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„Ich habe nur dein Ehrengericht meines Regiments Anzeige zu erstatten und lasse dann von mir hören."
Er schlug dte Absätze zusammen. —
Es war wie vorhin: der Akt hatte begonnen und die Schließer hüteten die Türe. Fritz promenierte gelang»! weilt vor den Garderoben ans und ab. Der alberne Zweikampf beirrte ihn nicht weiter. Er sagte sich selbst, daß die schroffe Wlehnnng der Vorstellung eine Grobheit gewesen Ivar, die im Gegen falle auch ihn gereizt haben würde. Aber Diane Helldorf war ihm genau so von Grund auf zuwider wie Spaunuth. Seine Grobheit war wie eine elektrische Entladung gewesen, gleichsam ein elementarer Ausbruch ; keine Ueberlegung, keine gewollte Beleidigung.
Er pfiff leise die Melodie mit, die in schwachen Klängen vom Orchester her in die Korridore drang. Ein Duell — wie lächerlich! Tausendmal lieber hätte er den ekelhaften Spaunuth gehörig verprügelt. Aber ein Offizier prügelt sich nicht. Die Farye mußte nach Vorschrift her-. Untergespielt werden. Ein paar Kugeln in die blaue Luft, Und dann ein Händeschütteln, das war das Widerlichste, aber die Sitte wollte es einmal.
Ihm fiel ein, daß er einen Kartellträger benötigte. .Einen Augenblick dachte er an den Herzog. Aber den wollte er nicht belästigen. Die ganze törichte Augelegem heit sollte möglichst ohne Aufsehen erledigt werden. Irgendeiner der jüngeren Kameraden mußte ihm sekundieren.
„Herr Leutnant!" . . . Der Logenschließer rief und winkte lebhaft mit dem Finger. Er war an gute Trinkgelder gewöhnt. Er hielt die Hand an den Mund unibl wisperte: „Kommen Sie man, Herr Leutnant — ich mache rasch auf und schließe wieder ganz sachte, 's merkt keiner . . .**-
Ein Geldstück glitt in seine Rechte. Fritz trat in die Loge und setzte sich sofort. Seine Mutter wendete nur flüchtig den Kopf. Der Vater beugte sich, zu ihm uni> fragte leise: „Wo steckst du denn eigentlich!, Junge?"
„Mr Hansinspektor hielt mich auf, Papa," entgegnete F-ritz harmlos. „Er hatte ein Telegramm für mich. Ich muß Mit dem Nachtzuge in die Garnison zurück."
Mer Kommerzienrat erschrak. Der alte Kaufmann hatte eine merkwürdige Abneigung gegen plötzliche Drahtuach^ pichten. „Doch nichts Unliebsames, Fritz?"
' „I bewahre. Eine notwendige Vertretung. Klär bitte dis Mama auf, weil ich mich nachher schleunigst drücken Möchte."
. „Schön, schön. Wann sieht mau dich wieder?"
' „Sehr bald. Schon in den nächsten Tagen . . ." Er rückte seinen Stuhl so, daß er dicht neben seinem Vater saß und ihm in das Ohr flüstern konnte. . . . „Ich, habe eine wichtige Nachricht für dich. Hör zu — ich gebe sie dir in drei Worten. Die Taufe des „Exeelsior", des neuen Luftschiffes Abeelens, soll Sommersanfang unter großen Feierlichkeiten stattfinden. Aehnlich wie bei den Schiffs-i taufen. Beim Aufstieg wird eine Flasche Champagner gekappt."
„Ah —- Donnerwetter . . ." Der Kommerzienrat reckte den Kopf ans dem Kragen. Sein Gesicht nahm den Ausdruck scharfer Spannung an. Wie bei den Schiffstaufen:, dies Sätzchen elektrisierte ihn. Er war lange neidisch! darauf, daß Kupka Söhne die Verwendung ihrer Marke „Loreley" (es war nur eine Neuettikieruug ihrer „reser-j vierten Füllung") bei den letzten Schiffstaufen der deutschen; Marine durchgesetzt hatten. Sie machten eine Bombenreklame damit. Nun schwante Friedel ähnliches.
„Weiter!" flüsterte er.
„Ich habe mit dem Herzog gesprochen. Er ist ganz damit einverstanden, daß wir ihm den Taufsekt liefern. Neber die notwendigen Einzelheiten berichte ich dir noch. Vorläufig handelt es sich darum, daß die Fertigstellung! Unserer neuen Marke beschleunigt wird."
... „Sie hat genügend Lager."
„Bien. Es ist meines Wissens eilt herber Sekt — ?" „Der herbste unter den deutschen Schaumweinen,"
st,,Sind schon die Etiketten gedruckt?"
-„Ja. Sehr geschmackvoll."
o,Unter welchem Namen?"
„„Rheinschaum","
-„Gräßliche Idee, Papa, ntmtit! mirs nicht übel. Wen tzeUkt da nicht an Seisenschcistn?! Wir nennen die Marke
nach dem Namen des Luftschiffs, bei dessen Taufe, sie in die Welt tritt. Wir neunen sie „Exeelsior!". . . .", ’
Der Kommerzienrat machte unwillkürlich große Augen und schob die Brauen hoch. Dann ging ein breites Lächeln Über sein Gesicht. Er nickte wohlgefällig.
„Glänzend!" sagte er. Das sagte er so laut, daß seine Frau sich umschaute. Eine abwehrende Bewegung seiner Hand bat sie, sich nicht nm ihn zu kümmern. Diese charakteristische Bewegung kannte sie: sie war das Zeichen, daß von Geschäften die Rede war, und von denen hielt sie sich geflissentlich fern. Nicht nur, weil sie absolut nichts davon verstand: der ganze Weinhandel war ihr durchaus unsympathisch. Die Kellerluft bedrückte ihre Nerven, die großen Versteigerungen waren für sie eine gräßliche Schacherei, die Proben, bei denen man den Kostwein wieder ausspuckte, etwas höchst Unappetitliches. Vor allem hatte sie sich das Winzertreiben am Rhein zur Zeit der Lese ganz anders gedacht: fröhlich und selig, wie es die Poeten beschrieben, die Dirnen schmuck und die jungen Männer mit flatternden Bändern am Hut, wie man es zeitweilig, auf der Bühne sehen konnte. Stattdessen abgearbeitete Leute, die bei den Erntefesten lieber Bier tranken als Rebensaft, eine einige Unzufriedenheit wegen der Löhne, eine ewige Angst wegen der Bestallung, wegen Regen und Sonne und Ungeziefer, ein ewiges Schimpfen. . . . Sie begriff nickt, wie die Frauen anderer Weinproduzenten am Rhein dieser ärgerlichen Materie Interesse entgegenbringen konnten. Mr ganze Hergang verletzte das ästhetische Empfinden. —
„Glänzend," wiederholte der Kommerzienrat, diesmal etwas leiser. Seine Phantasie begann zu arbeiten.
Der „Exeelsior" würde siegreich in den Aether steigen und die „Marke Exeelsior" siegreich schäumen. Glänzend! — Friedel wiederholte sich das Wort Exeelsior in Gedanken unzählige Male. Exeelsior — das klang schon so wie Höhenflug, wie das luftige Aufsteigen der Goldperlen im Champagner, wie Knall und Schall und jauchzende Stimmung, wie freies Schweben über den Niederungen des Alltags. Exeelsior war das Wort, das in nächster Zeit und wohl auf lange hinaus in aller Munde sein würde — und es lag kein Patentschutz darauf. Herrgott ja — der Kommerzienrat wurde ganz blaß: die neue Marke mußte eingetragen werden, ehe ein anderer auf die gleiche gute Idee kommen konnte!
Er neigte sich wieder zu Fritz herüber. „Glänzend," sagte er abermals; „ich bin dir wirklich sehr dankbar, Fritz, daß du die Gelegenheit beim Schopfe gepackt hast. Ich hätte gar nicht gedacht, daß du. . . Na also, ich werde mich revanchieren, lieber Zunge. . . Ich lasse gleich morgen die Marke registrieren — ja, Donnerwetter, die Bezeichnung ist sozusagen international — ist nicht deutsch — da werde ich unsere Agenten im Auslände beauftragen, bei den Patentämtern zu recherchieren. Freilich — ich kenne so ziemlich die meisten Champagnermarkeii — ein Excelsiorsekt existiert noch nicht, aber es kann andere Produkte unter diesem! Namen geben, und die Bestimmungen im Auslande sind hier und da ziemlich verzwickte. Phantasiewörter sind in einigen Staaten überhaupt nicht erlaubt. Mer das wird sich ja finden. Die Hauptsache ist, daß du mit dem Herzog d’accord bist."
„Und daß du die Angelegenheit vorläufig diskret behandelst, Papa."!
„Selbstverständlich!. Wann erfahre ich die Einzel--! heiten?"
„In diesen Tagen. Ich bereite alles vor. Verlaß dich auf mich."
Das tat der Kommerzienrat eigentlich ungern. Von dem kaufmännischen Ingenium seines Einzigen hielt er nicht viel. Aber freilich — diesmal hatte er sich als ganz verständiger Manager erwiesen; da mußte man sich fügen, zumal der Herzog im Hintergründe stand, mit dem sich! unmöglich direkt verhandeln ließ.
Friedel fragte nicht weiter. Spielte die Musik noch immer? Friedel hörte sie nicht. Tobten die Lustigen WeMr noch immer über die Bühne? Friedel sah nichts von ihnen. Er saß steif und stumm in seiner Logenecke, aber er hatte wieder sein englisches Eroberergesicht. Und seine Gedanken zogen auch auf Eroberung aus; sie trugen geschliffene Schwerter und mähten die Konkurrenz nieder, und über der Wahlstatt kreisten die Pleitegeier. Tas war ein Getier, vor dem der Kommerzienrat eine krasse Furcht int Herzen trug. Von den Champaglterfabriken im Gan war noch


