Gneisenau.
Zum 150. Geburtstage des Helden (27. Oktober).
Von Egon Noska (Berlin).
„Fortiter, fideliter, feliciter!“ lautete der Wahlspruch Gnei- sestaus. Stark war er als Held, treu als Deutscher seinem Vaterlande, glücklich als Mensch, weil er am Abend seines Lebens tauf ein erfolgreiches, von Allen anerkanntes Wirken zurück- blicken konnte.
Gneisenau war wohl nicht der populärste Held der deutschen .Befreiungskriege, Blücher war weit volkstümlicher, wie Uns jeder Anekdotenschatz — der Spiegel der Volkstümlichkeit, — belehren kann, aber Gneisenau war entschieden die sympathischste Persönlichkeit, die uns aus der Schar der Kämpfer gegen Napoleon I. entgegentritt — wie etwa Moltke, mit dem er in seinem Wirken und Wesen Verwandtes hatte, in den Reihen derer, die gegen den dritten Napoleon kämpften, am meisten Sympathien sich erwarb. Er war nicht bloß als Feldherr und Heeresorganisator groß und bedeutend, er war auch ausgezerchk- net durch den wahrhaften Adel seines Charakters und die Liebenswürdigkeit seines Wesens.
iAugust Wilhelm Neidhardt von Gneisenau erblickte am 27. Oktober 1760 in dem Städtchen Schilda das Licht der Welt in einer unruhvollen Zeit, denn wenige Tage später — es war S Zeit des siebenjährigen Krieges — kam es ganz in der
e, bei per Stadt Torgau, zur Schlacht zwischen Preußest und Oesterreichern, und flüchtend mußte sich der Vater Gnei- senaus, Leutnant in Würzburgischen Diensten, retten. In einem Troßwagen wurde das Kuäblein mitgeführt, dessen Mutter bm seiner Geburt gestorben war.
Die Jugend des Helden war dann zum Teil eine recht abenteuerliche und traurige. In der Gewalt roher Pflegeelterü fehlte es ihm, wie er später erzählte, zwar nie an einen: Stück Schwarzbrot, aber nicht immer hatte er Sohlen unter den Füßen. Erst als ihn sein Großvater in Würzburg zu sich nahnr, erging cs dem Knaben besser. Mit der Erziehung, die er dort bei den Franziskanern und Jesuiten genoß, war er freilich wenig zufrieden. Der Großvater ließ den protestantisch getauften Knaben katholisch erziehen und katholisch ist er auch geblieben.
Weshalb er das großväterliche Haus verließ, ist nicht nut Bestimmtheit zu sagen. Er kam nach Erfurt, wo er durch Karrend esing en sich den kärglichen Lebensunterhalt verdienen mußte, aber doch schließlich die Universität daselbst beziehen konnte, die er freilich schon nach Jahresfrist verließ. Ob es allein der Durchbruch der soldatischen Neigung war, was ihn dazu verarm laßte, ob dabei andere Dinge ausschlaggebend waren — er hatte ein vom Großvater ererbtes Vermögen in kurzer Zeit verschwendet —, ist unbekannt. Jedenfalls war er vom rohen soldatischen Geiste jenei Zeit keineswegs so sehr befangen, daß er nicht buch höhere geistige Interessen in seine militärische Laufbahn sich hinüberrettete. Zum Beweis dafür dient die Tatsache, daß er auf den am 15. Februar 1781 erfolgten Tod Lessings ein Trauergedicht verfaßte.
Immerhin verliefen die ersten Soldatenjahre Gneiscnaus recht stürmisch. Der Most, der später so herrlichen Wein gab, geberdete sich recht absurd; österreichische Dienste, in die er beim Beginn des bayerischen Erfolgekrieges getreten war, scheint er nicht freiwillig verlassen zu haben, um ins bayreuthsche Jäger- Bataillon einzutreten, und es war ganz nach" dem abenteuerlichem Sinn des Jünglings, daß er als Leutnant jenes Bataillons im Jahre 1782 nach Nordamerika geschickt wurde. Diese für preußische Kriegshelden gewiß nicht alltägliche Exkursion sollte später dem preußischen Staate zugute kommen. Gneisenau lernte in Amerika das Tiraillement, das Gefecht in zerstreuter Ordnung, und vor allem das Wesen der Volksbewaffnung kennen, Elemente, die er später in das preußische Heerwesen einführte. Nach der Heimkehr aus Amerika nahm er in Preußen Heeresdienst. In schlesischen Nestern lebte er zwanzig Jahre, zumeist der militärischen Ausbildung sich widmend und kriegswissenschaftliche Studien treibend als einer der Wenigen, die die Schwächen des preußischen Heeres erkannten und wußten, daß das preußische Heer bei einem Zusammenstoß mit dem französischen diesem nicht gewachsen sein würde. Bezeichnend für ihn war es, daß er lange vordem in einem Aufsatz mit dem wunderlichen Titel „Die Freiheit des Rückens" für die Aufhebung der Prügelstrafe im Heere plädierte und für die Erweckung des Ehrgefühls im Soldaten.»
Wie recht er die Situation erkannte, bezeugen seine L.age- büchaufzeichnungen, die er noch vor dem Unglückstage von Jena machte: „Als Patriot seufze ich, man hat in Zeiten des Friedens zu viel vernachlässigt, sich» mit Kleinigkeiten abgegeben- des Publikums Schaulustigkeiten gefröhnt und den Krieg, eine sehr ernsthafte Sache, vernachlässigt." Dabei beklagte er, in seiner kleinen Garnison vergessen zu sein und nur für das Vaterland fechten, ihm aber nicht raten zu können.
Dennoch kam für ihn bald die Zeit, wo sich sein Wirkest weithin bemerkbar machen konnte; zum Major ernannt, ward er an Stelle des alten Obersten von Loucadou zum Kommandanten von Kolberg ernannt, und die Verteidigung dieser Festung ist einer der wenigen Lichtpunkte jener Unglücksjahre der preußischen Geschichte. Nicht bloß in militärischer Hinsicht war hierbei
sein Wirken vorbildlich, auch sein ausgezeichneter Charakter zeigte' sich hier in glänzender Weise und war für die Bürger Kolbergsj der Fels der Treue, an den: sie sich festklammerten, wem: sie ist der Not ihrer Lage zu versinken drohten. Um das gute Einvernehmen zwischen Bürgern und Soldaten zu erhalten, ließ Gneisenau, als das Geld ausging, eigene Banknoten anfertigem „Ich nahm alles auf meine Hörner, verfuhr als ein unabhängiger Fürst, manchmal etwas despotisch, kassierte feigherzige Offiziere, lebte fröhlich mit den braven, kümmerte mich nicht um die Zukunft und ließ brav donnern!"
Daß dieser Held kein Mann nach dem Herzen des Königs! Friedrich Wilhelm III. war, läßt sich vorstellen. Er erkannte wohl die Bedeutung und Kraft Gncisenaus, die er .natürlich dem Staate nicht vorenthalten konnte und wollte, aber der freimütige, selbständige unt> daher auch selbstbewußte Mann stand» seinem Herzen nicht nahe, wenn mich der Monarch zu gradsinnig und rechtschaffen war, um nicht die Verdienste GneisenauA anzuerkennen. Er ernannte ihn zum Oberstleutnant, zum Ritter des Ordens pour le m6rite und berief ihn in die Koiumisswu, die mit der Reorganisation des Heerwesens betraut wurde, eine Aufgabe, an die Gneisenau wohl vor allem mit der größtest Begeisterung ging. In seinen Briefen äußert er sich darüber mit so unverhohlener, rührender Freude, daß man ersteht, ehrst war diese Aufgabe eine persönliche Herzenssache.
Allein diese ersprießliche Tätigkeit für Preußens Wiedergeburt erregte Napoleons Mißtrauen; er erkannte wohl am besten! Gneisenaus Bedeutung und drang deshalb auf seine Entfernung. Gneisenau mußte 1809 den Dienst verlassen, aber auch in feiner neeumchrigen Zivilstellung als Staatsrat war er unermüdlich tätig, Preußen zum unvermeidlichen Entscheidungskampf mit Napoleon vorzubereiten. Auf diplomattscheu Reisen nach England und Schweden, Oesterreich und Rußland wirkte er für das Zustandekommen einer Liga gegen den gemeinsamen Feind.
Und wie jauchzte sein Herz, als dann endlich Preußen ast Rußlands Seite in den Kampf zog. „Nie hat es einen glücklicheren Sterblichen gegeben; ich befinde mich auf dem Marsche- itm endlich gegen unsere Unterdrücker fechten zu dürfen," ichreckst er Wenn auch Blücher den Oberbefehl hatte, so war doch die Leitung seit Scharnhorsts Verwundung tatsächlich in Gneisenaus Händen. Der glückliche Ersolg verteilt sich auf beide. Die bekannte Geschichte, nach der Blücher Gneisenau als fernen Kopf bezeichnete, gibt ein durchaus wahrhaftes Bild des Anteils beider: der strategische Genius Gneisenaus zeigt die Ziele, Blüchers Wagemut verfolgt und erreicht sie. Beider gemeinsames Wirkest bricht den Zauber, den der Name Napoleorr ein Jahrzehnt lang geübt. Hier brauchen nicht die einzelnen Phasen des Befteinngs- krieges geschildert werden; wir wollen keine Geschichte dieses! Krieges, sondern ein Lebensbild Gneisenaus zeichnen. Es genügt, zu erwähiien, daß Gneisenaus Wirk«: die vollste Anerkennung Blüchers fand und den Dank des Königs, der ihn nach der Schlacht bei Leipzig zum Generalleutnant ernannte und ist den Grafenstand erhob. .
Wenn aber damals alle Welt, insbesondere d:e österreichischen Machthaber glaubten, daß nun genug gewagt und gelungen und der Uebertritt aus französisches Gebiet ungerecht rind gefaUlich sei, während auch König Friedrich Wilhelm selbst rasche Beeudi- digung des Krieges wünschte, gehörte Gneisenau zu den Wenigen, die nicht das Schwert in die Scheide stecken wollten. Er. arbeitete eine Denkschrift in diesem Sinne aus, und ihm war es zu danken, daß Blücher den Rhein überschreiten durste und, gegen Paris vorgerückt wurde. Mit welchen Schwierigkeiten Guev- fenau .zu kämpfen hatte, mit dieser, wie die Folge zeigte, einzig richtigen Idee durchzudringeii, ist kaum zu sagen.
Als dann Napoleon von Elba zurückgekehrt war, kämpfte Gneisenau wieder an der Seite Blüchers. Schon schien bie tier^ hängnisvolle Niederlage bei Ligny am 16. Juni 1815 den Gegnern Gneisenaus, bie vor zu kühnem Vordringen gewarnt. Recht zu geben, da zeigten die Preußen zwei Tage später bei Waterloo, daß Gneisenaus Kühnheit am Platze gewesen, er setzte sich selbst nach errungenem Siege an die Spitze der Reiterei, die den Feind verfolgen und den Sieg ausnutzen sollte. Am 7. stült hielt er wieder Einzug in Paris, und zwar als berientge, dem auf deutscher Seite der größte Anteil an dem glänzenden Wasfest- erfolge gebührte. , , . „
Doch schon ein Jahr später, 1816, nahm er seinen Mschied Und zog sich nach seinem Schloß Erdmaniisdvrf am Riesengebirge zurück. Erst war sein Abschiedsgesuch abgelehnt, bann jählings angenommen worben; ben Grund enthüllte eine spatere Aeußerung des Königs, ber offen und ehrlich bekannte: „sie smd mir früher arg verleumdet worden." Den reaftwnaren Elemei^ teu, bie halb nach dem Kriege wieder in Preußen bie Oberyany gewannen, war der Neuerer und Idealist ein Dorn int stAuge. Erst 1825 wurde dem verdienstvollen Soldaten, des preutzischest Staates die Würde eines Felbmarschalls zuteil ^a, als Siebzigjähriger sollte er noch einmal m Aktivität treten. Als 1831 ber polnische Aufstand bie Zusammenziehung einer preußischest Armee an ber Grenze nötig machte, würbe Gneisenau nut dem Oberbefehl betraut. Auch bie Cholera sollte durch tue mit strengster Grenzsperre betrauten Truppen abgehalten werden, aber dien ser Feind (zeigte sich mächtiger als die Preußest und ihr gs-


