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Donnerstag den 28. April
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Ihres Vaters Tochter.
Roman von Lulu von Strauß und Torney.
(Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.)
Ich war rot geworden vor Empörung.
„Mich interessiert es aber auch," sagte ich ganz laut über den Tisch, „kommt Ihre Mutter nicht auch einmal nach München? Ich würde mich freuen, sie kennen zu lernen!"
Er sah mich ernsthaft freundlich an.
„Vielleicht nehme ich Sie einmal beim Wort!"
Damit war es! abgetan. Mrs. Willow hielt Ten Mund.
Lotte steht mit dein Doktor auf einem schlagfertigen Neckfuß, der die ganze Pension amüsiert. Das Kind ist überhaupt wie nmgewandelt, Sie würden sie kaum wiedererkennen. Nichts mehr von dem herben Zug, der das junge Gesicht früher fast abstoßend machen konnte. Sie ist ja nicht eigentlich hübsch; aber jo ein Gesicht! mit dem pikanten dunklen Schatten über dem Mund und beit warmen Prachtaugen läuft nicht durch die Theatinerstraß, ohne daß ihr alle zwei Schritt einer impertinent unter die breite, formlos weiche Hutkrempe schaut. Ihr schöner van Dyk schmachtet sie ganz unverhohlen an, er kommt sogar abends bisweilen in die Pension Damiaui, bringt seine Gitarre mit und singt in weichem Bariton die kecken Wedekindlieder mit ihren sentimentalen Melodien, die ich nicht liebe, und die mir doch aufdringlich im Ohr hängen bleiben.
Ich weiß nicht, ob die Lotte in ihrer Unbekümmertheit alles das merkt; bisweilen macht es mir Sorge. Als ich ihr neulich mal Andeutungeu machte, lachte sie hell heraus.
„Aga, daheim hab ich lange genug Maulkorb ttnb Scheuklappen getragen und bin an der Leine getrottet. Jetzt will ich frei sein!"
„Das sind Sie ja, Lotte. Wer die Verantwortung drückt mich doch etwas. Sie müssen bedenken, daß ich Ihrer Mutter versprochen habe. Sie zu hüten."
„Dann müssen Sie erst meine Gedanken hüten! Und di« machen hier jeden Tag Entdeckungsreisen, ohne sich an di« Tafeln .Verbotener Weg' zu kehren."
„Ich glaube, Lotte, man kann innerlich frei sein, auch wenn man durch äußerliche Schranken gebunden ist,"
Sie faßte mich auf einmal stürmisch um.
„Prinzeß! Philisterfeelchen! Gönnen Sie mir doch das bißchen Freiheit! Sehen Sie, wer als Mensch was taugt, der hat schon die Schranke in seiner eigenen Natur. Und int übrigen ist's keine Sünde, wenn man Augen und Ohren aufsperrt und das liebe Leben hereinläßt. Das ist mein Recht als Künstlerin und als junger Mensch!"
Ich seufzte etwas. Mn bißchen heimlicher Neid lief wohl mit unter. i
„Ich fasse nur nicht, lviie Sie das so schnell können.",
„Ich bin eben ein bißl Zigeuner. Das akklimatisiert sich schnell." —
*
Ich schreibe meinen Brief in Absätzen, ich habe so viel zu erzählen. Wahre Bücher werden es!
Fasching! Wissen Sie, was das heißt, Georg? Ich kann's nur ahnen. So wie man durch eine Dürritze in «in Helles Zimmer hineinspäht!
Jedes Schaufenster, vom eleganten Basar in der „Thea- tiner" bis zum Dändlerlädchen in den engsten Gassen glitzernd, schreiend von Farben. Halbverschlissene Dominos in schäbiger Eleganz, Pierrotkappen, tolle Federhüte mit zartem Spitzenüberhang, unter dem lachende Augen hervorkokettieren sollen — schwarze Samtmasken, die nach Heimlichkeiten und verbotenem Glück aussehen!
Im Dunkeln unter den Laternen vermummte Gestalten, die im Schneegestöber dicht an einem vorbeistreifen, Pierretten und wunderlich gehörnte Köpfe. Lotte kam einmal roll lachend auf meine Stube gestürzt, irgend ein bunter Kerl hatte sie. umgefaßt: „Kommst mit. Schätzet?"
Unter allen Haustüren Geflüster, abgerissene schrille Musikrakte hinter halbverhängten Fenstern. Und verliebte Pärchen im Dunkeln, im Dämmern, am Helten Mittag —< nicht zu zählen!
„Faschingsliebe!" sagt der Doktor gleichmütig, „Jugend will austoben."
„Frivole Spielerei!" sage ich. „Ich hasse das!"
Er (zuckt nur die Schultern. Disputieren führt zu nichts^ ist sein Grundsatz.
Am Mittagstisch im Stübl ist's lebhafter noch als fönst. Der junge Russe kommt an seinen Krücken mit fahl über-' nächtigem Gesicht und unruhig flackernden Augen.
„Kerkow, Mensch," ruft er dem rothaarigen kleinen Musiker an seinem Tisch zu, „waren Sie gestern auf der Redout? Warum nicht? Großartig! Vibe la Vie!"
Der andere lacht in sich hinein. „Ja, ja. Ich hatte was anderes vor."
Bon Arbeit ist nicht die Rede. Die Malmädel kriegen heiße Köpfe über Kostümfragen; Rupfen, Glanzkattun und Theatersamt find Lebensinteresse, Van Dyk renommiert vom letzten Akademikerball — renommiert in unmerllich feiner Weise mit seinen slawisch anmutigen Gesten und Wimpernaufschlag. Von Tisch zu Tisch lachende Anspielungen, Neckereien, Augenspiel. Es liegt eine heimliche Unruhe, ein Fieber von Lebenslust in der Luft, das mir angst machst Eine verhaltene Ausgelassenheit, die auf den Augenblick des Losbrechens wartet: Vive la Vie!
An meinem schwarzen Kleid geht das alles vorüber, mir über den Kopf weg, als ob ich nicht da wäre.
Es ist nicht gut, zwischen lachenden Gesichtern allein sein. Es brennt mich förmlich. Ich bin unruhig und weiß nicht warum.


