Ausgabe 
27.7.1910
 
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fenien Abschied nahm. An seine Stelle trat der eueraische General v, Schäffer-Bernstein, der sich nichts gefallen ließ.

. Um sich einen Begriff davon zu machen, was unsere Hesses m Spanten geleistet und durchgemacht haben, sei hier gleich von' Vornherein folgendes bemerkt: sie waren an 50 Gefechten be- teiligt, kämpften in den vier großen Schlachten bei Medellin! (28. März 1809), bei Talav era (27. und 28. Juli 1809), bei Almonacid (11. Aug. 1809) und bei Ocana (19. No- 1809), und verteidigten die Festung Badajoz von der Einschließung am 16. März bis zu der Erstürmung in dep Nacht vom 6. zum 7. April 1812. Auf die Verteidigung von Badatoz soll am Schlüsse dieser kleinen Arbeit zurückgekommen werden.

Wie bereits vorhin bemerkt, suchten die französischen Generale! die Leistungen unserer Landsleute herabzusetzen. Ueberdies ver­wandte man sie zu den gefährlichsten, undankbarsten und 'be?. schwerlichsten Aufgaben, nämlich: zu dem Aufsuchen und Ver­nichten der Guerillabauddn, d. h. Freischaren, von den Fran­zosenBrigands", zu deutsch Straßenräuber, benannt. Das Ver­folgen und Zerstreuen dieser Banden, die häufig von Priestern! mit dem Kruzifix in der Hand angeführt wurden, war mit \vxv», säglichen Schwierigkeiten und Drangsalen verknüpft. Ruhm und Beute waren dabei nach deutschen Begriffen nicht zu gewinnen.. Die Franzosen verstanden das Handwerk besser. Wenn eine Kon­tribution ausgeschrieben wurde, versäumten sie niemals, sich extra allerlei Wertsachen, Kostbarkeiten, Kunstwerke wobei kirchliche Gerätschaften nicht verschmäht wurden zuzulegen. Ein Augen­zeuge berichtet darüber:Nachdem die Marschälle Soult und Ney mit ihren Korps das Land ausgeplündert hatten, hielt Marschall Kellermann noch eine gründliche Nachlese und er brachte aus! Klöstern, Kirchen, Magazinen, öffentlichen und Privatgebäuden! eine solche Masse von Gold, Silber und Waren aller Art zu­sammen, daß bei unserem schnellen Rückzüge aus Asturien er? nicht Transportmittel genug besaß, unt den ungeheueren Raub! fortzuschleppen. So ließ er an dem Tage unseres Abmarsches von Oviedo die feinsten Getränke: Rum, Madeira usw. in Feldkesseln, Kaffee, Zimmt, Schokolade usw. in großen Quantitäten unter die Soldaten verteilen und von dem gestohlenen Silber den Offizieren eine Gratifikation austeilen, welche für jeden Subalternoffizierj 3 Pfund Silber betrug. Mein Anteil bestand in einer halben Monstranz."

Der Streifzug nach Asturien galt bei unseren Truppen als) die düsterste Episode der ganzen Kriegszeit, Land und Leute dort! als Inbegriff der Wildheit.

Das Klima in Spanien ist heißer als das deutsche. J'm Sommer hatten die Truppen unter starker Hitze und brennendem! Durst zu leiden. Hitz schlüge waren die Folge. Im Winter, aus dem Marsche nach Madrid, mußte das Guadarama-Gebirge durch­quert werden. Ein Schneesturm mit fürchterlicher Kälte brach herein; die Verpflegung in der ausgesogenen Gegend war gleich Null, das Schuhwerk ging völlig in die Brüche. Am 2. Januar! 1809 traf das Bataillon in Madrid ein. Seine Unterkunft war! eine Kaserne, die nichts als die nackten Mauern aufwies.

Neben diesen traurigen Zuständen lief eine Gefahr her, die viel schrecklicher war als diejenige in der offenen Feldschlacht, nämlich: die ganze Bevölkerung Spaniens nahm mit kannibalischer Grausamkeit und Hinterlist an dem Kampfe teil, weil sie es für ein Gott wohlgefälliges Werk hielt und aus Vaterlandsliebe! handelte.

Ein Beispiel mag zeigen, wie abscheulich die GucrillabaudeN ihre Wut an Wehrlosen kühlten. Der Grenadier Schneider be­gleitete einen Karren, auf dem sich fein Gepäck und seine Fran befand, die guter Hoffnung war. Der Karren blieb etliche hundert Schritte hinter dem Bataillon zurück. Plötzlich fielen Schüsse. Unverzüglich eilten mehrere Grenadiere zurück; sie fanden ihren Kameraden und dessen Frau, in grauenhafter Weise verstümmelt, auf der Straße liegen. Die Kannibalen hatten der Frau den Leib anfgeschlitzt und die Brüste abgeschnitten. Der Mann war aus eine so scheußliche Art zugerichtet, daß man es nicht beschreiben kann. Wenn die Bauern einen Nachzügler aufgreifen konnten, schlugen sie ihn tot und scharrten ihn in die Erde.

Aus diesen Beispielen, die um hundert andere vermehrt' werden könnten, geht hervor, daß der Feldzug in Spanien nicht weniger strapaziös und gefahrbringend war, wie derjenige anno! 1812 in Rußland.

Dem energischen und kriegskundigen General v. Schäsfer ge­lang es zuletzt, die beiden Bataillone des Regiments, die acht' Monate voneinander getrennt waren, wieder zu vereinigen.! Der Tag, an dem es geschah, war ein Fest- und Freudentag für Offiziere und Mannschaften.

Welchen Respekt die Spanier vor unseren Landsleuten hatten, zeigt folgender Vorfall:

Der Brigandenchef Camillo kam mit seiner Baude von 200 Mann, zur Hälfte beritten, zur Hälfte zu Fuß, unweit Almonacid! nahe an ein Detachement von Feinden heran, das viel schwächer! als das feinige war. Er fragte die auf dem Felde arbeitaudeN Bauern:Welcher Nationalität gehören jene Feinde an?"

Es sind Hessen!" antworteten die Bauern.

Meine Herren!" rief der Bandeiichef seinen Offizieren zu, -die lassen wir in Ruhe, die verkaufen ihr Leben teuerer, als sie selbst wert sind."

Küsammen, was ich vomSpanierpeter" und vowWormser" gehört hatte und ergänzte es durch Nachschlagen in einigen guten Buchern. In möglichster Kürze soll die Sache erzählt werden. II. Aus'marsch, Gefechte n. Schlachten in Spanien.

Im Frühjahr 1808 hieß es auf einmal: es gibt wieder Krieg, Bonaparte kann keine Ruhe halten.

Unser Militär hatte sich von den Strapazen des Feldzugs gegen Preußen 1806/07 kaum erholt und die Schäden aus­gebessert, da mußte wieder mobil gemacht werden. Napoleon verlangte von den Rheinbundfürsten: sie sollten ihm Teile ihrer Truppen zur Verwendung in den Kriegen Frankreichs mit aus­wärtigen Staaten zur Verfügung stellen. Das ging gegen die Vertragsbestimmungen. Was fragte Napoleon nach den beschwo- penen Berträgen. Wenn sie ihm paßten, hielt er sie; wenn nicht, .warf er sie ins Feuer. Dafür war er derProtektor", b. h. der Gönner, der Schutz- und Schirmherr des Rheinbundes. Wehe dem, der sich gegen ihn auflehnte. Um den Vertragsbruch einiger­maßen zu bemänteln, schrieb der franz. Gesandte im Juli 1808 von Bayonne. aus nach Darmstadt: Der Kaiser habe gedacht, man könne die . Truppen des Rheinbundes am besten dadurch! formieren und disziplinieren, daß man einen Teil dieser Truppen in der französischen Armee dienen ließe. Die Gedanken Napoleons waren selbstverständlich! den Rheinbundfürsten Befehle.

Ende Juli 1808 erhielt unser Großherzog Ludwig I. ein freundliches Schreiben, d. h. den Befehl: er möchte ein Regiment Infanterie und eine halbe Batterie nach Frankreich abmarschieren lassen; eine nähere Bestimmung war nicht angegeben. ®ie Brigade Groß- und Erbprinz (das jetzige Regiment Nr. 118), dessen beide Bataillone in Friedberg und Butzbach garnisonierteu, rnar- fchterten am 17. August 1808 ab und trafen am 19. August bei Groß-Gerau ein. Zwei Tage später erschien die halbe Batterie, Artillerie unter Sekondeleutuant Venator in Groß-Gerau. Alles in allem waren es 40 Offiziere mit 1638 Unteroffizieren und! Mannschaften. Den Oberbefehl führte Oberst v. Ledebur.

Von Groß-Gerau führte der Marsch nach Mainz, wo das Korps von. dem französischen Marschall Kellermann gemustert wurde. Dieser Marschall war im Jahre 1735 in Wolfsbuchweiler a. d. Tauber geboren. Er trat als gemeiner Soldat in die französische Armee ein und brachte es bis zum Marschall,und zum Herzog von Valmy. In Mainz ließ er es sich sehr wohl sein: er lebte herrlich und in Freuden in der schönen Stadt. Schade, daß wir so wenig Raum hier haben, sonst könnte man Vieles von ihm berichten.

Sogleich nach der Musterung erhielt das Korps Marschroute nach Worms und weiter. Vom 25. August bis zum 2. Sep­tember 1808 wurden die Städte KaiserslauternZweibrücken- SaarbrückenSt. Mold und Metz berührt. Es ist, merkwürdiger­weise!, genau der nämliche Weg, den die hessische Division 62 Jahre später, im Jahre 1870, einschlug, um den Erbfeind von der deutschen Grenze abzuhalten.

In Metz, wo das Korps am! 2. September (auch ein be­deutungsvoller Tag!) einrückte, empfing die Infanterie neue Ge­wehre; die Ausrüstung und Bekleidung wurde instand gesetzt, worauf cs mit neuer Marschroute über St. DizierBrienne Trohes-SensMontargis nach Orleans ging. Diese Städte sind sämKich im Kriege von 1870/71 bekannt geworden. Am 16. .September 1808 traf ba§ Korps in Orleans ein. Jetzt wurde den Offizieren und Soldaten klar, daß sie dazu bestimmt waren, gegen die Spanier und für den Bruder Bonapartes: Joseph, der den Spaniern mit Gewalt als König aufgenötigt worden war, zu fechten.

Am folgenden Tage, dem 17. September 1808, musterte bet französische Marschall Lefcbre das hessische Korps. Lefebre war in Ruffach im Elsaß als der Sohn eines Müllers anno 1755 geboren und brachte es, wie Kellermann, vom gemeinen Soldaten bis zum Marschall und Herzog von Danzig. Seine Frau früher Wäscherin ist die berühmteMadame saus Gene", d. h. die Frau, die sich durchaus keinen Zwang antun konnte. (Es existiert ein hübsches TheaterstückMadame saus Gölte" über sie, worin gezeigt wird, daß sie selbst vor dem! all- wächtigen Bonaparte kein Blatt vor den Mund nahm.)

Zwei Tage später, am 19. September, wurden die Gewalt­märsche fortgesetzt. Der Weg sührte über ChateaurouxLimoges St. Foh nach Bayonne, das dicht an der spanischen Grenze liegt. '48 Marschtage, worunter nur 5 Ruhetage, waren von Groß- Gerau bis an die spanische Grenze bewältigt worden: eine! Leistung, iuie sie sich selten findet. Ein großer" Teil der Be- spanuungspferde war zugrunde gegangen, ober doch dienstunfähig geworden. Die notwendigsten Fahrzeuge und Geschütze mußten zumteil mit Ochsen bespannt werden. In Durango, bem ersten spanischen Platze, wo sogleich ein Gefecht ftattfanb, sollte sich die deutsche Division, ans Rheinbunbtruppeii bestehend, sammeln. Die Division bestand aus dem Hess. RegimentGroß- und Erb­prinz", einem BataillonPariser Garde", dem Frankfurter Ba­taillonFürst Primas", sowie den RegimenternBaden", Nassau" undHolland". Divisionskommandeur war General Leval, ArMeekommandeur: Marschall Lefebre.

Dieser suchte die Leistungen des hessischen Regiments bei bem1 Gefechte am 31. Oktober 1808 bei Zernosa herabzusetzen, was den Regimentskommandeur v. Ledebur dermaßen empörte, daß er