Ausgabe 
28.4.1910
 
Einzelbild herunterladen

263

Katzen, _ Mause uni» Ratten verzehrte. Mit Laub, Gras unb Leder stillte man seinen Hunger; für eine Maus zahlte mau » ft- Scharenweise folgten die armen Leute dem Karren des Schinders, wenn er ein gefallenes Stück Vieh hinausfuhr, um ein Stück Fleisch von dem verendeten Tier zu erhalten, wobei es oft blutige Köpfe gab. Eine alte Nachricht berichtet:Da starb Joh. Velten Beplern dem Müller ein Schwein, die armen Leute, so umb den Müller her lagen, schunden es und aßen das Fleisch." 1636 ließ der Kaiserliche Oberfeldherr v. Gallas alle Früchte in den Maiugegenden abmäheu und verkaufen,so daß eing große Not entstand". In den Lahngegenden vernichteten die Mäuseplage und das überhand nehmende Wild den größten Teil der Ernte. Man prägte schlechte Münzen und bezahlte damit die Soldaten. Dadurch stieg der Wert echter Geldsorten. Ein Talerstück 1 fl. 45 Kr. stieg im Wert bis auf 10 fl. Und doch war damals die Not in Gießen noch glicht so groß, wie in den Umliegender! Ortschaften, lveil Landgraf Georg in der Stadt große Magazine hatte errichten lasseil, um der äußersten Not zu steuern.

,Blanche Dörfer standen leer. Der Bauer nahm Kriegs­dienste, die ihm einen leichteren Unterhalt sicherten. Viele Land­leute flüchteten nach Gießen; andere suchten Rettung in den Wäldern und dem Gebirge. Das Feld blieb nieist unbestellt. Da es an Zugtieren fehlte/(spannten sich die Leute zusammen, .um das Feld zu pflügen.

War schon die Teuerung eine schwere Heimsuchung für die Bewohner der Stadt, so sollten sie noch schlimmere Tage erleben, als bald nach Pfingsten 1628 die Pest ausbrach. Die Ver­storbenen wurden auf einem Karren hinausgcfahren und meist phne Sang und Klang eingescharrt. Das verstorbene Gesinde wurde durch denBettelvogt" hinansgeschafft. Während im Jahre 1614 93 Personen starben, zählte man im Jähre 1628 127 Verstör - bene, darunter 61 an der Pest.

jJn dem Sterberegister der hiesigen evangelischen Kirchen­gemeinde heißtAm 29. Juli 1628 ist Heinrich Müller Seligen seine tochter an der best gestorben und halt sie gestanden biß auf den 12. Augusts, da ist wieder ein Kind auß Heinrich Müllers haust gestorben und den 13. tag Augusts ist das Kind des morgens fru hinauhgetragen worden ohne sang und Klang vnd auch den Ib.Augusti die magt auß dem haust des morgens fru der Bettel Vogt mitt sein Karr» hinaus; gefhurt. den 15. Aug. Friedrich Brücksten (Brück) sein Fraue auch hinauß gefhurt aber mit sang und Klang und gepredigt. Lnrbstmon (Sept.) 8. auß Mag. (Magister) Hagen haust Zwo magt r<d des Kttberhirteu Jungen ohne Sang vnd Glank begraben worden." Außerdem sielen in diesem Monat der Seuche 5 Ksndcr zum Opfer. Im Oktober starben 15 Personen, im November 12.

Ein großes Sterben war im Jahre 16 3 5. Es heißt in der Urkunde im Juni:Allhier fahet sich- die Pest-ahn." Es starben im Juni: 85 Personen, im Juli: 147, im August: 304, im Sep­tember: 311.Bis 16. Oktober feint von Anfang dieses Jahres vnd biß hierher begraben worden 1280 Personen. Bis Ende des Jahres seynd, wie der totengräber berichtet, da sie hier nicht alle Mgezeiget, gestorben: 15 03 Personen." 1636 verstarb en nach dem Bericht des Totengräbers 336 Personen, darunter 65 aus hem Hospital, sowie 23 Fremdbürtige, darunter viele Soldaten­kinder. Die größte Sterblichkeit zeigte der Monat September, in dem allein 1012 Personen täglich der Seuche zum Opfer fielen.

In Lich starben int Jahre 1635 an der Pest 500 Menschen, in Steinberg 110, in Watzenborn 52, bloß Einheimische, die Fremden ungerechnet..Kurz cs war ein schreckliches Landsterben weit und breit, so daß sogar an einigen Orten Menschen unbegraben liegen blieben und von Raubtieren gefressen wurden. Manche Menschen fielen plötzlich todt nieder, andern brachten 2,3 Täge und länger zu."Durch das große Sterben waren manchen Leuten ?Erbschaften Augefallen, an die sie nicht gedacht hatten. Es anbett sich daher auch viele Heiratslustige." Den 29. Februar 1636 wurden nach gehaltenem Gottesdienste 13 Paare in der Kirche getraut.

1629 war auch die Pest in Darmstadt ausgebrochen, so daß Landgraf Georg II. mit seinem' ganzeit Hofstaate nach Lichtenberg zog. Es lmtrdeit 6 allgemeine Buß-, Fast- uttb Bettage an- geordnet.Auch wurde von dieser iZeit an um 10, 11 und 5 Uhr zum Gebet geläutet."

Man kann es verstehen, daß noch Jahrhundertelang bei der Be­völkerung der Gedanke an die schwere Zeit nachzitterte, so daß die alten Kirchengebete immer schlossen:Vor Krieg, teuerer 18eit, vor Pestilenz und schwerer Not, behüt' uns, lieber Herre Göt." .e,

wie Vjörnson Dichter wurde.

Die Nachrichetn von dem Tode Björnstjerne BjörnsoNs erfüllen die gebildete Wett mit tiefet Trauer und rufen die ganze Bedeutung di-dser einzigartigen Persönlichkeit in die Erinnerung, in der der geistigv Führer seines Volkes mit dem gottbegnadeten Säuger, der Vorkämpfer für bie idealen Güter seiner Ratioit mit dem prak- ttschcn Erzieher so innig verbunden war. In Björnsons Wesen Und Werk ist, wie, sonst wohl in keines Dichters Erscheinung, alles Große und Heilige seiner Heimat verkörpert. Wo seine Stimme hmdrang, wo seine Jdeest wirkten! und seine poetischen SWp-

sttngen lebten, da ist! Mrwe'ge'n, da steigtgroß und sturnch zcrrissen, mit seinen tausend Heimen' im Schoß, das Baterländ! aus dem Meere ans", das Land seiner Jugend mit den eisstarren' Bergeshäuptern und den wildbrausenden] Worden, da der Knabe zum Manne und zum Dichter heranreifte. Die Schönheit dieses! Kinderlandes und der Zauber altnordischer Ueberlieferun'g, die aus dem Blut der Väter und der Kraft des Volksglaubens mit tausend Zungen zu ihm sprachen, haben! den Ideen und den Ge­stalten seines Levenswerks einen unvergänglichen Reiz geliehen, der aus dieser echten großen Heimatskunst nie verschwinden kann. Tenn alle, deine Kraft und Meisterschuft stammt aas der hei» nn'schen Erde allein!" So kann Björuson mit Goethe von sich sagen. Im Herzen des südlichen Norwegens, am westlichen M- sall des gewaltigen Tov'regebirges wurde er geboren; es >var einer der höchstge-legeneu Pfarrhöse in ganz Norwegen, dieser einsame! Hof von Kvikne, auf dem fein Vater als Seelsorger! waltete! Alt der Grenze des ewigen Schnees, in der rauhen starken Gebirgsluft entfaltete sich das erste Sinnen und Träumen des Dichters; ernst und großartig grüßte ihn das Nur selten' von! spärlichem Gras bewachsene; meist in Schnee und Eis starrend« Fjeld, grüßten ihn die himmelanstrebenden Berge. Ein Hund, eine! Katze und ein Schwein' waren seine frühesten Spielkameraden. Und wie wenn die Gewalt großer Gegensätze sogleich fest in ihm eingeprägt werden sollte, ward er mit sechs Jahren aus dieser grandiosen Statur in ein liebliches Tal verpflanzt, als' der Vater nach Nässet int schönen Roms dal versetzt wurde. Ties' Tal ist eins der herrlichsten, üppigsten und fruchtbarsten Norwegens. Ter reichbelebte Pfarrhvf, wie Björuson in glücklicher Erinnerung! schrieb,einer der schönsten Höfe int Lande, wie er so mit breiter Brust zwischen zwei sich begegnenden Meerbusen liegt, mit grünen! Bergen über sich, Wasserstürzen und Bauernhöfen' auf dem- ent­gegengesetzten' Strand, wogenden Feldern und Leben auf dem Tal» bvden". Auch späterhin in Molde, toö er die Schule besuchte, war er im herrlichsten Teil Norwegens. In Moldes Armen-, so bekennt eins seiner schönstjen Gedichte, in seiner großen Abend­röte, dort, wo die- Gedanken erwachten, da will er, wenn einst der letzte Pulsschlag klopft, daß sie auch sterben mögen. So schlossen sich in Biörnfvns Jugendetudrücken die großen Kontraste der heimischen Landschaft früh zur Einheit zusammen und diese Natur» Visionen würden ihm belebt durch die echt volkstümliche unb ehr­würdig stolze Häuslichkeit seiner Eltern. Ein uraltes' Geschlecht Waren di« Björne; von den alten' StaMmesWnigen leiteten fiel ihren Ursprung her und rühmten sich, einmal die ersten im Londe gewesen zu sein. Irr einem Gedicht an seine Ettern erzählt Björnson von bem großen Schatz, den! seine Dichtung aus dem Vaterhauso geschöpft:Will unser Volk einst recht verstehn / Tas Bild des Heims, wie es in meiner Dichtung liegt, / Des Glaubens und der Liebe sttllen Ruhm, / Tann soll's dafür Euch lieben. / Wenn Norwegens Bauer, wie ich ihn heraufbeschwsr / Auch des Kirchspiels Arbeit oder der Saga Zeilen / Einst in der Erinnerung leben wird da auch du Vater: / Indem ich dich liebte, war er vs, den ich ahnte. / Und wenn die Frau, di« ich schreiten ließ / Jin Svnnenglanz des Glaubens und mit ehrbarem Sinn / Von Frauen anerkannt wird, da könnte es wohl sein, / Daß fie meine herzensgute Mutter anerkennen." Diese Verse, die Prof. Kahle in seinem hübschem Buch über bi« nordischen großen Dichter ansührt, tässen erfennen, wie tief deS Dichters Weset» in seinem Geschlecht und in seiner Familie wurzelt. Der Glaube an Vererbung ist stark in ihm und spielt in! seinen Dichtungen eine große Rolle. Solche Mrstellungen traten schon bem Kinde vor Augen, denn' der Vater hatte ihn nicht, wie cs Sitte war, nach dem Großvater' Björn genannt, sondern zu diesem Namen noch ein segenbringendesStern" gefügt; der Großvater hatte nämlich im Lebertnicht das Glück mit sich gehabt" und nun fürchtete man nach uraltem Aberglauben, daß mit dem Namen! zugleich auch bi« Eigenschaften und das Schicksal des Verstorbenen auf den neuen Träger übergehen toteben. Als der Siebzehnjährige auf eineStubentenfa'brik" nach Christiania geschickt wurde, luo er mit Ibsen die gleiche Schulbank drückte, da hatten sich diese Kindheiterlebnisse bereit# zu festen Forderungen und Plänen ge- rtältet. Er trat mit seiner starken Leidenschaftlichkeit in die Kreise der Romantiker ein, die damals die verschütteten Quellen der Vvlkspoesie wieder ans Licht brachten; er entfaltete als Theater- kritiler im heftigen Kampf eine einflußreiche Tätigkeit und scheute! auch vor Theaterskauda'len nicht zurück, um die Herrschaft der Dänen auf der norwegischen Bühne zu brechen. Er wollte ein norwegisches Drama, eine norwegische Schauspielkunst und nor­wegische Künstler. Er hatte bereits eilt Stück beim1 Theater in Christtaniw eingereicht und sich auch sollst dichterisch versucht. Aber zum eigentlichen Dichter wurde er erst; als er 1856 an dem Zngl der norwegischen Studenten z« denk skandinavischen VerbrüberunyÄ- fest in Upsala teilnahm. Tie begeisternden, farbenreichen Ein?- drücke dieses Festes, bie> in der leidenschaftlichen Vereinigung einer zukunftsfrohen Jugend die große Vergangenheit aufleben und eine; neu« Zeit ahnen ließen', weckten in ihm alles zum Leben, waÄ in ihm vorher dumpf geschlümmert. Wie er selbst in einem Er- innernngsaufsah geschildert, kam er hier zur Klarheit über feinen] poetischen Beruf. Ein besonderes Erlebnis trat hinzu. Als er so voller Dichtersehnsucht in dem Stnbentenzuge mitmarschierte, durch die grüßende, wehende, btttmenwerfende Menge hindurch, da trat Plötzlich ein jmrgvs Mädchen auf ihn zu und reichte ihm einest