Samstag den 27. August
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Das schlafende Heer.
Roman von Clara Biebig.
lFortsetzimg.) (Nachdruck verboten.)
Im deutsche» Krug saßen in der Tat einige Ansiedler; da die Wirtsstube aber leer geblieben war, hatten sie sich an dem großen Tisch in der Mitte niedergelassen, über den die schaukelnde Hängelampe das hellste Licht warf.
Aber Frelikowski, der Förster, saß bei ihnen. Da lvagteu die Dörfler keinen Streit anzufangen, sondern sie forderten nur ungestüm vom schweigsamen jungen Wirt einen „Sznaps", gossen den hinunter und trabten dann wieder auf die Straße.
Heftig gestikulierend, mit Fäusteschwingeu standen sie noch ein Weilchen draußen. Friedlich lagen die Hänschen unterm schwach besternten Himmel- kein' Ansiedler zeigte sich, wohl aber trat der Förster, wie nach dem Himmel spähend, einen Augenblick unter die Krugtür. Da zogen sie ab, knurrend zwar, aber sie zogen doch: was sollte man denn hier krakeelen?! Arme Kerle waren die Ansiedler auch, die sich quälen mußten um ihr Stückchen Brot! „Betrogen sind sie, wie wir betrogen werden, Psia krew, laßt sie leben. Die Schwabby!"
In der ungeheuren Nachtweite, durch die sie zogen, blinkte ab und'zu ein Sternchen auf, uud Hundegebell hörte man von ferne, Ivie Wolfsgekläff in einsamer Wüste. Das waren Zeichen der Herrenhose, von denen selber man nichts sah, die versunken lagen flach in der Flüche. Aber der Lysa Gora tauchte jetzt auf und reckte seine Stangenkiefer wie einen Galgen, dräuend, herausfordernd. Da fingen die Trunknen ein, laut zu gröhlen:
„Nach Niemczyce! Laßt uns dem Hundeblut, dem Hundesohn, dem nichtsnutzigen Hakatisten das Dach überm Kopfe anstecken!"
Die Schritte, die eben noch so unsicher umhergetappt hatten, richteten sich plötzlich zielbewußter. Nun wußte Man, was man wollte. Hatte nicht der Herr Vikar gerade auf den Niemozycer gezielt, als er das letzte Mal in der Sonntagspredigt von dem Wolfe gesprochen, der in Schass- Aeidern einhergeht und sich wählen lassen Möchte, um beim deutschen König das Land zu vertreten?! Ei, das wäre — der?! Da wäre man nicht vertreten, verloren wäre man da!
„Schlagt ihn tot!" heulte einer. Und zehn andre griffen den Ruf auf: „Schlagt ihu tot, schlagt ihn tot!"
Sie fingen an, zu laufen. He, dein drohenden Berg da auf den Kopf gespuckt! Nach Niemczyce hinuuter ging die Jagd.
Ahnungslos träumte der See, und das Hans schlief auch.
Das Hoftor stand offen, die Laterne zeigte den Weg. Schon waren sie im Hofe, schon vor dem Hause, als th'V Schrei des Triumphs sie ankündigte.
Nun hatten sie ihn sicher, den deutschen Spion, bett Verräter, den Polenfeind!
Ein Reißen an der Klingel, und dann ein donnernder Faustschlag, vom Vordersten mit aller Gewalt gegen die Tür geschmettert, weckten ein dröhnendes Echo im stellen Haus.
„Pst, nicht so laut!" Häusler Jezierski, der Hausbewohner von Lehrer Ruda, er, der die neun Kinder hatte, und dessen Weib das zehnte erwartete, hielt seinem Vordermann beim zweiten Ausholen die Faust fest: „Bruder, nicht gar so gewaltig, ein Weib schläft darinnen und kleine Kinderlein!"
„Daß dich der Donnerstein erschlage!" schrie der also Gestörte. Mer der zweite Schlag war nun doch wemg-i stens ein Klopfen zu neunen. „He, aufgemacht, wir wollen den Niemozycer sprechen! He, he! He, Antwort, ist der; Herr zu Haus?!"
Das Fenster, oben im ersten Stockwerk, das gerade über der Tür gelegen war, klirrte leise.
„Der Herr ist nicht zu Haus!" antwortete eine hell« Stimme von oben herab.
„Wo ist er denn?!
„Nach Berlin gefahren!"
„Wir glauben es nicht! He, aufmachen soll er! Auf-, machen soll er! Auf den Hof kommen soll er! Der Feia-, Liiiq, der Schächer, das Schwein! He, he, he, ausgemacht! Möge dich der Blitz zerschmettern! Daß dich der Donnep erschlage! Mögen dich hundert helle Blitze treffen! Möge dich der schweflige Blitz anstecken! Niemezheer, komm heraus!" .
Die Tür ächzte unter den Fausthieben x unter Fuß krittelt ftc.
„He, Niemiec, Niemiec, du Hundeblut!"
Der aus tiefem Schlummer geschreckte Inspektor hätte nicht rasch genug ans Fenster kommen tonnen; schlaftrunken taumelnd riß er es auf: was ging da vor am Hauptbau? Träumte er noch, tobte da nicht eine Bande? Betrunkene? Was wollten die?!
Er schrie ihnen zu, sie hörten ihn nicht.
„Niemczycer, Spion, Verräter, verfluchter Niemiec!"
Ein Steinwurf muhte eine Scheibe getroffen haben, Scherben klirrten. Das waren die dicken Milchglasscheiben der Haustür!
„Leute, seid ihr des Teufels?" Der Inspektor war in die Kleider gekommen, er wußte nicht wie; die steile Stiege des Seitenflügels stolperte er int Dunklen herunter, seine alten Füße wollten ihn kaum so rasch tragen.
Jetzt war er am Platze: „Leute, Leute!" Er drängt« sich zwischen den Haufen, es gelang ihm, die Freitrepps zu gewinnen. Die Arme hob er beschwörend: „Leute, nm»


