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kog und Arm und Daumen am Schlüsse seines Vortrags nach hinten schleuderte und in die Klasse hineinries: „Nun, was folgt daraus?, der Dr. Buchner, der selbst beim Schwimmen im Männerbad auf dem Rücken liegend, rauchte, uno ach! der Dr. Glaser, welcher den Schnurrbart mit gespreizten Fingern sorgfältig teilte und den Unterricht mit den stereotypen Worten begann: „Mag mal die Sache wachen! Sch—Sch—Sch—midt!" sie alle sind wohl schon draußen auf dem Friedhof an dem stillen Hause mit der Inschrift: „Unserem Wvrtmann" vorübergeführt worden, um zur ewigen Ruhe gebettet zu werden. Es waren Lehrer, mit einer Fülle von Wissen und eminentem Lehrtalent, welches sie mit mehr oder weniger Glück, immer aber mit Unverkennbarem heiligem Ernst und Unverdrossenheit in den Dienst der Schule stellten. Und sicher hat ihre Arbeit In den meisten Fällen gute Früchte gezeitigt.
Nach der Schule den Ranzen in die Ecke, einen „Runke" Brot mit „Worschtfett" oder „Quetsche-Hoing" in der Küche geholt und dann mit langen Sätzen hinüber „ins Alleeche". Das „Alleeche" war der Ort, worin sich die Geschichte von Schul-Generationen abspielte. Hier kämpften die „Pennäler" gegen die Realschüler und diese gegen die Stadtschüler, hier war die feste Burg der „Neuenweger" im 'Kampfe gegen die „Walltörer". Hier wurden die „Stecke" «eschmtten an Fastnacht und der Kittel umgewendet, um sich ins Maskengetriebe zu stürzen. Und wenn einer nur eine Nase auf hatte, dann wurde der „Stecke" fester gepackt. Machte der Nasenmann Miene, in die Offensive überzugehen, so retirierte man hinter die Büsche vom „Alleeche".
Das „Alleeche" lieferte die Schießbogen und den ),Holler". Zu den Ried-Pfeilen und im Alleeche fand man Atzung aller Art, an wilden Johannisbeeren, .Hagebutten Und Aepfeln.
Wenn der Schäfer Scheld die Herden von den Gans- äckern heim oder in den „Perch" getrieben hatte und die ersten Föhnwinde lange Regen brachten, dann schwollen .„Wieseck" und „Gräbche" und überfluteten die Wiesen >chinterm Alleeche" und es bildete sich ein weites, weites Meer. Dann wurden Schiffe aus Tannen-Rinden, Papier und Zigarrenkisten gebaut, auf das Wasser gesetzt und mit Steinwürsen hinausgetrieben „in die offene See". Wenn's recht schön werden sollte, auch das eine oder das andere Schiff mit Pulver und Lunte versehen, und wenn es weit draußen schwamm, bot sich den glühenden Bubenaugen ein köstliches Schauspiel: Explosion und ein brennender Schiffskörper! —
Und dann blühten bald Nägelchen, Schneeballen, Studentenblümchen, Goldregen und Heckenrosen und gar wohlig ruhte man aus ,-der SBcrnf" oder in den Aesten vom „fcheppe Baum" im „Alleeche" und saugte den süßen Saft aus duftigen Cyringenblüten.
Kam der Spätsommer heran, so blinzelten die hellen Augen in die Höhe nach den Aepfelbäumen. Genau gerannt und versucht war jede Sorte, mrz nachdem die Frucht aus der Blüte war. Zur vollen Reife sind wohl selten Allee- Aepsel gelangt. Frug der Bürgermeister Vogt den Stadt- gctner: „Bieber, wann versteigern mer dann die Aeppel
Alleeche?" erhielt er zur Antwort: „Do is naut meh' zu Versteigern: die have die Buwe schon all' im Leib."
Fegte oer Wind über die Stoppeln, Bäume und Büsche entblätterten sich, die Wege im „Alleeche" besäten sich mit dürrem Laub, nur die roten Hagebutten an den Rosensträuchern hingen noch an den kahlen Aesten, dann zog die Bubenschar in die Gänswiesen hinaus, um „de Drach' fteihe tzu lasse" drüben auf den Aeckern am Abhange der Liebigs- höhe „Weißeriewe" zur Atzung zu holen oder eine rot und aelb gefärbte „Dickworzel" auszuhöhlen und zu einer Laterne, mit Augen, Nase und Mund, zu machen, die mit einem Mitgebrachten Lichtstumpen versehen, abends an Stecke gebunden durch das „Alleeche" heimleuchtete.
Und zu Hause füllte sich „die große Stub" mit frischer Luft, die den damit vollgesogenen Bubenkörpern entströmte , Und die Mutter sagte: „Ihr bringt awer emal e Kält mit!"
Md bald dampfte der Abendkasfee aus dem Tisch.
Der Winter begann hereinzubrechen.
Die Tätigkeit der Gießener Universität und Vürgerschaft während des Krieges J870-7J.
Zu den Freiwilligen, welche vor 40 Jahren di« deutschen Matzen siegreich gegen Frankreich scMhxt Haben, hat auch die
Gießener Universität Men Anteil gestellt, und tot 8er Heilung der vom Kriege geschlagenen Wunden Haben sich Universität und Bürgerschaft gemeinsam in aufopfernder Weise beteiligt. Die Universität zählte im Sommersemester 1870 tin immatrikulierten Studenten 291 und an Hörern usw. 15, rin ganzen also '306. Da beim Ausbruch des Krieges die Vorlesungen eingestellt imb die Institute geschlossen wurden, infolgedessen die Studentenschaft sich größtenteils nach allen Richtungen hin zerstreute, so hielt es nachher schwer, ihre Beteiligung am Kriege festzustellen. Soweit dies gelungen ist, zeigt sich folgendes Ergebnis: mit der Waffe gekämpft haben 85, als Krankenpfleger oder Feldprediger und dergleichen teilgenommen haben 10, zusammen 95; von diesen fiel 1 auf deut Schlachtfelde: sind. Philol. Georg Friedrich Klink aus Darmstadt, gdi. 1849, gefallen am 31. Dezember 1870 bei Briare; 1 starb an seiner Verwundung: stud. theol. et Philol. Wilhelm! Kullmann aus Schaafheim, geb. 1849, verwundet am. 18. Augrist 1870 bei Gravelotte, gest. am 5. September in Altenstadt ; 1 erlag seinem Beruf als Krankenpfleger: stud. med. Ernst Weckerling aus Friedberg, geb. am 1. Februar 1850, gest. am 21. September 1870 zu Friedberg. Diesen drei Gefallenen hat die Universität im botanischen Garten einen schlichten! Gedenkstein gesetzt.
'Bon dem akademksch'en Lehrkörper stellte sich'der Professor der Rechte, Dr. jur. Oskar Bülow als Landwehr- offizier der Militärbehörde zur Verfügung und bekleidete etwa 5 Monate lang das Amt erneL Kommandanten an einer der Küstenbewachungsstationen an der Nordsee. Im Felde waren als Aerzte tätig ine Assistenten Dr. Wer über von der medizinischen Klinik und Dr. Drescher von dem Entbindungs-Jn- stititt. Eine große Anzahl Dozenten aller Fakultäten widmete! sich aber der heiligen Sache mit Liebe und Aufopferung in der Heimat, unter Beistand jüngerer Kommilitonen und der Bürgerschaft. So leitete gleich nach Ausbruch des Krieges der Professor der Philolgoie Dr. Ludwig L a n g e die Errichtung eines Hilfs- v e r e i n s in die Wege, dessen Tätigkeit auf den verschiedensten Gebieten lag: Sammlung von Liebesgaben für die Krieger im Felde und Versendung derselben, Einrichtung von Lazaretten, Krankenpflege usw. Infolgedessen fertigten Frauen und Jungfrauen der Stadt in ununterbrochener Arbeit Tag und Nacht in den! Räumen des Universitatsgebäudes, die zu diesem Zwecke herg^ geben waren, Verbandszeug an. Dem Hilfsverein standen bald rund 38 000 Stück Verbandsgegcnstände aller Art, sowie gegen! 500 Pfund Charpie zur Verwendung bereit. In der Nähe des Bahnhofes errichtete der Verein 4 Baracken zur Aufnahme Dort! je 25 Mann als Lazarette ein und sorgte später für die dauernde Unterhaltung dieser Räume, sowie für die Verpflegung der Kranken/ die darin Unterkunft fanden. Ebenso übernahnr er die Verwaltung des in der Turnhalle hergestellten Lazaretts mit 70 Betten. Allen diesen Aufnahmestellen für Verwundete und Kranke standen als Leiter Professoren der medizinischen Fakultät vor, während bte Behandlung zugleich auch in den Händen der Stadtärzte untep Beistand von Studirendeir der Medizin und freiwilligen Krankenpflegern lag. Neben diesen privaten Unternehmungen standen noch das Garnisonlazarett und die Universitätsfliniken — damals zusammen „das akademische Hospital" genannt — zur Verfügung. An der Spitze der medizinischen Klinik stand damals Professor Dr. Eugen Seitz, an der Spitze der chirurgischen Professor Dr. Adolf Wern her. Die Zivilkranken waren fast vollständig aus den KlinikeN verdrängt, und es beherbergten die genannten Anstalten mehrmals bei besonders großer Inanspruchnahme über 170 Mann (einschließlich weniger Zivilisten). Im ganzen wurden 1870 imb 1871 in der medizinischen Klinik 522, in der chirurgischen 621, zusammen äüso 1143 kranke und verwundete Soldaten behandelt. Nicht vergessen toerden, darf hier die Tätigkeit des Gießener Zweigvereins vonk (Darmstädter) Alice-Frauen-Verein und der freiwilligen! Kraiikenpsleger-Feldabteilung, die beide unter Anleitung bet KlinikS- und Privatärzte ausgebildet wurden und von denen der Frauen-Verein (etwa 30 junge Damen aus der Stadt und Umgebung) sich dann auf die Lazarette in Gießen und im Groß- berzogtum verteilte; die Feldabteilung aber hauptsächlich in den Schlachten um Metz und während der Belagerung dieser Festung! Verwendung fand. Unter Mithilfe der Bürgerschaft war am! Bahnhof eine Verbands- und Verpflegungsstation eingerichtet und unterhalten, die von Über 30 0ÖÖ durchziehenden Soldaten in Anspruch genommen wurden. Professor Oncken leitete außerdem! noch die Verteilung von Zeitungen und Büchern unter die Verwundeten und den Versand solcher Dinge an die im Felde stehen
den Krieger. , ,, . _
Das unermüdliche Zusammenarbeiten von Universität und Bürgerschaft brachte cs mit sich, daß alle Schritte zur Versorgung! det Tapferen in Feindesland und zur Aufnahnre und Verpflegung der Kranken und Verwundeten von besten Erfolgen begleitet waren/ Und als ein gutes Zeichen für die Vortrefflichkeit aller getroffenen Maßnahmen in der Stadt ist es anzusehen, daß die Sterblichkeit! in den Lazaretten auffallend gering war und der Gesundhnts-, zustand der Bevölkerung kaum merklich unter bett Beglerterschkm jtungen des Krieges zu leiden hatte.
An eine große Anzahl der mrttel- und unmittelbar ant Kampfe beteiligten wurden militärische Ehrenzeichen, darunter manches Eiserne Krem- verliehen. Leider war es damals Nicht


