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Mann später aus dem Auge, bis er eines Tages durch den Bericht über eine Gerichtsverhandlung wieder an ihn erinnert wurde. Der Anseratenmann verlor einen Prozeß gegen die Erben eines Fabri- kcknten ün einer Provinzstadt, die eine große Bestellung, bis her Verstorbene kurz vor seinem Tode gemacht haben sollte, »richt anerkannten und auch nicht honorierten. Ter Jnseraten- Dtaim konnte die erfolgte Bestellung auch durch nichts anderes beweiseir als durch ein Telegramm, das er selbst an den Fabrikanten gerietet hatte, als dieser schon auf der Bahre lag. Mr unseren Beobachter stand es nun fest, daß dieser Mann: seine Geschäftsabschlüsse einfach mit Toten machte; er hatte seine Bercrlmungeu auf die Gemütsverfassnng von trauernden oder fröhlichen Erben aufgebaut. Und als der Beobachter durch die Anzeige bei der Staatsanwaltschaft dem Schwindel ein Ende «nachte, da tarn es heraus, mit welch einer Hyäne man es hier fu tun hatte. Ter Betrüger hatte seit vielen Jahren das GesclKft einzig aus diese Weise betrieben, und es war lohnend gewesen,

tote kaum ein anderes. 1

Natürlich gedeihen solche Sumpfpflanzen am besten auf dem pZvden der Großstadt. Hier finden sich aber umgekehrt auch tbenfoviele ehrliche Leute, die es durch ihre Findigkeit zu etwas gebracht haben. Aus Wolfgang Kirckchachs RomanTer Seiet» mann von Berlin" Tennen wir ja den originellen Tirehorgel« Verleiher, der den meisten Berliner Leiermännern gegen rinfl bestimmte Tagesmiete Drehorgeln leiht, schlechtere und bessere, je nach der Höhe der Tagesmiete und nach der moralischen und musikalischen Qualifikation der Leiermänner. Ebenso gibt es Geldverleiher, die den ärmeren Straßenhändlern das Betriebs-- fapital, etwa 35 Mark, leihen, damit die Händler sich ihre Waren verschaffen und mit kleinem Gewinn verkaufen können.» Am Abend müssen sie das Betriebskapital mit einer entsprechenden Leihgebühr zurückgeben, und fast alle kommen auch pünktlich zur Ablieferung, damit sie diesen ihnen nötigen, wenn auch noch so geringen Kredit nrcht verlieren. Wer sich dass ergniigen machen würde, die Höhe diescts Zinsfußes nachzu- rechnen, oder gar, die Leihgebühr als neuies Kapital gedacht, Vas Ganze als Ms Zinseszins angelegt überschlagen sollte, käme wälwlich zu respektablen Ziffern. Aehnliche Geschäft« Machen die Handwagen-, Körbe-, Säcke-Bermieter usw.

Man kennt Menschen, die reich geworden sind dadurch, daß sie auslasen, was andere weggemorsen hatten. So lebt in Paris ein Millionär, der seine Laufbahn mit dem Aussuchen aller Kvrkstöpsel begann, deren er habhaft werden konnte. Er sam­melte Berge von Stöpseln und erfand ein Verfahren, durch das Sie wieder wie neu wurden, lind dieselben Wirte und Kaufleute, >ie ihm erlaubten, die alten Stöpsel bei ihnen aufzusuchen, kauften sie ahnungslos als neu wieder von seinem Vertreter zurück. Bon der Besitzerin einer der größten französischen, Schnapsfabriken erzählt man sich folgendes. Sie war die Frau eines kleinen Parfümeriehändlers und tvurbe früh Witwe. Gänz­lich mittellos, nicht hübsch und dazu schwerhörig, wußte sie gar nichts mit sich anzusangen. Da fah sie die Zigarrenstummel, das viele Zeitungspapier und die Orangenschalen auf allen Straßen liegen und bückte sich danach, llnb sie fand Abnehmer sotoohl für das Papier als auch für die Zigarrenreste. Nur die Orangenschalen verfaulten ihr, da sie kein Mensch haben wollte! Da erinnerte sie sich einiger chemischer Experimente ihres Mannes, des Parfümeriehändlers, und begann mit den Orangenschalen ihre Versuche. Sie kochte und destillierte an ihnen herum und ge­wann eine Art Schnavs daraus, der dem Curayao sehr ähnlich war an Geschmack. Heute besitzt diese Frau, die jahrelang tote eine Bettlerin lebte, ein Schloß in der Normandie!

Gerade in der Frauenwelt hat man in der letzten Zeit ia mehrfach gesehen, wie cs gelang, durch zähes Festhalten an einem rieugeschaffenen Berus zu glänzenden Resultaten zu kommen. Hier soll aber nur die Rede sein von Berufen, die durch ihre ganzs Art als eine Seltsamkeit erscheinen. Das ist z. B. bei: Fall bei derKosterin", die es heutzutage in englischen und ameri­kanischen Städten gibt. Das ist die Frau, die, durch eine bv° sonders seine Zuge ausgezeichnet, die-reichen Hauser besucht. Um vor dem Diner die Speisen auf ihren Wohlgeichmack hin zu prüfen Sie nimmt dadurch der Hausfrau einen wesentlichen Teil ihrer Pflichten ab, und ihr Berus hat sich als durchaus lohnend bewährt. In London gibt es auch einePrüglerin . Diese Dame hat eine ständige Kundschaft, die sie periodisch be­sticht, um dann die Kinder für die in der Zwischenzeit begaw- Venen Missetaten abzustrafen. Auch das ist ein einträgliches Ge­schäft, beim sehr viele Eltern halten die körperliche Züchtigung ihrer Kinder für eine ebenso notwendige wie- unangen,chm« Beschäftigung, die sie lieber irgendeinem dafür bezahlten Zeit­genossen übertragen. In Los Angeles existiert ein iiinges Mädchen, das der medizinischen Gesellschaft- sozusagen als Ber- luchskaninchen dient, um Kurpfuscher unschädlich zu machen, sie verfügt über eine beneidenswerte Konstitution, denn trotzdem sie sich rühmen kann, schon viele gemeingefährliche Medizinmänner Unschädlich gemacht zu haben, hat noch keine der Behandlungen, die sie zu diesem Zweck über sich ergehen lassen mußte, ihr irgendwie geschadet. Und endlich sei hier noch einer Bostoner Dame Erwähnung getan, die jungen Frauen Unterricht in der Kunst erteilt, ihre Männer richtig zu behandeln. Eine Kunst, feie ihr doch sicher sehr viel einbringen muß!

Mer nun wieder zurück zum Manne. Wir haben von deut Stöpselsammler gesprochen; indessen es gibt auch Leute, die sich nicht einmal so weit versteigen. Die höchstens schöne Etiketten! von Flaschen sammeln; wobei die Firmenabdrücke, die den Ver- chluß einer Rheinwein- ober Champagnerflasche bilden, ihnen am liebsten sind. Andere wieder finden gern verlorene Hund« und bringen sie ihren verzweifelten Besitzerinnen gegen ein gutes Trinkgeld wieder zurück. Welches Geschäft natürlich nicht allzu lohnend sein würde, wenn die ehrlichen Finder beim Berliercitz nicht ein wenignachgeholfen" hätten.

Man hört und lieft so oft von den sogenannten Großstadt- eristenzen. Da soll es Schneider geben, die ihre Modelle spa­zieren schicken, damit sie ihnen Kunden werben. Diese Modelle! sind, wie wir erst kürzlich gesehen haben, sogar schon in den! Gerichtssaal eingedrungen. In manchem Hotel wohnen Animier- güste, denen die Aufgabe zufällt, die Fremden zu allerlei Unter­nehmungen anzufeuern. Daß es in den Theatern bezahlte Lacher und Lohnklatscher gibt, ist bekannt. Ebenso gibt es gut bezahlte Masken auf gewissen Redouten. Man weiß ferner, daß es ge­werbsmäßige Führer von blinden Bettlern gibt und gemietete Kinder als Einsammler der den invaliden Leiermännern ge­spendeten Almosen. In mancheii Lokalen haben die Wirte ist humaner Weise sogar für sogenannteSchutzengel" gesorgt. Diese begleiten die angeheiterten Gäste sicher nach Hause, damit ihnest dieLeichenfledderer" nicht die Börse und Wertsachen abnehmen. Viele Lokale mit seßhaften Stammgästen haben immer solch einen zuverlässigen Schutzengel zur Hand, der seine PMpeuheimer mit freundschaftlichem, aber energischem Griff unter dem Arm packt und trotz aller Schwankungen sicher bis vor das Gemach der geftrengeu Gebieterin führt. In Fabrikvierteln kennt man auch die weibliche Weckuhr. Da es nämlich immer wieder Leute gibt, die nie rechtzeitig wach werden und stets zu spät zur Arbeit kommen, haben es sich alte Frauen zunc Beruf gemacht, diese Murmeltiere für ein paar Groschen rechtzeitig zu wecken.

Nicht wahr, es sind seltsame Berufe, die man bei näherem Hinsehen manchmal kennen lernt? Aber sie sind auch, solange sie ehrlich betrieben werden, nicht zu verachten. Sie sagen uns, daß nicht ein zufälliger Berus, sondern die Summe von moralisches Kraft, die wir in uns tragen, im Leben entscheidend ist.

(Eilt Auserstandener.

Vor fünfzig Jahren starb in Berlin nach einem arbeite» und erfolgreichen Leben Ludwig R e l l st a b, einer der tapfersten Offiziere unter den Pionieren der deutschen Presse, die sein Andenken in hohen Ehren halt. Wer aber hätte je gedacht, daß der einst vielgelesene Verfasser zahlreicher Novellen und Romane, der er neben seinem journalistischen Berufe war, noch einmal im jüngsten Deutschland wieder lebendig würde! Vor rund 75 Jahren schrieb Nellstab seinen vier- bändigen Napoleonroman1812", der ein grandioses Bild vom Rückzug der großen Armee ans Rußland ausrollte und die abenteuerlichen Schicksale eines jungen Deutschen mit denen des französischen Welteroberers ungemein geschickt und fesselnd verknüpfte. Im vorigen Jahre trat der Verleger Rellstabs, F. A. Brockhaus, mit einer trefflich illustrierten und obendrein billigen (5 9)1 f.) Nenansgabe dieses RomanS hervor und siehe da: das Meisterwerk Rellstabs bewies eine so unverwüstliche Lebenskraft, daß es mit den erfolgreichsten Büchern der Gegenwart in die Schranken treten kann, im Laufe eines Jahres hat es zwölf neue Auslagen er­lebt und je mehr sich das Jahrhundert seit jenen westgeschicht- lichen Ereignissen rundet, hat das Werk alle Aussicht, einte der gelesensten Volksbücher zu werden, ein Erfolg, den eS auch im vollsten Maße verdient. Denn unter den Meistern deS historischen RomanS haben es nicht viele so wie Nell­stab verstanden, eines der erschütterndsten Ereignisse der Welt­geschichte uns durch die Kunst spannender Erzählung und durch die packende Realistik glänzender Schilderungen so lebendig nahe zu bringen. Selbst literarische Skeptiker haben zugeben müffen, daß sie nut selten im Leben von den kunst­voll verschlungenen Netzen eines Erzählers so widerstandslos fortgeriffen wurden wie von Rellstabs1812*. Jetzt, wo der Ruf nach guter Volkslektüre immer lauter erschallt, ist daher die Auserstehung Rellstabs und seines Meisterwerks um so freudiger zu begrüßen, und das auch äußerlich wirk­sam ausgestattete Buch wird daher wohl unter manchem deutschen Weihnachtsbaume zu finden sein als eine viele lange Winterabende aussüllende Lektüre, der jung und alt mit gleicher Spannung folgen werden.