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dem auch noch allerlei Bedarfsgegenstände festgeboten wurden. Mit der Zeit entwickelten sich daraus neben der kirchlichen Ferer besondere Verkaufs- oder Meßtage, die man dann Kirchmesse oder Kirmes nannte. (Kirmest mit „st" geschrieben, wäre darum die
J Als dann später auch in den Filialorten Kirchen entstanden, wurde der Name Kirmes für beit Kirchweihtag beibehalten, und heute noch findet an manchen Orten eure kirchliche Feier' die sogenannte Kirmeskirche statt, die der weltlichen Feier vorauvgeht.
Tie Kirnies ist also mit dem Volksleben von altersher eng verwachsen und hat sich namentlich in Oberhessen so eingebiirgert, dast anch andere festliche Veranstaltungen, wie Sanger-, Turn- und Kriegerfeste, dieselbe nicht verdrängen können. Hat doch der Schuljunge, als er bei der Religionsprufung nach den hohen christlichen ^Festen gefragt wurde, die Antwort gegeben: „Die Kirmes, die Festnacht und wann m'r schlachte . ' m
Jin Sommer, meist aber im .Herbst, ist die KirnieMeit Benm Bürgermeister wird sie von den Bur chen geholt, d. h. dreErlaubnis dazu ausgewirkt. Am Sonntag vorher findet die, V r- steiaerung der Mädchen statt. Jeder Bursche steigert eine der Torfschönen als „Tanzmahd" und zahlt dafür den Betrag in die gemeinschaftliche Kirmeskasse, aus der namentlich die -kus- gaben für die Musik und den öffentlichen Umzug bestrstteu werden. Am Samstag vor der Kirmes versammeln stchdie Burschen beim Kirmeswirt und setzen als Kirmesbaum eine Fichte, die oben mit Bändern und einem Kranz von EieMalen geschmückt ist. Svmrtag nach Schluß des Gottesdienstes geschieht der Umzug durchs Dorf Voran die Kirmesbursmen nist Straußen am Hut und weißer Schürze, dahinter die Musikkapelle. Im weiteren Zuge schließen sich die übrigen Burschen und Mädchen au.
Beim Kirmeswirt ist der Tanz- oder Schwenkboden im Hof angebracht, und wo der Raum beengt stt, nicht selten über der Miststätte. Tische und Bänke für „die Leut sind rungsum aufgestellt, während für hie Musik neben dem Tanzboden eine besondere Bühne gebaut ist. Die erwählten Kirmesburscheu haben von den auswärtigen Tänzern das Tanzgeld zu erheben und außerdem für die Tanzordming zn sorgen.
Die. Kirmes dauert zwei Tage und wird gegen Morgen von den Burschen an einem Platze vor dem Dorfe begraben, em Loch werden Flaschen und Gläser geworfen. Einer halt.die^Lrickun- rede, die andern stimmen mit vorgehaltenem Taschentuch das Klageqeheul an, während die Musik einen Trauermarsch aufspielt.
Diese alteii Kirmesgebräuche sind bei unserer oberhessnchen Bevölkerung tief eingewurzelt und werden auch in manchen Orten noch heute so geübt, wie vor hundert Jahren, was aber nicht aus chließt, daß an anderen Orten vou alten, Kirmesgebranchen nichts mehr zu sehen ist. Eines aber haben sie alle gemeinsam, es wird viel getanzt, gegessen und getrunken. .
Nicht nur der Jugend gilt die Kirmes, auch die Alten machen noch gerne mit, wie das alte Mütterchen bewiesen hat, als ne beim Umzug der Burschen in Heller Freude mit beiden Armen die Tischplatte faßte, mit dem Rock schwänzelte und vor sich hinsprach: „Die Kirmes must ihr Recht angetan hun.
Vermischte».
"Die gekrönten Häupter und d i e P r e s s e. Im Giornale d'Jtalia" plaudert Franco Caburi sehr unterhalteud über die Herrscher, die sich als Journalisten betätigt oder doch wenigstens eine Vorliebe kür die Presse gesunden haben. Er erinnert dabei daran, daß schon Ludwig XIV. von Frankreich ein Vergnügen daran sand, nicht nur selbstArtikel zu schreiben, sondern sie sogar in einer Privatdruckerei selbst zu setzen. Seine Zeitung wurde natürlich in den Hoskreisen eifrig gelesen, aber nicht immer mit Vergnügen; denn der König pflegte sich sehr frei auszusprechen und manche gepfefferten Ausbrüche machten bei vielen böses Blut. In der Gegenwart ist wohl Carmen Sylva, die Königin von Rumänien, die eifrigste Mitarbeiterin an Zeitungen. Die übrigen gekrönten Häupter betätigen sich heute nur noch als Leser der Zeitungen. Vor allem ist von Kaiser Franz Joses bekannt, daß er die Presse mit der größten Aufmerksamkeit verfolgt; große Hinneigung zum Journalismus bewies auch immer der Kronprinz Rudolf, der mit einer Reihe von Journalisten sreuud- schaflliche Beziehungen unterhielt. Kaiser Wilhelm hat besondere Beamte, deren Aufgabe es ist, alle wichtigen Blätter zu lesen und über alle wichtigen Dinge, die sie darin finden, kurze Berichte im Depeschenstil abzufassen. Leicht ist diese Arbeit nicht, da der Kaiser fordert, daß nie eine Sache von Bedeutung übersehen weroe und daß alles Ueberflüssige beiseite gelassen werden soll. Eifriger Zeitungsleser ist auch der F ü r st von Montenegro, von dem in diesen Tagen so viel in der Presse die Rede ist. ‘ Er liest das Amtsblatt von Cettinje, eine Anzahl französische Zeitungen nnd ein großes Wiener Blatt. Ganz im Gegensatz zu ihm macht sich König Peter von Serbien aus der Zeitungslektüre gar nichts. Das einzige Blatt, das er flüchtig durchblättert, ist eine große Genfer Zeitung, der er als Abonnent treu geblieben ist seit den Zeiten, da er dort im Exil lebte. K ö n i g K a r l v o n R u m ä n i e n wiederum zieht die ausländischen Journale den rumänischen entschieden vor, da diese in
achtungsvollerem Tone von ihm zu sprechen pflegen. Der König verträgt es nicht, sich kritisiert zu sehen, und oft hat inan auf seinem Arbeitstisch rumänische Zeitungen gesunden, die der Herrscher im «Zorne zerknittert hatte. Heute sind indessen die Beziehungen zwischen dem König Karl und seinem Volke weit bessere geworden, und die Sprache der Zeitungen beweist auch eine größere Ehrerbietigkeit gegen ihn; aber trotzdem liest der König die rumänischen Blätter auch jetzt noch nicht.
* D ic w eiß e Farm. Ein außergewöhnlicher Plan, der zugleich von einem feinen Gefühl für eigenartige Schönheit Kunde gibt, ist von einem reichen Engländer, dem Lord Almgton, verwirklicht worden: auf seinen weiten Besitzungen in Dorsetshirs hat cr eine Farm angelegt, in der alles, Häuser, Menschen und Tiere in der Farbe der Unschuld prangen. Lord,Alington, der Besitzer eines weitbekannten Rennstalts ist und dessen,Pferd Common zu den berühmtesten Siegern im Derbh von Epsom gezählt werden muß, hat sich diese Laune gewaltige Geldsummen kosten lassen, aber er hat dafür auch etwas ganz Entzückendes, Eigenartiges geschaffen. Von weitem schon blinkt die weiße Farm von Crichel, dem Schloßsitz, auf dem ihr glücklicher Besitzer residiert, aus' dem Hellen Grün der weiten Rasenflächen und den tieferen Tönungen anmutiger Baummassen hervor. Wie das reizendste Spielzeug, das ein Riefe seinem gigantischen Töchterlein geschenkt haben könnte, sehen die schneeweißen Häuser ans, mit den weißen Türen unb Fenstern, den weißen Dächern, den Schornsteinen aus weißem Zuck. Wenn nicht das Blau des Himmels und das warme Grün, in das dw Besitzung weich eingebettet liegt, eine harmonische Abwechslung hereinbrächte, dann würde sich dem Auge nur eine einzige Farve darbieten. Weiß sind die Fußböden der Stallungen, weiß das Gitterwerk der Käfige, weiß die Bänke, die in den Alleen zur Ruhe einladen, alles blitzt von schneeiger Sauberkeit bis zu den Blusen und den Mützen der Aufseher und Wärter. Ein Besuch bei deck weißen Insassen dieser weißen Farm, die bisher nur sehr selten Fremden zugänglich gemacht wurde, schildert ein Mitarbeiter von Je sais tont. Er. betritt das große anmutig und leicht gebaute Vogelhaus, das von lauter weißblühenden Pflanzen durchduftet ist. Nicht eine Feder ließe sich in all den Käfigen finden, die nM die Farbe der Unschuld hätte. Freilich besitzen nicht alle Tiere ein ganz fleckenloses Weiß; die australischen Kakadus haben em Gefieder, das ins Rosa und Gelbliche hineinspielt: von vollkommener Reinheit ist dagegen das Kleid der Kakadus, die von den Molucken stammen. In den benachbarten Käfigen hüpfen winzige weiße Sperlinge aus Indien umher. Den wundervollsten Anblick bietet aber die majestätische Schar der weißen Pfauen, die aus dem' Inneren von China nach der weißen Farm gebracht worden sind. Sie entfalten ihre Räder, die wie kleine, Lichtsonnen strahlen, und zeigen sich in ihrer ganzen Pracht. Sehr seltene Tiere sind auch die mexikanischen Truthähne, Albinos, die diese Eigenschaft ihrer Aufnahme in Crichel verdanken. Eine Anzahl von Käfigen ist leer; ihre Insassen sind int vergangenen Jahr durch eilte geheimnisvolle Krankheit gestorben: als Lord Aliugton sie durch neue Tiere ersetzen wollte, bemächtigte sich die Spekulation dieser weißen Vögel. Einige Kaufleute brachten das seltene weißgefiederte Geflügel, soweit es erreichbar war, in ihren Besitz, und nun sollte der Lord Riesensummen zahlen, weshalb cr lieber die Käfige leer ließ. Unter den zahllosen anderen weißen Tieren, Pferden, Hnnden, Schweinen, Kaninchen, den Eisbären, den weißen Ratten imbi Mäusen, die alle in fleckenlosester Weiße strahlen, verdienen die weißen Hirschkühe besondere Aufmerksamkeit, liebliche Tiere, und dann das weiße Maultier, das nicht nur außerordentlich selten ist, sondern wohl auch das größte Maultier, das es gibt, und das dereinst den kleinen Wagen des Sultans Abdul Hamids zog, wenn er durch die Gärten von Mldiz Kiosk fuhr, bevor es dep Sultan dem Lord schenkte, Nur ein weißer Elefant fehlt in diesem weißen Paradies; keiner von ihnen verließ den Königspalast von; Bangkok. ____________
Skat-Ausgabe.
Vorhand läßt sich bis Null ouvert reizen, weshalb Mittelhand, die anfangs nur Solo spielen wollte, Grand ansagt an
Sie verliert das Spiel, obgleich die übrigen Wenzel verteilt sitzen. Was für Karten besaßen die Gegner und wie war der Gang des Spieles?
Auslösung in nächster Nummer.
Auflösung des Versteckrätsels in voriger Numiner: Der Zorn ist ein schlechter Ratgeber.
Redaktion: K. Neurath. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch« und Steindruckerei, R. Lange, Gießen.


