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Mer trotz der schnellen Verbreitung der Fabrilations- «chnik währte es noch geraume Zeit, ehe man sich int Publikum darüber klar wurde, daß der sogenannte Cham- -agner ein Kunstprodukt war, das sich überall Herstellen steß, daß die Bezeichnung „Chanrpagner" also nur auf die ßrsindungsstätte zurückgreift und nichts als eine Gattungs- »ezeichnnng ist. Die Vorliebe für den „echten" hielt an, Md was aus Frankreich kam, mußte notgedrungen „echt" .ein. Man überlegte nicht, daß doch schon die viel pe- zehrten, auch von größeren Häusern der Zollersparnis halber m Luxemburg oder auf deutschem Boden hergestellten „Grenzfekte" den Beweis für die Unmöglichkeit des Monopols der Champagne lieferten. Während man in England, Amerika und den Kolonien das deutsche Produkt zu schätzen begann, zumal in seinen besseren Marken, hielt man in Deutschland immer noch daran fest, daß der Schaumwein fillig sein müsse — sonst griff man lieber nach der fran- Mischen Ware. —.
Fritz arbeitete sich leicht in den Geschäftsgang ein. Ein brennendes Interesse zur Sache beseelte ihn. In der ersten Zeit hatte er seinen Tisch im Kontor des Prokuristen. Er wollte vor allem erst einmal in das Soll und Haben des Hauses eingewe'iht sein. Die Bücher^ erzählten ihm eine ganze Geschichte. Es machte ihm Spaß, den Entwicklungsgang des Geschäfts bis auf die Begründung der Schrattsteiner Fabrik zurück zu verfolgen. Der Kommerzienrat lächelte zwar etwas ironisch zu der fieberhaften Tätigkeit seines Sohnes, übergab ihm aber ohne weiteres den Schlüssel zu dem Archiv, das die Geheimbücher barg. Da tat sich denn für Fritz die kleine Kaufmannswelt vor fünfzig Jahren auf, die auch im Aeußeren der Kontobücher und in der unpraktischen Art der Rechnungsführung noch am Zopfe hing. „Goldperle", die erste Marke, war nur in achttausend Flaschen abgefüllt worden; die Flasche wurde zu zwei Gulden verkauft, also zu keinem allzu niedrigen Preise. Dann kam eine „Sillery"-Marke an.die Reihe, und nun fing das Geschäft an. Ewest in Berlin, damals der Vefour der preußischen Hauptstadt, bezog gleich tausend Flaschen; ferner war ein schlesischer Magnat ein fleißiger Abnehmer, für den besondere Etiketten gedruckt werden mußten, die den Namen her deutschen Firma nicht verrieten. Das Hauptgeschäft airrg mehr nach dem «Osten und Süden; in den großen Städten des Rhein- und Maingebiets dominierte noch ganz der französische 'Einfluß. In Frankfurt hätte man um die Welt nichts anderes äls französischen Champagner getrunken, wogegen beispielsweise in Stuttgart der „Sillery Friedel" schon hoffähig geworden war.
Bon den sechziger Jahren ab ging es flott aufwärts. Bisher hatte man den Wein zur Fabrikation vielfach noch aus Frankreich bezogen; nun blieb man aber im Lande Unid beschränkte sich vorwiegend auf die Rheingautraube Und sicherte sich gute oder vielversprechende Wachstümer. Denn auch der Ehrgeiz verstärkte sich: Man wollte den 'Konkurrenzkampf mit Frankreich aufnehrnen In Deutschland selbst war er noch nicht allzu heftig; nur Grüneberg e mit, aber Grempler und Kompagnie, denen das
, ,'tück gelungen war, aus den Säuerlingen der heimischen Berge einen recht süffigen Schaumwein zu fabrizieren, beherrschten mit ihrer Marke „Landkarte" hauptsächlich Schlesien und Polen. Jetzt freilich tauchten auch« an den Usern von Rhein, Rahe, Main und Mosel immer mehr Schaumweinfabriken auf, und als nach dem siebziger Kriege per neu geweckte nationale,Gedanke der inländischen Produktion im allgemeinen eine größere Berücksichtigung zuwandte, galt es, sich auch der Konkurrenz daheim zu erwehren. Aber die Firma Friedel arbeitete mit stetigem Glück. Nur ein einziges Mal mißlang eine Marke, jedenfalls infolge eines chemischen Versehens bei der Likörbereitung; man mußte die gesamte Füllung zu einem Spott- vreise an einen ungarischen Händler verschleudern, der mit ihr im Balkan Und in Konstantinopel wahrscheinlich noch! gute Geschäfte gemacht hatte. Doch das war ein Verlust, der bald .wieder eingebracht würde. Fritz ging die Jahresabschlüsse durch; sie wuchsen bis 1884 beständig Und hielten sich dann ein paar Jahre hindurch auf gleicher Höhe, um abermals zu steigen. Die Verdienste waren bedeutend. Trotzdem konnte eine unerwartete Krisis dem Geschäft gefährlich werden, denn man statte keine Reserven im Hinterhalt. Auch darüber gaben die Geheimbücher Auskunft. Fritz ersah UUs ihnen, haß der Kommerzienrat sich hcchfiger mit Körsen-
speiülatiouen befaßt hatte. Sie Waren zUm großen TM fehlgeschlagen und hatten arge Verluste gebracht. Der Kommerzienrat hatte in allem, was nicht das eigene Geschäft betraf, eine unglückliche Hand. Was ihn zu diesen Spekulationen veranlaßt hatte, tvar klar: die Ausgaben stiegen enorm. Wie Lebensführung wurde immer luxuriöser; der Schloßbau kostete das Dreifache der Veranschlagung; um zwei Wintermonate in Wiesbaden verleben zu können, wurde eine Villa im Nerotal gekauft. Die Ansprüche der Frau Margot wuchsen fortwährend.
Uebrigens zeigte der Kommerzienrat sich den Vorschlägen Fritzens gegenüber gefügig, wenn auch stets mit einem gewissen ironischen Lächeln auf den Lippen, das Fritz ärgerte. Es war nicht ganz leicht, den Hausstand in dem Maße einzuschränken, daß sich auch wirklich Ersparnisse erziele^ ließen. Aber Fritz machte kurzen Prozeß: die Kraftwagen wurden abgeschafft, der Pferdestall geräumt, die Villa in Wiesbaden zum Verkauf ausgeboten. Auch von den Domestiken wurden einige entlassen. ,Um das Sparsystem, mit dem Fritz vor allem einen gewissen Druck auf den Vater ausüben wollte, vor der Oeffentlichkeit minder auffallend in die Erscheinung zu setzen, wurde ein wenig Komödie gespielt. Das alles war nicht weiter schlimm. Unangenehmer waren die Auseinandersetzungen mit Frau Margot.
Fritz war immer ihr Liebling gewesen, und er kannte die launische, schlecht erzogene Frau, die doch auch wieder bestechend reizend sein konnte, ganz genau. Vorläufig; hielt fie noch immer an ihrem kindischen Trotze fest, tveigerte sich, ihr Schlafzimmer zu verlassen, und ließ sich die Mahlzeiten servieren, wann es ihr paßte. Fritz schickte die Zofe zu ihr: er bitte um eine Unterredung mit der Mama. Als Antwort bedauerte sie: sie sei allzu leidend. Da machte Fritz kurzen Prozeß, ging hinauf, klopfte an ihre Tür und trat ein, ohne den Hereinruf aüzuwarten.
Margot lag auf ihrer Chaiselongue, sehr elegant coif- fiert, in einen kostbaren Schlafrock gehüllt, las einen englischen Roman und hatte neben sich einen Deller mit Konfitüren, eine Flafche Parftim, ein Flakon mit Portwein und eine silberne Dose mit Riechsalz. Sie war keineswegs entrüstet über den nicht erwünschten Besuch ihres Sohnes, nickte ihm im Gegenteil freundlich zu und sagte naiv:
„Das ahnte ich, lieber Junge, daß du doch kommen würdest. Nimm dir einen Stuhl und setze dich zu mir."
Fritz küßte ihr die Hand. „Ich dachte, du wärst leidend, Mama," entgegnete er.
„Das bin ich immer, wenn ich mit deinem Papa kollidiere. . . Ein rascher Mick aus ihren schönen Augen! glitt über ihn hin . . . „DU hast mir in der Uniform besser gefallen," sagte sie.
Fritz nahm Platz. Er kam ohne weiteres zum Zweck seiner Unterredung. Er sei in das Geschäft, eingetreten, um dem Vater zur Seite zu stehen und die verfahrenen Verhältnisse mit fester Hand ordnen zu können. „Und dabei möchte ich auch deine Hilfe haben, liebe Warna," fuhr er fort. „Ich habe mir ertaubt, deine Ausgaben für das Vorjahr nachzukontrollieren. Die Konfektion hat über sechzig? tausend Mark verschlungen, die Rechnung beim Juwelier betrug rund zehntausend Mark. Das sind Summen, die das Geschäft nicht aufbringen kann. Es bleibt uns nichts übrig, als dich zu bitten, künftighin mit einem bestimmten Nadelgelde auskommen zu wollen."
„Das ist lieb von euch," sägte Margot kopfnickend. „Und auf wieviel taxiert ihr mich?"
„Nach meinen Erkundigungen ist selbst für eine Frau von Welt die Summe von zwölftausend Mark geirügend!, uni sich anständig zu «equipieren. Die Wirtschaftsführung hat dir ja schon seit einigen Jahren deine Hausdame oder Stütze, oder wie du Fräulein Besser nennen willst, abgenommen. Die Besser ist ein praktisches Wesen und wird sich unschwer in die veränderten Verhältnisse finden. Der große Troß ist eingeschränkt, «der Koch entlassen worden; von den Dienern haben wir nur noch Louis behalten;« Die Autogarage steht bereits leer, aber zwei Kutschpferde, sind zurückgeblieben, damit du auch künftighin nicht zu Fuß nach dem Bahnhöfe zu gehen brauchst."
(Fortsetzung folgt.)


