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Das schlafende Heer.
Roman von Clara Viebig.
Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.)
Michalina war sehr vergnügt, als sie ihren Weg fort- letzte; der Tag hatte so traurig begonnen, noch klangen ihr die Sterbegebete in den Ohren, und doch mußte sie jetzt schon singen. Die Erde war gefroren, so hart, daß sie unter ihren Schuhen klapperte; die Krähen schrien hungrig über den toten Meckern, aber sie schaute doch unwillkürlich, ob da nicht irgendwo eine Lerche säße, ganz verborgen in beschneiter furche. Ihr war, als hörte sie immerfort leises Gezwitscher. Da fing auch sie an zu summen; 'wehmütig und lustig zugleich klang das Liebeslied:
„O wär' ich ein Sternlein, wie droben
Am Himmel so viele stehen. Ich blickte von droben herunter Nur auf dich, mein Bürschchen, zu sehen!"
Immer wieder von neuem das Liedchen beginnend, trabte sie munter gen Chwaliborozhce. Als sie sich den Hütten der Komorniks näherte, hörte sie schon ihren Jasio schreien. Aha, noch niemand Zu Hause, das Bübchen war immer noch allein! Unter der ausgehöhlteu Schwelle lag der Schlüssel, rasch holte sie ihn hervor und schloß auf.
In Schäfer Dudeks einziger Stube war, trotzdem man mit Wacholderbeeren geräuchert und Essiglappen aufgehängt hatte, doch noch der ganze Leichendunst. Das Kind saß tiut Boden auf dem nackten Estrich und hatte sich ganz rot und heiß geschrien. Ei, das war ganz gut, so hatte es auch nicht gefroren!
Die junge Mutter legte flink ihr sonntägliches Kleid ab, zog den alten Rock der Großmutter an und schlüpfte in deren Pantoffeln; dann nahm sie ihren Buben auf den Arm. Von neuem summend, tänzelnden Schritts begann sie ihn durch die Stube zu tragen.
„Ei, was fehlt denn dem Bürschchen, dem kleinen, daß eZ weint? Hat es nicht Härchen wie Flachs, einen Mund wie 'ne Kirsche, Mugelchen wie schwarze Beeren? Hat es nicht ein rotes Bändchen um sein Aermchen, daß keine Hexe es behexen kann! Bschi, bschi — still, still! Ist der böse Wil*) hinter dem Balken hervorgekrochen und hat dem Kindchen die Zähne gezeigt? Fürchte dich nicht, bschi, bschi! Geh, böser Wil, geh zu unartigen Kindern, mein Bürschchen ist lieb, Mein Bürschchen ist brav! Mein Bürschchen bekommt ein Schlittenpferd, eine Kamieniarka**) mit einem Glöckchen dran, und, wenn es groß ist, ein Schwert. Bschi, bschi, schlafe, mein Täubchen! Daß alle Engel dich hüten — bschi, bschi, h- Jesus, Maria, Joseph und der heilige Geist!"
-*) Hageres Gespenst mit gelbem Bart und langen Zähnen.
**') Kutschierwägelchen.
Michalina machte über ihrem Bübchen das Zeichen des Kreuzes unt> drückte es kosend an die volle Brust.
Jasio lächelte und schmiegte sich an; die Mutter lächelte auch, hell jauchzend schwang sie das Kind in ihren starken Armen hoch in die Höhe und wieder tief zum Boden und wirbelte sich dann mit ihm herum. Unterm Mützchen hatte sich einer der festgeflochteuen Zöpfe gelöst und hing ihr, stark und straff, über den Rücken; ein paar Haken am Mieder ivaren aufgeplatzt, unternr weißen Hemd quoll die weiße Brust, und in der weißen Brust klopfte das rote Herz.
12.
Während nun die alte Nepomucena von länger Arbeit ausruhte und die junge Enkelin ihr Kind herzte, saß der Witwer in der Schenke. Heute mußte er die Leidtragenden sämtlich freihalten und selber fleißig das Gläschen leeren. Es half ihm nichts, daß er sich lange Jahre des Schnapses enthalten hatte, heute durfte er nicht gegen das gebrachte verstoßen.
Sie saßen am Tisch auf Bänken: die Männer zusammen und die Frauen zusammen. Auch den Weibern waren die Kehlen trocken geworden, denn sie hatten viel geweint und gebetet.!
Auf die Leidtragenden herunter blickte das Bild Kaiser Wilhelms II. Ein Oeldruck war's, wundervoll bunt in Uniform, mit einem goldenen Stern auf der Brust.
Eljakim Hirsch war sehr stolz darauf, stolz auf das schöne Gemälde, stolz- auch auf seinen Mut. Im stillen hoffte er freilich, daß die von hier zu Land es nicht erkennen würden. Dagegen würde der Herr Landrat, erfuhr er davon, ihm sicherlich hold sein, und die deutschen Ansiedler würden nun auch einkehren, dä, wo ihres Kaisers Bild hing!
Der alte Dudek sah stumM ins Glas, als sie seine Verstorbene lobten. Er hatte an ihrer Leiche nicht geweint, nun weinte er; langsam sickerte eine Träne nach der andern aus den des Weinens unkundigen Augen nieder auf den Tisch. Sie trösteten ihn alle: ei ja, das wollten sie wohl glauben, daß es ihm schwer ankam, die Nepomucena in der Grube zu wissen, die gute Babunka, mit der er ein halbes Hundert Jahre immer Seite an Seite gelebt, Tag und Nacht! Sie war eine treue Seele gewesen — daß Gott es ihr lohne! Aber der Witwer mußte nun nicht mehr weineu, denn wie lange noch und die Nepomucena würde sich ihm zeigen im Totenhemd, ihn aufmerksam zu machen auch auf seinen baldigen Tod!
Aber Kuba Dudek schüttelte beit Kopf: nein, das konnte ihn nicht trösten! Sie würde sich auch nicht zeigen, denn sie wußte wohl, daß er zu warlen hätte — und würde er hundert Fahre alt und darüber — immer zu warten!
Auf was denn warten, he? Hatte der Alte einen Pakt mit dem Teufel geschlossen, daß er sprechen konnte: „Tod, bleib' draußen" — und erst, wenn er's satt hatte: „So, nun hol' mich" —?! Sie wären alle neugierig. Die Köpfe


