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Am Schlosse luntb in der Mche der Chef sichtbar, neben ihn« das blonde Küchenmädchen. Prinz Hohengart kam die Freitreppe herab, der Haushofmeister hinter ihm. An den Fenstern der Wirtschafts-, der Wohnräume zeigten sich Gesichter. Bald waren alle Schloßbewohner versammelt bis ans die Prinzessin, die noch schlief.
Gräfin Agathe fragte ihre Schtvester, ivas geschehen fei. Wer die erzählte mit sich überstürzenden Worten das Unglück der Dienerschaft.
So ioendete sich Herr Droesigk zu Agathe:
— Gnädigste Gräfin, haben Sie keine Sorge, es scheint das Schlüsselbein zu sein. Ich habe schon einen Stallburschen zum Doktor geschickt. Sind denn die Viererzüge noch nicht tvieder da?
Ehe sie antworten konnte, bogen eben die beiden Bierer- züge, die den Weg vom Bahnhof in; Schritt zurückgekommen waren, um die Ecke. Dölsig wendete sofort mit dem Jagdwagen. Herr Droesigl nannte Agathe, was sie mitgeben sollte: ein paar Decken, den weitesten Pelz und Binden.
Als sie, um den Kater besorgt, mitfahren wollte, iöie sie war, verwehrte er es ihr:
— Wir haben dann keinen Platz int Wagen. Aengsligen
Und als sie ihm dankend die Hand gab, zog er sie an die Lippen. Sie schien es nicht zu beachten.
Gräfin Patsch jagte inzwischeit im Galopp den Weg, den sie gekommen, zurück. Der Viererzug folgte im schärfsten Trabe am Kanal hin. Als sie in den Waldweg einbogen und mau von weiten! schon das jetzt offen stehende Gitter sah, trabte Gräfin Putschs Stute mit schleifender Trense leise wiehernd heran. Angesichts der nahenden vier Pferde fing sie an zu galoppieren, feuerte hinten aus und raste plötzlich, da sie auf bett Zügel getreten, in wütenden Sätzen davon.
Herr Droesigl stand auf dem Jagdwagen und sah hinüber zu dein sonnenbeschienenen Fleck, wo er Vater und Tochter erblickte. Der Graf saß wie schlafend da, den Kops Sur Seite gesunken. Die rechte Hand hielt noch immer en linken Arm. Gräfin Patsch aber, auf dem nadelbedeckten Sandboden hockend, blickte ihn mit großen, erschrockenen Augen an:
—' Ich weiß gar nicht ... ich weiß nicht.
Herr Droesigl trat neben den Verletzten:
— Herr Graf!
Gras Kölln rührte sich nicht. Louis Droesigl kniete nieder, strich wie eine gute Mutter dem alten Herrn über die Schultern und suchte ihn aufzurichten. Aber der Kopf siel zurück. Das Gesicht war gelb, jäh verfallen, an der Stirn die zuerst nur leise angedeuteten Flecken zur Beule geschwollen.
Herr Droesigl betastete Hände und Gesicht, Gräfin Patsch hatte sich auf die Hacken heruntergelassen. Vor Schreck, in einem Halb-begreifen, Halb-nicht-safsen-können, sank ihr Körper zusammen.
Herr Droesigl sagte stockend:
— Ja — ich glaube — daß —
Die sonst so tapfere Reiterin aber wich in wildem Entsetzen zurück:
— Um Gottes willen, was ist denn?
Gnädigste Gräfin, Sie sehen ja. . .
Da sprang Gräfin Patsch mit einem Satz auf, schrie laut und rannte ein Stück davon. An einem Baum blieb sie stehen und starrte auf den Leichnam, der Herrn Droesigl im Arme lag.
*
Jin Bankettsaal saßen Herren und Damen in Schwarz, Es ivurde mit gedämpfter Stimme gesprochen, als sei der Tote noch im Schloßt, dessen Sarg doch nun draußen im Park, im Köllnscheit Erbbegräbnis, stand. Ein niedriger, dunkler, feuchter Raum, den umzubauen der alte Graf einmal in guten Stunden beschlossen, als noch die Mädchen klein waren und seine Frau neben ihm waltete. Sie konnte es nicht mit ansehen, daß die Särge zerfielen und sogar die Gebeine herümlagen. Aber seitdem chraf Kölln den guten Geist seines Lebens in die moderige "Kammer begleitet, hatte er nie wieder die Gruft betreten. Dieser männliche Mann empfand ein Grauet: vor dem Tode, ein Grauen, das als Erbschaft auf seine Tochter Pauline übergegangen war.
Agathe hatte den Vater gewaschen, gekleidet, gebettet. Gräfin Patsch war nicht in die Nähe zu bringen gewesen.
und der Prinzessin lässige Bornehinheit lväre aus solche letzte Sorge gar nicht gekommen. Dazu gab es Diener.
Die Trauergäste tranken still und dachten dabei wohl aN ihn, den sie eben zu Grabe geleitet, deut jede volle Flasche! ein Greuel gewesen war.
Man erzählte, wie fest der alte Graf im Sattel gesessen) welch fürstliche Gastfreundschaft er geübt. Die jungen Herren raunten sich zu, daß er ein unerbittlicher und doch vornehmer Spieler gewesen. Die mittleren Mters sprachen davon, welch trinkfesten Becherfreund sie an U)iu gehabt. Die Nettesten aber zwinkerten sich an und dachten an Tagg der Jugend, wo der alte Gräf ein verfluchter Kerl und Schürzenjäger gewesen.
Die alte Gräfin Lindenbach sagte ehrlich, wie sie immer ivar:
— Herrschaften, wenn er noch unter uns säße, würde er sagen: „Flüstert nicht und senkt nicht die Köpfe. Den Rotz sollen alle Pferde kriegen und alle Hunde die Räude. Man lebt nur einmal, und ntich traf der „große Schlag"."
Da wurden die Mienen heller, ja, wären nicht die Töchter am Tische gewesen, man hätte schallend gelacht wie der alte Herr.
Die blonde Prinzessin sah in dem schwarzen Kleide matt, stolz, vornehm ans. Gräfin Patsch zeigte ihre ewig heitere Miene. Das Granen, das ihr die Anwesenheit des Sarges im Hause verursacht, war von ihr gewicheri, und als des alten Grafen rechtes Kind kannte sie keine Sorgen. Aber ivenn sie an das fröhliche, rote Gesicht ihres Vaters dachte, mit dem weißen, wehenden Schnurrbart, wie er mit seiner Lieblingstochter über die Wiesen gejagt, so wußte sie, was sie verloren hatte.
Gräfin Agathe unterhielt sich ruhig. Wes wunderte sich über ihre Fassung. Als man dann im großen Saal beim Wschied den Töchtern ein.Wort des Mitgefühls sagte, antwortete sie jedem mit fester Stimme.
Die Räume wurden leer. Zuletzt empfahlen sich Herr von Mellin unb Graf Sczögonh. Er war allein zur Beisetzung von Berlin herübergekommen. Von draußen hörte man das Knirschen der Räder auf dem Kies und den Huf- schlag der Pjerde.
(Fortsetzung folgt.)
Zu Ernst Moritz Arndts 50. Todestage.
(Gekoren 26. Dezember 1769, gestorben 29. Januar 1860.)
Im Regen sturm und Gebraus der Nacht schreitet ein Wanderer der Tonne zu, ein rüstiger Wanderer, der weit ansgreist, die Brust dem neuen Morgen frei entgogcnschllagen läßt und den kühlenden Wind durch das volle Haar wühlen fühlt, die etint im reinen Tau sich badend. Als solch ein unermüdlich getreuer! „Vagabund" ist Ernst Moritz Arndt mit dem Klwtenstock durch die Wett und vor allen: durch sein liebes deutsches Vaterlaich gezogen. „Dem Schnee, dem Regen, dem Wind entgegen. Immer zu! Immer zu!" Am Busen der Natur mußte er Genesung atmen vom bös«: „Geist der Zeit", vom widrige,: Geschick, daS ihn Haß ernten ließ, wo er Liebe gesät. Seit er als Jüngling aus Stralsund weglief, aus Schule nud Leben, besessen vvns Sehnsucht nach Heimat und Stille, hat er auf langen Wanderungen und weiten Reisen trat meisten gelernt, erfahren, für seinen Charakter, seine Weltaitsicht gewönnet:. Schars beobachtete, lebendig! dargeste'llke Reisebilder gehörten zu seinen ersten schriftstellerischen! Arbeiten, lösten seiner großartigen Erzählungsgabe gleichsam erst die Zunge; die Wunder der Natur und des Volkstums, die Merkwürdigkeiten der sozialen Gliederung, alles, was seinem festen! Mick cm: Wege anfstieß, gab ihm Anlaß zum Denken, Durcherleben, Weiterspinneu. Sv ward er, der „Freiluft- und Freilicht-Mensch", auch zu einen: schriftstellerischen Peripathetiker, der feine A:v- regungen und Eindrücke mit sinnlich erregter Leidenschaft aus seiner thntodt sog lutb mit unruhigem Abschweifen, mit stetem! Wiederfindeu des geraden Weges auch int Stil feilte Wandernatur kund tat. Seine „Wanderungen" wurden ihm zu „Wandlungen". Da er sich mitten Hineinstellte in das heißeste Ringen seiner Epoche, sein Ohr legte an den geheimen Herzschlag der Zeit, fühlte et* ihre Pulse in sich selbst schlagen, fühlte die große gewaltige Seele der Gegenwart in sich und lieh ihr seine, starke Stimme. Sv wuchs der unaufmerksame Wanderer, der Anteil genommen an! dem Weh seines Volkes, zum Propheten auf, zum Erwecket und Beseelet der Massen, dessen Wirken durch die Gaus eilt wie eins Flammensäule, Licht und Feuer, Leidenschaft und Erregung überall verbreitend. Ter unablässige Fußgänger Arndt, der noch als Siebziger Germaniens Gaue tote ein leichtbeschwingter Bursch durchstreifte — denn Regenschirm, Gummischuhe und ähnlicher! weichlicher Tand waren ihm ein Greuel — ist daher ein Symbol seines geistigen Wirkens und Wanderns, das so volkstümlich und kernhaft nur aus dem inuigstW Zusammenhang mit Land und


