Ausgabe 
28.12.1910
 
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-Ma- auf Vern: besten Wege eben zum Millionär? Na, kann nehmen Sie, bitte, auch noch meinen Obolus 121 Emchen (falb es ja wohl. Und darf ich um Quittung bitten?"

Aber, £>err Baron, es eilte ja nicht! Lieber Lott, wenn koch alle Herren so pünktlich zahlten, wie Sie und nun Meinen ganz ergebensten Neujahrswunsch im voraus!"

Dito, lieber Herr Ledermann! Daß uns das nächste ^zahr tzllen beiden viele Rosen beschere!" ,

Wnf Minuten später stand der Offizier im Kasino . . « festliche Menge . . . Tannhäuser Marsch . . . und gleich darauf begegnete er seiner Cousine, die in einem weißen Ballkleide ent­zückend aussah. In der Hand aber hielt sie den Strauß aus blaßroten Rosen und weißem Flieder.

Guten Abend, A stachen da bin ich!"

Guten Abend, Vetter, und schönen Dank für das Bukett. Es ist wirklich reizend, und hätte mir noch viel mehr Freuds aemacht, wenn nickst unten im Karton dieses Blättchen gelegen! Kälte darf ich es dir überreichen?"

W eine Rechnung? Wie ungeschickt von Lederinann!

:Sitzt du überall so tief in der Tinte?"

-Wieso meinst du, Cousinchen?"

-Nun deine Blumenschulden! Dieser Strauß ist ',

Auch noch nicht bezahlt, denkst du! Nummer eins, Cousin­chen reingeiallen! Geruhe dein Näschen in diese Quittung $u stecken. Hab ich gewonnen?"

Du bist ein ganz abscheulicher Mensch, Erich! Du hast die Rechnung absichtlich in die Blumen gelegt!"

Leugne ich gar nicht. Aber leugne du auch nicht, daß ich keine Gedankm erraten habe, uiid daß sie irrig waren!"

,,Also meinetwegen! Aber die andern beiden Punkte wirst du sicher nicht gewinnen!"

Abwarten und Champagner trinken! Uebrigens bitte ßch nm den ersten Walzer!"

Es war nur ein kleiner Kreis von Herren und Damen, da Viels Offiziere in den Weihnachtstagen die Garnison verlassen hatten. Dafür verlies der Abend aber um so gemütlicher unter allerhand kleinen Neckereien, die nur unter guten Bekannten K~ ittet sind. Kurz vor Mitternacht ging man zu Tisch. Die onnanzen servierten die verschiedensten Gänge des Menns; Bouillon, Fisch, Braten Eis. Da plötzlich als gerade ein; Nräsentierbrett mit dem Nachtisch, Konfitüren und Früchten, zwi- schen Asta und ihrem Tischherrn, deni Rittmeister Grafen Lutz, von unsicheren Händen eines Ulanen gereicht wurde, bekam die Pyra­mide das Uebergewicht, und ein kleiner Hagel von Bonbons und Pfeffernüssen ging auf das weiße Kleid Astas nieder.

O, diese ungeschickten Ordonnanzen!" sagte sie, ohne sich Umzubkicken.Wie gnt, daß es wenigstens nicht Bratensance war!" Nummero zwei!" antwortete eine spottende Stimme hinter Mr.Gestatte, liebe Cousine, daß ich konstatiere: Du hast mich für eine Ordonnanz gehalten; ich aber habe höchstselbst geruht, viesen süßen Bonbonsschauer auf dich herniederrafseln zu lassen. Wickerum vorbeigedacht, verehrte Feindin!"

Nun gut," sagte Asta lächelnd,ich will dir selbst diesen; Neberfall zugestehen aber damit ist deine Herrlichkeit auch zu Ende! Du erinnerst dich es war ausgemacht, daß du mich dreimal auf Irrwegen überraschen wolltest und zwar noch in diesem Jahre! Soeben aber schlägt es zwölf! Hineingefallen, Herr Vetter! Wir haben jetzt 1911!"

Und nun Nummero drei, Cousinchen! Es ist nämlich knapp dreiviertel aus zwölf! ich habe die Uhr ein bißchjen vorstellen lassen. Wir sind also noch im alten Jahre!"

Sämtliche Offiziere zogen den Chronometer und konstatierten, Latz Man sich noch zweifellos int Jahre 1910 befand, und daß poch viele Hunderte von Sekunden bis zum wirklichen Jahres- schluß verlaufen mühten. Erich von Liebenitz nützte als gewandter Kavallerist diese Zett gut, und so kam es, daß, als die Cham- pagnerkelche in der wirklichen Mitternachtsflunde aneinander- Kangen, in den Neujahrsjubel ein brausendes Hoch auf das Brant- haar hineinklang, auf denGedankenleser in der Ulcmka" und auf dieschöne Besiegte", die sich wohl tn manchen Stücken geirrt Kalte, Mr in einem Punkte nicht: im Zuge ihres Herzens,

Aus 'em Dohrhäusche, von der Schul', ins Meeche.

Ein Seufzer der Erinnerung von GeorgBix.

Du liebes, kleines rebetluntranktes Häuschen, hinein- Kkt in ein grünes Laubgehölzs, aus dem nur dein dchen herausguckte, mit dem Schalter-Fenster, einem Wachsamen Auge gleich, in dessen Zweigen am Abend die Nachtigallen aus dem großenSchülers Garten" oder aus derSteilen Anlage" Sehnsuchtslieder schluchzten und am Morgen Drossel, Fink und Rotkehlchen Jubelgesänge an­schlugen, wenirich au dich denke, atme ich tiefer und fisch meine Noch heute die würzige Luft eiuzusaugen, welche ungehindert heruberwehte von denGänswiesen", dem Busecker Tal, welches sich so weit, weit ausdehnte und für uns Buben dje Welt bedeutete.

War das Nachtlager auch stur ein Strohsack, vfiff auch Ser MM .tzArK die Türen, gleisten im Winter auch die

getünchten Wände von dem gefrorenen Niederschlag, so dünkten wir uns dennoch auf Daunen geschlafen zu haben,- in einem Zimmer mit eitel silbernen Tapeten, umsäuselt von Aeolsharfen. Und derDatscher" am Morgen wir hatten Appetit für drei und noch mehr, in den Kaffee getunkt,dritter Sud", der erste gehörte Bater und Mutter, der zweite den älteren Schwestern, der dritte uns Buben, der nicht ins Blut ging, schmeckte uns wie eines Königs­kindes Frühstück.

Vorn am Pult stand der Bater und schrieb. Er hüt viel geschrieben im Leben. Sein nach links geneigter Kopf gab Zeugnis davon. Schon bei Tagesgrauen schrieb er. Denn dann zogen sie herein die Landleute und Händler von Annerod, Steinbach, Watzenborn, Steinberg, Rödgen und noch weiter her vom Vogelsberg, um die Produkte ihrer Arbeit zu Markt zu bringen. Jeder mußte anhalten und den Zoll, das Oktroi, entrichten, ihnen allen mußte er Zettel schreiben. Ernste und scherzhafte Worte flogen dabei durch den kleinenSchalter" hinaus und herein, zwischen hinein auch einmal einGewitter noch emol, mach' doch's Maul uff", wenn der Johann Bepler der 26ste von Annerod Nam' und Ort unverständlich in den Bart brummte.

In meiner frühesten Jugend stand dasDohrhäusche"- noch sehr isoliert. Links und rechts der Gartenstraße zog sich dunkles Mchtengehölz bis an'sBusche Garte" und hinter derKette-Allee" war es, besonders wenn die Sonne schlafen gegangen war, gar unheimlich schwarz und düster für uns Buben. Nur die geheimnisvolle Freimaurer-Loge, mit der Sphinx über dem Portal, ragte demDohrhäusche« schräg gegenüber, kalt und unheimlich hervor, die schwarze Masse der damals noch kleinen Heßschen Gasfabrik schloß sich daran an, rechts die große, stille Realschule und dann über der Wieseck-Brücke kein Haus mehr, bis weit hinaus. Als der Heilmann von Watzenborn den Sonntagsschüler, oben hintermLumpenmanns-Brunnen" erschlagen und be­raubt hatte, gesucht wurde, und wir Buben in der darauf­folgenden Nacht heraus mußten, nachdem ein Kerl an die Hanstüre geklopft und gerufen hatte:Sie verfolge mich! Hilfe!", da überkam uns ein Schauern! Das fahle Mond- licht klebte an den Umrissen der Loge, die Realschule warf gespensterhafte Schatteir, weiter draußen tiefe, schwarze Nacht und Totenstille! Uns klapperten die Zähne beünl Suchen nach dem unheimlichen Störenfried. Und richtig war es der Heilmann gewesen, der gerufen und am gleichen Morgen frühbeim Bäcker Klemmrath" noch einen Laib Brot geholt hatte und dann später vom Polizeidiener Blitz beim Möser auf dem Neuenweg" in der Wirtschaft ver­haftet wurde. - ;

Auch dasDohrhäusche" hat seine Geschichte.

Die neuere Zeit brachte Leben. Der Aktuar Funk baute sein Haus, der Zahlmeister Kalbfleisch seines, es erstand die Villa Werner", dieKette-Allee" verschwand, es wuchs Haus um Haus aus dem Boden, neue Straßenzüge wurden eröffnet, aus der Realschule wurde das Rathaus und damit gelangte das einst so einsameDohrhäusche" mitten in die Stadt hinein Das Gießener Leben rollte sich vor unsern Augen ab, sie mußten alle amDohrhäusche" vor­über, die Neugeborenen auf dem Meldezettel, die stillen Leute auf dem schwarzbehanaenen Wagen, bespannt mit schwarz behangenen Pferden, die einen schwarzen, wackeln-, den Federbusch auf dem Kopfe trugen, sie alle, von der Wiege bis zum Grabe.---

Wann's Dreiviertelkleppte", gings zur Schule, zur Realschule, ein Katzensprung über die Straße hinüber. Man lernte. Manchmal auch nicht. Soviel aber ift gewiß: die Gießener Realschule ist eine gute Schule gewesen, sie ist'A wohl heute noch. Wenn man in den deutschen Landen herumgekommen ist, so lernt man eine große Zahl junger Leute mit der gleichen Schullaufbahn kennen und man wird? zu Vergleichen herausgesordert.

Ueberall konnte ich wahrnehmen, daß das feste Wissen) ein Produkt guter Schularbeit, bei aller Objektivität, selten in dem Maße vorhanden war, wie bei Schülern unserer Realschule. Meistens traf ich auf Treibhauspflanzen.

Der alte Direktor Stein, dem die grauen Barthaare aus dem Vatermörder wuchsen Und die Hände in die Rock­ärmel seines Uniform-Rockes wie in einen Muff steckte -h die staatlich angestellten Lehrer trugen Uniform mit Degen und Dreimaster, der Dr. Bindewaldt, welcher den linken kleinen Finger mit den Nägeln der rechten Hand graulte, der Dr. Ta sch ö, der den linken Daumen rückwärts