschleiern wickelte? Neben der einsamen Kiefer, die man immer dort ragen sah, flatterte heute etwas in der bewegten Luft, nickte, wehte, winkte wie ein Gruß. Ein Gruß!

Ihr matter Blick belebte sich plötzlich, die Augen be­kamen Glanz. So nah schien ihr heute der Berg gerückt sie streckte die Hände aus und dahinter lag Niemczyce! Heute bei dem schlechten Wetter würde der Baron gewiß zu Hanse sein, heute traf man ihn auch daheim, nicht bloß die langweilige blonde Frau!

Jadwiga öffnete das Fenster, nicht achtend, daß der Regen die vielen Wellen ihres Haares verdarb, die Stasia so sorgfältig gebrannt hatte. Sie strengte die Augen an: was, was ließ denn nur der Baron da oben wehen? Wem galt das Zeichen?! Ah eine jähe Enttäuschung legte sich über ihre Züge eine Fahne war cs, fchwarz-weiß-rot!

Pfui!" Zornig klirrte die Garczynslä das Fenster zu. Daß ihr das auch nicht eingefallen war! Heute war ja der Tag, jener Tag, an dem die Deutschen einst den fron» Mischen Kaiser gefangen hatten. Und den feierte der deutsche Baron wieder wie geschmacklos! und gab der Nachbar­schaft ein Aergernis.

Heftig riß sie am Klingelzug. Als Stasia kam, ließ sie sich ein schwarzes Kleid bringen, ein Tranerkteid mit Crepe sie hatte es unlängst um ihre Mutter getragen und legte es heute wieder an und hatte heute auch Tränen in den Augen.

*

Die Garczynsla hatte recht gesehen, auf dem nackten Sandbuckel des Lysa Gora wehte die deutsche Fahne.

Doleschal hatte sie aufrichten lassen, trotzdem cs eine große Mühe gewesen war, die Stange in dem vom Regen unterspülten, rutschenden Sand feskzurammen. Er selbst war mit den Arbeitern hinaufgegangen. Und als sie nun die Arbeit vollbracht selbst der deutsche Stellmacher Kranz hatte int strömenden Regen dabei geflucht war er allein noch oben gebliebeit.

Schlapp hing der Wimpel an der Stange nieder, schwer von Nässe; aber nun kam hilfreich ein Wind, hob mit starkem Atem das Tuch in die Höhe und blähte cs lustig. Tie deutsche Fahne flaggte voni Hügel weit ins flache Land.

Hanns-Martin hatte den Arm um die Stange ge­schlungen. Ihm war, als müßte er, wie einst als Knabe, fröhlich die Mütze vom Kopf reißen und sie mitHurra" schwenken.

Siehe, es hatte genug geregnet! Auseinanderweichend! zeigte plötzlich das Wolkengefüge, das so undurchdringlich geschienen, einen fein-blanen Streif. Es wär doch kein Landregen gewesen, nur der Nachregen eines Gewitters, das irgendwo fern niedergegangen. Schon hoben sich die

schweren Nebel von den Aeckern, zerrissen vom stöbernden Ost. Es war kühler geworden, fast kalt, aber wie lange noch, und die Sonne würde auch wieder kommen und wärmen. Wind und Sonne, die trocknen rasch.

Der Niemczhcer drehte den Kopf nach der Richtung, lvo er seine letzten Mandeln liegen wußte. Morgen wurden die nmgestellt, heute nicht; heute war Festtag, Ruhetag wie ein Sonntag! Nun, die paar Mandeln würden ja auch ltoch trocken hereinkotnmen!

In einem Gefühl großer Sicherheit sah er zu dem sich immer mehr und inehr lichtenden Himmel auf, und dann hinaus ins weite Land, in die Riesenebene bis gen Rußland und dann zurück auf sein Deutschäu. Schöner lag kein andres Herrenhaus und auch stolzer keins auf vor- g eschobenem Posten!

Es war eine Verantwortung, die der Vater, der jetzt längst am See unterM Stein schlief, mit Deutschau auf seine Seele gelegt; aber auch eine Genugtuung. Damals freilich, als der Tod des Vaters ihn jäh vorn Regimeiit abberufen, hatte er nur die Verantwortung gefühlt acht- undzwanzig Jahre, so jung noch, und ein so großes Gut und so ernste Zeiten! Aber jetzt? Zwölf Jahre seitdem allein gewirtschaftet und jeden Fußbreit Erde lieben ge­lernt, noch ganz anders lieben, als der Knabe den Boden geliebt, ans dem er gespielt. Hatte er doch darum gekämpft in Somtenschein und Regen, tu hellen und dunklen Tagen, in guten und schlechten Ernten, gekämpft auch darum gegen Böswilligkeit und Unverstand! Ja, die Zeiten waren noch dieselben gebliebeit, immer noch ernst, dem Anscheitt nach jetzt fast wirrer noch, aber Gott sei Tank! cs waren Männer aufgestanden, die die Fahne des Deutschtums hochhieltcn, unentwegt!

(Fortsetzung folgt.)

Mine Herren Gastwirte!

Der Kunstwart gibt einReiseheft" heraus wer ist auf der Reise wichtiger als Sie? Ihnen also Gruß und Verbeugung! zuvor! Die Sonne hat ihre goldenen Strickleitern wieder zur Erde herabgespannt, so daß man glaubt, man brauche nur aus der dumpfen Stube zu treten, um ohne weiteres den Kletterweg in den Himmel und sein Paradies zu finden. Diesem Verlangen rüsten wir uns zu folgen, wir Tausende von neuen Reisenden bereit, die Straßen unseres Vaterlandes und Ihre uns erwar­tenden Heime, meine Herren, zuüberfluten". Denn wenn wir uns einmal mit dem Gedanken vertraut gemacht haben, daß doch des Leibes Schwere auch im paradiesischen Sonuenglauze hier unten bleiben mutz, so nehmen wir gern in einem' behaglichen Neste Platz, in dem es neben all dem Herrlichen vou außen Bäume, Felsen, Wälder, Wiesen, Sonne und Luft auch ein Bequemes Ruhcgestell für unsere natürliche Sitzeinrichtung gibt, sowie verspeis- und verschluckbare Teile der Natur, die uns nicht, minder wertvoll und schön scheinen, als die andern.

Wir neuen Reisenden! Haben Sie, meine Herren Magcn- schmcichler und Seelenstreichler, von uns, die wir Sie so nahe angehen, schon einmal gehört? Oder besser: uns schon einmal die Ehre des Ucber-uns-nachdenkens geschenkt? Ernstlich?Offen gesprochen," cs war nicht weit her damit! Wir müssen uns erst nennen, um überhaupt aus dem ucbelhafteir Dunst unserer An­rede als greifbare Gestalten vor Sie zu treten. Also, wir ver­beugen uns nochmals: wir sind die Wanderer vom silbernen Rad (Tretrad, Kuallrad, Dreigeräder und Viergcräder), wir sind ferner dieLiebhaber" aller Art, also nicht nur die mit etwas menschlich Weiblichem, sondern auch die mit der Kamera oder der Botanisiertrommel zur Seite, alsdann: wir sind die Pfleger von Körperkraft und Körperschönheit, weiter: wir sind die neuen Trinker, die nicht bei jeder Mahlzeit zum Dienst kommandierte Untergebene des Alkohols sein wollen. Wir sind all die Jugend mit den neuen Gedanken und den frischgewaschenen Augen und Ohren, und sind die, welche die Schönheit suchen aber mM schützen wollen. Die Sinn für Bolkseigenart und Volkskunst haben. Die im Winter Bücher gelesen und Bilder betrachtet haben, um im Sommer zu sehen, was wir den Büchern glauben. Kurz: wir sind alle die, so, mit Hilfe der neuen Verkehrsmittel prst einmal ins Freie gelangt, nun eisenbahnflüchtig werden und wieder die Landstraßen und die Fußwege bevölkern. Oder doch bevölkern möchten. Nämlich: wenn Sie, meine Herren Gastwirte, uns das durchzuführen ermöglichen.

Sie sollen von uns noch oft und viel und genaueres zu hören bekommen. Oh, wir haben die größten Rosinen im Kopfe, wir erblicken eine Zukunft des Reisens, eine wahrhaft raffinieriÄ Kunst des Wanderns vor üns, die wir ausbauen wollen. Wir selber sprechen gern von diesen Dingen, nicht nur iveil wir's er­baulich finden, davon zu reden, sondern auch, weil wir uns kennen lernen «vollen und müssen. Aus der großen Gemeinde unsicht­barer Seelen, die wir bereits bilden, möchten wir ein sichtbares