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sie ihn.
(Fortsetzung folgt.)
Die Hessen in Spanien.
Geschichtliche Skizze von G g. Schäfer.
I. Vorbericht.
„Da liest man schon seit Jahren von Schlachten und Siegen, die vor 50 oder 100 und mehr Jahren itt Italien, Oesterreich, Preußen, Frankreich und Rußland- geschlagen und erfochten wurden! Unsere Hessen waren fast immer dabei. An Tapferkeit, Ausdauer und im Ertragen von Strapazen wurden sie von keinem Volksstamm übertroffen: aber man liest fast nichts von ihnen, weil sie keine große Armee ausmachten. Mein Großvater war mit in Spanien; er wurde nach der Erstürmung von Badajoz nach England geführt und viele Jahre gefangen gehalten. An langen! Winterabenden erzählte er uns später von seinen Kriegsrügen! und seinen Strapazen, die beinah ebenso schrecklich waren, löte die in Rußland anno 1812. Ist denn Niemand da, der etwas darüber schreiben könnte? Mund und Ohren sperren die jungen Leute auf, wenn Jemand von 1870/71 erzählt. So machten wir es, wenn die Veteranen von 1806/14 vor 50 bis 60 Jahren von ihren Kriegszügen sprachen. Ich hab' noch Manches im Kopf, aber lange Halts nicht mehr vor, denn ich hab' die. siebenzig aus dem Rücken und muß mich zum Abmarsch mit der großen Armee bereit halten."
So redete am vergangenen 3. PfiNgstfeiertage ein noch körpere lich und geistig rüstiger Bauer mit mir.
„Recht haben Sie!" antwortete ich. „Es ist schade, daß Unsere kleine Armee unter der großen nicht so zur Geltung kommen kann, wie wir es wünschen. Ich erinnere mich sehr genau an unseren Nachbar, der den ganzen spanischen Feldzug auch mitmachte. Er wurde bei Badajoz gefangen und nach England gebracht. Jahrelang hielt man ihn für tot. Im Jahr 1808 marschierte er aus, 1814 kam er zurück. Von da an erhielt er den Beinamen „Spanierpeter", den die Familie heute noch führt. Der Spanierkonrad, die Spanierbärbel, den Spanierhanues kennt jedes Kind im Dorf besser, als den eigentlichen Familiennamen."
„So schreibt doch etwas über, Spanien und über das, was Unsere Ureltern ht Spanien geleistet haben!" rief der Manm „Was unsere Söhne 1870/71 in Frankreich getan, wie die alten Römer und Griechen gekämpft haben, das ist nicht merkwürdiger als das, was unsere Urväter in Spanien verrichteten, aber die! wenigsten wissen etwas davon. Wir Bauersleute können keine dick-, leidigen Militärbücher lesen; aber höreit möchten wir, wie es vor hundert Jahren in Spanien und England herging und was unsere Voreltern durchgemacht haben."
Der Mann hat recht! dachte ich. Dann suchte ich titeln Notiz-, buch aus den 60 er Jahren hervor, kramte in meinem Gedächtnis
„He, Großväterchen, warum sollen wir traurig sein? Polen schläft — laß es schlafen! Wir schlafen ja auch, wenn wir müde sind !"
„Dummköpfe!" Der Alte fuhr auf. „Wo stammt ihr her?! Seid ihr Hundeblut? Ich sage euch: eure Väter haben nicht geschlafen. Die haben ihre Sensen geschliffen, daß sie schärfen wurden denn. Schwerter und haben die deutschen Hunde gemäht bei Koschmin und Tfchemieschno, bei Minosläw und Sokolowo. Bei Stenschewo sind die Kugeln um uns geflogen wie Hagelkörner, aber die heilige Mutter hat sie aufgefangen in ihrer Schürze. Und die polnischen Mütter haben auch nicht geschlafen. Höret zu!
Als die deutsche Landwehr bei Buk im Quartier lag, in jedem Haus ihrer zwei und drei, da hat die Mutter Gottes der Weiber Herzen gestärkt, daß die Tauben zu Adlern wurden. Und sie haben den Deutschen zu trinken gegeben — sehr viel — bis sie alle waren betrunken. Und als sie schliefen in Ställen und Scheunen, auf Tennen und Heuböden, da sind Polens Mütter hingeschlichen mit ihren Messern und haben den Teufeln die Bärte abgeschnitten, die Nasen und Ohren, die Finger und Zehen, und haben das Blut hinströmen gemacht von Polens Feinden."
„He, ihr!" Mit so starker Stimme schrie Dudek sie plötzlich an, daß der Wirt vom Schenktisch gelaufen karst mit erhobenen Händen.
Mißtrauisch und ängstlich blickte Eljalim: Ivollte der Alte etwa machen Skandal? Wußte er denn nicht, daß der preußische Gendarm fleißig vigilierte? Wenn der nun Lärm hörte und schrieb auf in fein Buch?! „Eiweih, eiweih," jammerte Eljalim und wand sich wie in Schmerzen, „se werden Mer schließen 's Lokal, se werden mer entziehen de Konzession! Eiweih, eiweih!"
Die Gäste lachten. Aus der Ecke drüben lachte plötzlich einer laut mit; er war eingetreten, als sie tranken, und sie hatten ihn bis jetzt gar nicht bemerkt. Nun grüßten
steckten sie überm Tisch zusammen: auf was wartet Henn der Dudek nur?! Daß er's ihnen doch erzählen möchte! Won einem geheimen Gruseln überlaufen, starrten sie nach ihm hin.
Er saß da und schaute ganz verloren. Die Schöße seines Kirchenrocks lagen rechts und links von ihm auf der Bank, wie die gespreizten Flügel eines großen Bogels. Wom ungewohnten Schnapsgenuß war er müde geworden, die . Lider wollten ihm zufallen. Da rückte die Filomena rasch neben ihn und stieß ihn in die Seite: „He, Vater, schlafe nicht, erzähle, sie warten darauf!"
„Erzähle, erzähle," riefen alle, wußten sie doch^ der Schäfer hatte viel geheime Wissenschaft. Der kannte die Unterirdischen, die kleinen Zwerge, die die Kinder vertauschen, und die Hauskobolde, die als schwarzer Fleck an der Wandtünche sitzen. Wenn der Dudek, in der Nachts von Allerheiligen auf Allerseelen, beim letzten Schlag der Mitternacht auf die Kirchschwelle trat, sah er drinnen alle die, die einst zu Lebzeiten hter die Messe gehört hatten, knien, sah die Kurzen am Hochaltar brennen, sah den Priester beim heiligen Meßopfer und hörte das Miserere vom Chor. Er sah, was jedem anderen verborgen war. Konnte es auch gleich einem Weibsbild anmerken, ob das eine Hexe war oder nicht, wußte ein Mittel gegen die fallende Sucht und wie man den Weichselzopf los wird, konnte das Fieber aus- tretben und die Rose besprechen, schaffte Hilfe gegen den bösen Blick und gegen's Behextsein der Schafe und Kühe, hörte in der heiligen Nacht die Tiere sprechen und prophezeite aus Wind und Wolken, ob es ein gutes Jähr ward oder ein schlimmes., '
„Mas soll ich erzählen?" sprach Kuba Dudek, als sie ihn bedrängten.
„Säg, auf was wartest du? Warum sprichst du immer: „ich warte" —!?"
Da machte er seine müden Augen auf, fo groß er konnte, Und sah sie ernsthaft alle der Reihe nach an: „He, und ivartet ihr denn nicht?!"
„Gott verdamm mich," sagte Krzhwousty, das Schief- Mto.nl, das sich bei jeder Festlichkeit, sei es Hochzeit oder Kindtaufe, Begräbnis oder Tanz, mit seinem Horn einfand, „ich warte nicht! Auf was soll ich denn warten?" Er schlenkerte mit der Hand, als schwenke er den hineingetuteten Speichel aus seinem Horn: „Ich habe nichts zu erwarten!"
Und Kurek, das Hähnchen, der Mann ohne Nase, krähte vergnügt: „Sage uns, Väterchen, auf was wir denn noch warten sollen?! Ich meine, wir haben schon nicht umsonst gewartet: du hast uns ja Schnaps gegeben. Väterchen, liebes Großväterchen, Kuba Dudek, du sollst leben! Wiwat, Miwat!"
Sie stießen alle mit dem Gastgeber an.
„Water," sagte die Filomena und puffte ihn wieder in die Sette —- sie war stolz auf ihres Vaters Wissen-» schäft — „nun sage ihnen doch schon, auf was sie warten sollen 1"
„Ich werde ihnen sagen," sprach Kuba Dudek. Er reckte eine hagere Gestalt auf in einer gewissen Würde. Mit )en Fingern seiner Rechten führ er wie mit Zinken durch ein langes strohernes Greisenhaar; und dann kratzte er ich „Ihr wißt nicht, auf was ihr warten sollt?! Seid hr denn schon ganz blind gemacht, ganz taub?! Weh, das ist das Werk des Teufels! Und der Teufel, das sind die Deutschen! Alle Deutschen sind Teufel, aber ihr oberster, das ist der, der hinter dem Berge wohnt. Der hat auch die Ciotkä geschossen. Der tut immerfort Böses; der ruft auch die Schwabby in unser Land, daß ihrer mehr werden als unser sind, daß sie uns verdrängen von tut]ernt Acker, daß man immerfort deutsch reden hört und unsre Kinder polnisch verlernen. Polen schläft!" Mit einem tiefen Seufzer stützte er den Kopf in die Hand und schwieg. Seine Gestalt sank ganz zusamnren.
Die anderen schauten betroffen: was hätte der Dudek, warum war er so traurig? Freilich, der Niemczycer war ein hartherziger Herr — keinen Groschen hatte er den Männern für ein Schnäpschen gegeben, als sie ihn darum gebeten vor der Ciotkä Tür — aber, daß er die Ciotka geschossen hatte, potztausend, das war doch nichts Böses ! Die hatte so viel Geld von ihm gekriegt, daß sie nun immerfort betrunken sein konnte, alle Tage. Und der Ansiedler waren doch eigentlich nicht zu viele. Die wären ja nur wie die kleinen Mäuschen und verkrochen sich1


