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1910 — Nk. 202
Die drei Gedanken.
Stlvcsterhumoreske von Ralph von Rawitz^ (Nachdruck verboten.)
Boni Krrchttmn der kleinen Garnisonstadt schlug es ein Uhr. Klus der bunten Menge, die die Eisfläche des hübschen Stadtteichrs belebte, loste sich ein junges Paar: eine reizende Blondine in firunmt, pelzbesetztem Kostüm — sie; ein junger Offizier in der Uniform der gelben Ulanen — er. Langsam glitten sie zu den Wanken am Eingang der Eisbahn und ltesten sich von einem Diener dre schwedischen Schlittschuhe abschnallen. Dann gingen sie den gefegten Weg durch die Anlagen und bogen in eine Villeni- ftraße ein.
,Mlcht lvahr, Erch, es war wieder reizend?" sagte Asta von Brandendorf. „Das schöne Wetter, brillantes Eis und eure Musik! Und — Ehre, tvem Ehre gebührt — du läufst einfach großartig!"
„Selbstredend! lachte Erich von Liebenitz, indem er das Kerne, schwarze Bärtchen aufdrehte, „selbstredend, Cousincheni Wu hast das fabelhafte Glück, den elegantesten Reiter und Läufer des ganzen Regiments zum Vetter zu haben. Dk bist zu beneiden, Astachen!"
„Nein, — diese Mäimev! Glaubst du, daß du gar keine! Fehler hast, daß drr nichts mangelt?"
„Aber natürlich, mangelt mir etwas, das Beste sogar von fettem!" '
„Na?"
„Zein langerbetenes, immer wieder hinailsgeschobenes „Ja!"
-„Ach — Erich — die alte Geschichte — langweilig —“
„jawohl, beinahe langiveilig, Asta, wenn du auch noch dieses Jahb, das kaum mehr elf Stunden zählt, eirtschwinden läßt, ohne Mich zum glücklichsten Meiischen zu machen! Deine Elterir, meine Eltern, alle auster dir kennen keinen höhereii Wunsch als uns vereint! tzu sehm! Was hast du an mir auszusetzen? Ich sehe leidlich aus, Irette gut, tanze gut, mache erstklassige Bowlen, laufe Schlittschuh wie ein junger Gott, habe die schönsten Pferde, die echtesten £ enter —"
„Und die grössten Schulden, Vetter!"
r, „Ach wo. Asta! Langenbrück und Wiedowskh haben viel hollere Schulden! Meine paar braunen Lappen —! Wenn ich es dein Papa beichte und zugleich sagen darf: Asta will meins Keine Fran werden —"
„Rein — nein — sie will nicht — oder! —" sie errötete ein kvenig, „wenigstens noch nicht —"
„Du vertröstest mich immer — aber das muh ein Ende haben. Setze mir einen Termin! Verlange Proben! Soll ich nicht mehr leiten ? Soll ich keinen Champus mehr genehmigen? — Ach, Mädel! —- Astachen! — ich sehe es dir ja an den Augen an, daß du mich ein bißchen lieb, hast, ich kann ja förmlich deine Gedanken lesen--“
„Das kannst du eben nicht, Erich! Wenn dir das könntest —"
„Was wäre dann? Dann nähmst du mich? Wetten?"
„Aber, Erich!"
„Selbstredend wetten! Ich werde dir beweisen, daß ich deine Gedanken lesen kann! Ja ।— ich will die Sache für mich sogar lriesig schwer machen: ich will dir nachweisen, daß du Dingo denkst, die nicht sind oder nicht so sind, oder irgendwie anders! lind, also kurz, daß du irrige Gedanken hast."
„Bon — das akzeptier« ich. Aber in Einzelheiten kann! stall natürlich leicht ta® —. lagen wir also.; fcy, mußt mir dreimal
nachweisen, daß ich in Dingen, die deine Person betreffen, irrig! Gedanken habe." I I • I I i 1
„Scharmant! — Mer um die Sache ganz schwierig zu g« stalten: ich werde dir den Beweis noch in diesem Jahre erbringWV'
„Abgemacht! Und der Einsatz?"
„Dein Ja!"
„N"stirlich! Wer wenn du verlierst, Erich?"
-„Ach so — Na ja — eine Riesen-Bonboniere mit drei gufelj von Praiinees, direkt aus der Residenz!" I
„Einverstanden, Vetter! Aber — ach, du armer Bengel ea eigentlich kannst du mir leid tun!" '
„Na, du kannst ja dein „Ja" auch ohne Praiinees geben n
„Nem — nein —jetzt wehre dich, tapferer Ritter! Uny hier bin ich zu Hause. Mama steht schon am Fenster und droht, daß wir uns verspätet haben. Ich komme schon, Mamachen k Adieu, Vetter — auf Wiedersehen heute abend beim Silvesterball!"
Sie ging und er sah ihr bewundernd nach. Dann schritt er langsam seinem Junggesellenheim entgegen. Anfangs wap sein Gesicht ernst, aber allmählich kam ein fröhlicher Glanz inj seine hübschen blauen Augen, und schließlich rückte er die Mützq schief aufs Ohr, spitzte den Mund und pfiff den Pariser Einzugs- marsch: „Tarititi — tarititi — so gehts! Astachen — Astachen — ich belappse dich doch!" I
Er wendete noch einmal um, schritt nach dem Kasino, hattet mit dem Kasino-Unteroffizier eine kurze Aussprache und begah sich nach dem Marktplatz, wo er in ein Blumengeschäft eintrahj „Tag, Herr Ledermann!"
„Guten Tag, Herr Baron! Womit kann ich dienen?"
„’n hübschen Strauß zu Mark zehner!" >
„Sehr wohl, Herr >Baron!"
„Bischen was Nettes, Seltenes.^ Wieder, Rosen, dingsda/*
>,Und wann darf ichs schicken?"
„Um sechs in meine Wohnung. Mer tun Sie auch die Rechnung bei — es ist ja wohl ein ziemlicher Posten das ganze Iah? hinlmrch? Wie?"
Herr Ledermann sah in feinen Büchern ztach Wh addier tKZ „121 Mark, Herr Baron,"
„Na — erträglich!"
„Es eilt ja nicht, Herr Baron!"
„Habs auch nicht in der Tasche, LedermäNnchen! Also M Sechse — pünktlich, und gut verpackt in nettem Karton! —। 'Morgen! — Apropos — legen Sie die Rechnung unten in dest Karton, ich habe es nicht gern, wenn die Domestiken — Sch verstehen! — Nochmals guten Morgen, blütenspendender Freund und Gönner!"
Dann schlief Erich von Liebenitz bis zum Abend den Schlag eines gerechten königlich preußischen Leutnants, um sich für dch Ballnacht zu stärken. Und nur, als der Bursche einmal meldete, ein Junge von der Blumenhandlung Ledermann sei da, richtet« er sich auf:
„Gut! Der Junge soll das Paket mit ’ner Empfehlung vost mir Fasanenstraße fünf abgeben — und um halb acht weckst dch mich! Ulanka, Czapka, lange Hose, Lackstiefel — verstanden?"
„Zu Befehl, Herr Leutnant! Nehmen der Herr Leutnant den Pelz?"
„Friert es?"
„Ganz gehörig!"
„Also auch den Pelz. Und itu — rUraNs! / 1
Im Ledermannfcheit Laden war um acht _ Uhr Npch LW» De« CHE Mächte gerade Kvsse,. Da trat Liebenitz eich»


