Ausgabe 
28.7.1910
 
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Irieb man sie über die Bresche und ließ sie ttieberfiticen, um den Glauben zu erwecken, sie sollten erschossen werden. Einige hessische Offiziere, die krank oder verwundet waren, hatten teilte Um­form, anderen fehlten die Beinkleider, noch andere besaßen nicht einmal soviel Kleidungsstücke, um ihre Blößen zu decken: es war ein jammervoller Anblick. Brüderlich half man sich aus, so gut es ging. Die Engländer begafften, verhöhnten, beschimpften die Gefangenen, die seit vielen Stunden ihren Hunger nicht mehr gestillt hatten. Ans jeder Pfütze suchten sie den brennenden Durst zu stillen; mit Kolbenstößen trieb man die Lechzenden von dein widerlichen Labsal weg. In dem Städtchen Elvas wurden die Gefangenen mit Steinen beworfen, die Offiziere wurden von der Mannschaft getrennt und auf einem anderen Wege nach Lissabon gebracht. Diese Trennung und die scheußliche Behandlung hatte den Zweck, die Hess. Soldaten zu veranlassen, englische Dienste zu nehmen. Die Mühe war vergeblich. In Abranres an der See­küste mußten ungedeckte Kähne bestiegen werden, um zur See nach Lissabon zu komme». Zwei Kähne sanken, die meisten In­sassen verschwanden in den Wellen. Sogleich nach Ankunft in Lissabon erneuerten die Engländer ihre Werbungsversnche. Einige Unteroffiziere und Soldaten nahmen an, um aus dem gräßlichen Elend heraus zu kommen.

Die Ueberfahrt von Lissabon nach England war nicht minder scheußlich, wie die Gefangenschaft in Lissabon. Die Engländer bohrten absichtlich ihre Schiffe an. Dann zwangen sie die Ge­fangenen, das Wasser auszupumpen, damit sie Beschäftigung be­kommen sollten. Vielleicht fürchteten sie auch eine Meuterei/ zu der die Gefangenen aus Verzweiflung hätten getrieben werden können. Die gereichte Nahrung bestand aus einem eigenartigen Brei. Schöpfgefäße und Teller waren nicht vorhanden, deshalb wurde der Brei den Leuten in die Czakos geschüttet.

In den letzten Tagen des April landeten die Gefangenen in Plymouth; anfangs Mai folgten die Offiziere nach. Wieder machten die englischen Werber Versuche, die Gefangenen zum Uebertritt in den englischen Militärdienst zu bewegen. Bei einigen Unteroffizieren und Soldaten gelang es, sie konnten die Qualen nicht länger ertragen. Die Offiziere wiesen das Ansinnen mit Verachtung zurück. Im Mai 1813 wurden sämtliche hessische ge­fangenen Soldaten in das Milprison in der Nähe von Plymouth gebracht, wo sie bis zu ihrer Befreiung (im Frühjahr 1814) ver­blieben. (Die Offiziere befanden sich in Wales, in Schottland Und in der Grafschaft Shrewsbury.)

In diesem Gefängnis wurden die Versuche.zur Anwerbung von Soldaten fortgesetzt, aber mit den nämlichen schlechten Er­folgen wie früher. Sobald der Großherzog in Erfahrung ge­bracht hatte, wohin die Gefangenen abgeführt worden wärest, ließ er ihnen durch diplomatische Vermittelung nach und nach viermal Unterstützungen zukommen.

Zwei lange Jahre mußten unsere tapferen Hessen in England als Kriegsgcsangene schmachten. Es sind noch Briefe und Auf­zeichnungen aus jener Zeit vorhanden, die die zwei Jahre als den Inbegriff aller Entbehrung, Trübsal und Leiden schildern. In unserer Jugend erzählten die Wenigen, die wieder in die Heimat zurückkmnen, Erlebnisse und Dinge, das; sich beim An­hören die Haare sträubten. Man hält es nicht für möglich, daß Menschen so etwas durchmachen konnten. Hierbei zeigt es sich, daß Menschen noch viel mehr Strapazen zu ertragen vermögen als die stärksten Tiere. Schließlich darf behauptet werden: die Feldzüge in Spanien stellten an die Truppen nicht weniger! Ansprüche an Tapferkeit, Todesverachtung und Widerstandst fähigkeit gegen die Einflüsse des Klimas, als der Feldzug im Jahre 1812 in Rußland.

Den Schluß dieses Aufsatzes mag die Schilderung der An­hänglichkeit der Kriegsgefangenen in England an ihren obersten! Kriegsherrn und angestammten Fürsten bilden. Die Gefangenen beschlossen, den Namenstag ihres Landesvaters am 25. August 1813 zu feiern. Jeder sparte sich etwas am Mund' ab, um die Feier zu ermöglichen. Leutnant Caspari (Artillerist) ivar während der Gefangenschaft Offizier geworden. Er erwirkte die Erlaubnis bei dem Kommandanten zur Abhaltung der Feier. Eine hessische Fahne wurde hergerichtet und ausgepflanzt; in militärischer Weise defilierten die Leute vor der Fahne. Darauf wurde eine kurze Ansprache gehalten und ein Hoch auf den Großherzog ausgebracht. Jeder Soldat erhielt eine Extraportion Fleisch und einige Glas Bier. Sogar Musik wurde zusammen gebracht, die zum Tanz aufspielte. Am Abend wurden die Fenster des Gefängnisses es waren nur Löcher, die sogen. Taglöcher mit kleinen Talg­lichtchen illuminiert.

Nicht unerwähnt soll bleiben, daß der Gefängniskommandänk Mit vier englischen Offizieren, einigen Zivilisten und etwa zwölf Damen den Umzug mit ansah. Als die Fahne herannahte, nahmen der Kommandant und seine Begleitung die Hüte ab und bedeckten sich erst wieder, als die Fahne einige Schritte vorüber war. Die .Mannschaft erwiderte diese Höflichkeit im Vorbeigehen durch mili­tärische Ehrenbezeugung, die den Engländern gefiel.

Am folgenden Morgen ließ der' Kommandant den Gefangenen seine volle Zufriedenheit für die gehaltene Ordnung und das' solide Betragen bei der Festlichkeit zu erkennen geben, Bon dieser

Zeit an wurde die Behandlung.der Gefangenen weniger strenÄ und rücksichtsvoll^:. .

Endlich schlug die Stunde der Befreiung. Wie Offiziere reisten im Februar 1814 in England ab und trafen nach und nach tml Monat März in Darmstadt ein. Am 30. April wurde den Mann­schaften, 140 Mann, die Freiheit verkündet. 36 Unterofsizierei und Gemeine waren in der Gefangenschaft gestorben. Die kleber- lebenden wurden am 7. Mai in Plymouth eingeschifft und lan­deten am 27. in Harwich, von wo sie in einem anderen Schiffes nach dem Kontinent übcrgesetzt wurden und den Marsch zu Land; fortsetztcn. Der Weg führte über Rotterdam, Nymwegen, Krefeld, Köln, Koblenz, und Wiesbaden nach Darmstadt, wo sie am 14, Juli 1814 eintrafen.

Von den nicht bei Bajadoz gefangenen, in Sevilla, Toledo und anderen Plätzen kommandierten oder in Spitälern krank liegenden Soldaten: Infanteristen und Artilleristen, sammelt'S Premierleutnant Keim nach und nach vier Offiziere und 216 Mann, die er nach großen Mühseligkeiten von Madrid aus durch Spanien und Frankreich nach Darmstadt brachte. Der Groß­herzog überreichte Keim bei der Parade eigenhändig den Verdienst­orden für seine hervorragende Leistung.

14 hessische Offiziere und etwa 1330 hessische Unteroffiziere! und Soldaten deckt spanische Erde!

Ehre ihren; Andenke n!

Ves»mr?chtes«

* Ein tapferer Diplomat. Bei den diplomatischen Personalveränderungen der letzten Wochen ist der seitherige General­konsul in Sofia, Herr von Below-Saleske, wie bekannt, zum deutschen Gesandten in Sofia ernannt worden. Bei dieser Gelegen- heit erinnern französische Zeitungen an eine jetzt gerade 10 Jahre zurückliegende Episode aus der Zeit der chinesischen Boxergreuel/ die den; persönlichen Mute des Herrn von Below-Saleske ein ebenso glänzendes Zeugnis ausstellt, wie seinen; Pslichtgefühl. Der junge Diplomat war in jenen kritischen Tagen Gesandtschaftssekretär in Peking. Vom Auswärtigen Amte in Berlin, wo man von der schlimnien Situation der Gesandtschaften noch nichts wußte, war die Ordre ergangen, dem französischen Gesandten Pichon, den; jetzigen Minister des Auswärtigen, zum Nationalfeiertag am 14. Juli die üblichen Glückwünsche der deutschen Regierung aus­zusprechen. Da wenige Tage vorher der Gesandte von Ketteler ermordet worden war, lagen die Geschäfte in den Händen des ersten Sekretärs von Below-Saleske, und dieser begab sich pünktlich am Vormittag des 14. Juli aus den; belagerten Gesandtschafts­gebäude unter den; Feuer der chinesischen Boxertruppcn in das benachbarte, gleichfalls belagerte französische Gesandtschaftshotel, um sich hier mit aller Ruhe und Selbstverständlichkeit feiner? Gratulationspflicht zu entledigen. Für diesen Tapferkeitsbewcis/ der in Frankreich damals lebhafte Bewunderung erregte, verlieh ihm die französische Regierung bald nachher das Kreuz der Ehren­legion.

* Ein Veteran der Bühne. Der älteste Schauspieleri der englischen Bühne, Fred Wright sen., ein rüstiger Greis von 84 Jahren, ist eifrig am Werke, sich zu einer Tournee vortzlr-, bereiten. Der Zauber der Welt der Bretter hält den alten Herrn noch heute gefangen, die Freude an seiner Kunst ist trotz der! Last seiner Jahre in ihm noch so rege wie in seiner Jünglingszeit/ und ungeduldig erwartet er den Tag, an dem die große Herbst­tournee beginnt.Es bereitet mir keinerlei Schwierigkeit, meinen Beruf auszuüben," so erklärte der 84 jährige Herr voller Stolz einem Besucher.Eine Reise von zioei- oder dreihundert eng- lifchen Meilen, dieses Hin- und Herfahren zwischen den Städten ist vielleicht etwas anstrengender und ermüdender, als mir eigent­lich lieb ist, aber im Grunde finde ich das Ganze sicherlich nicht! schlimmer, als meine jungen Kollegen auch." Wright sen. ist der Vater einer ganzen Schanshielerfamilie, denn seine drei Söhne, Huntly, Fred und Bertie, wie auch seine Tochter Hafdee Wright, sind Jünger der; gleichen Muse,

Gleichklanz-Rätsel.

Was ist das für ein absonderlich Ding:

Bald ist es mächtig, bald wieder gering;

Bald ift's von der Schöpfung mit Wasser gefüllt»

Bald wieder von Seifenschaum nur verhüllt.

In jedem Orchester verübt es Radau, Es ist auch in jeglichem Knochenbau.

Und stets ist es rundlich, doch würde von; Runden

Sobald ihm der Kopf fehlt, wohl nichts mehr gefunden. Auflösung in nächster Nummer.

Auflösung des magischen Dreiecks in voriger Nummert / DONAU

OBER NEY A R U

Redaktion: I V.: E. Heß. Rotationsdruck und

Verlag

der

Brühl'schen

Universitäts-Buch-

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