Ausgabe 
27.4.1910
 
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TunfV. Zwischen dein Eisfiligran der Uferbäume lag der Kee wimmelnd von Leben. Eine Kapelle spielte am Ufer, ton die Pnnschbude war lachendes Gedränge, und hie und da dampften die kleinen Glühpfannen .fliegender' Maro- Mnhändlev. 1 i

Der Doktor läuft gut, es wär jvirllich ein Genuß. Er sah mit humoristisch zwinkernden Wegen in das Ge­tümmel.

Ist es Ihnen auch ausgefallen, daß München eine so junge Stadt ist? Wsau kommt sich ganz unberechtigt vor, wenn mau nicht mehr Kwiamzig Jahre alt ist oder den Kopf voll Leichtsinn und Illusionen hat, was sich hier ja auch mit höheren Semestern verträgt."

Ich sah ihn ganz überrascht an. Es war, als ob er Gedanken las. ,

Ich beneide jeden, der das noch kann."

Ihn Himmels willen, beneiden? Um was denn? Was bleibt denn übrig von den ganzen schäUen Illusionen? Bitte, fragen Sie nach zehn, zwanzig Jahren einmal nach, wer von oieser« Hunderten von Lehrlingen Meister gewor­den ist! Nur ein ganz geringer Prozentsatz!"

Das «nag sein. Ich beneide sie trotzdem, sie haben doch wenigstens ein großes Streben gehabt!"

Großes Streben! Pah! Schanmschlägerei!" Der Mann schüttelte heftig den Kopf.Was einem Leben Wert gibt, ist doch nicht das bloße Wollen! Das kann ganz unfruchtbar bleiben. Das Können, das Fertigbringen machen es! Das greifbare praktische Resultat."

Ich war entsetzt.Also haben künstlerische Bestrebungen ist Ihrer Welt eigentlich überhaupt keine Existenzberech- Ugung?" ' I

Er lachte trocken.!

Ich bin kein Unmensch, gnädiges Fräulein, ich sehe di« Dinge nur von meinem Privatstandpunkt aus. Die Must ist auch praktisch berechtigt dadurch, daß sie in den« Kunstkonsumenten Stimmungen anregen kann, Mut, Freude, die sich ganz unbewußt wieder in praktische Resultate um- setzen. Und da zum Produzieren in der Kunst die Be- Msterung und die Illusionen nun mal unerläßlich sind, haben die auch einen gewissen Wert. Aber es wird aus dem Gebiet viel Pulver unnütz in die Luft verknallt."

Ich war einen Augenblick still, ich fühlte mich! plötzlich Ivieder bedrückt.

Also wenn ein Leben kein greifbar praktisches Resultat äufzeigt, ist es für Ihren Kegriff absolut wertlos?"

Ja." Kurz und entschieden.

Auf einmal sah er mir mit seinen gescheiten Brilleu- Wgen ins Gesicht, merkwürdig freundlich. Ich hatte das Unbehagliche Gefühl, daß er mehr aus meiner Frage heraus- hörte, als ich gesagt hatte.

Sie müssen mich übrigens nicht mißverstehen, ich meine häs nicht so engherzig. Jedes Leven hät Zeiten, scheinbar Sohne greifbares Resultat, und das sind möglicher-

r doch die wichtigsten, weil sie zum Auswachsen und cen Ausreifen der Persönlichkeit nötig sind. Je mehr einer ist, desto mehr kann er leisten."

Dos wär Höflichkeitseinschränkung, ich fühlte es deut--, sich. DasJa" vorhin war ehrlich.

Also eine andere Variation auf mein altes Thema.

Praktisch« ^Resultate. Ich kann ja mein Leben auch chumäl auf das hin prüfen. Das Ergebnis ist das gleiche: Eine blanke Rull.

Ich habe weder Illusionen und Streben noch prak­tisch« Resultate. Also wertlos.

Als wir abschnallten und gingen, stand der Sonnetw Untergang flanrmengelb und rot wie ein rasch finkender g)ßer Brand hinter den Bäumen des Englischen Gartens.

wurde dunkel, bis wir in der Stadt waren. Tie Hellen itztürme der Ludwigskircho, das Löwengespann des Tors standen, grell beleuchtet, in scharfen Konturen vor dem Schwarzblau des Himmels. Wie eine weiße Lichtperlenkette Logen sich die runden elektrischen Lampen an beiden Seiten der breiten Lndwigsstraße entlang bis Mr Feldherrnholle Und tief in die Theatinerstraße hinein. Vor dem Anblick bin ich schon öfter entzückt stehen geblieben. Auch heute ivieder.,

Wie schKn das ist! Deukm Sie dabei nuu auch nur M den prMischen Zweck?"

Er lachte wieder sein kurzes, trockenes Lacher«, dis Brillengläser blitzten, wie er den Kopf hob.

Jedenfalls ist die Wichtigkeit der Straßenbeleuchtung nicht zu Unterschätzer«. Uebrigeus meiner Ansicht nach hat alles, was Zweck hat, auch seine Schönheit. Sie fällt nur nicht immer so ins Auge wie hier."

Ich knurrte nur ungeduldig vor mich hin.

Ick« glaube, diese Nacht werde ich von praktischer« Zwecken! und Resultaten träumen!

Wunderliche Welt! Verschwenden wir da Stunden und Worte und Gedanken an Merrschen, die eine ganz andere Sprache sprechen als wir selbst. Und die, die uns in unserml Bester« und Eigensten verstehen, sind toeit, weit weg!

Georg, Tilla schrieb mir neulieh so etwas von Herkorn-- men im Frühling; was wird daraus? Wer ich will mich nicht zu früh freuen!

Ade, Ade!

Ihre Agnes W

München, 6. Febrnar 1901. i Georg, liebster Freund!

Ihr guter, lieber Brief! Er war mir, rvos ein warmes Feirer den« Friere««den ist!

Wie gut Sie trösten!

Ob es mir nicht Lebenszweck genug ist, rireinen Freunden meinem Freund etwas zu sein?

Ja, tausendmal ja! Wenn ich's nur könnte! Wenn nicht Meilen und Meilen zwischen uns lägen!

Was kann denn überhaupt ein Mensch den« andern sein? Was können wir einander denn selbst im Beisammen- sein vor« unfern Seelen geben, da wir doch kei««e Brücke haben als diese armselige Menschensprache, die das Feinste und Zarteste u««terwegs falle«« läßt?

Und nu«« gar Briefe! Geschriebene Sprache, ohne Ton-, fall, ohne Mienenspiel, in dem Wund und Augen sagen, was den Worten fehlt r

Aber nein, Sie haben doch recht! Es ist doch uncrrdlich viel, es ist ein Reichtum! Ich sehe es ja ent meiner eigenen Freude, wenn ich den Briefbogen mit Ihrer Schrift in der Hand halte!

Mer nein, dem Doktor dürfen Sie «licht böse fei««! meinetwegen! Seineverschrobenen Theorie««" tun mir gar nichts, und er nimmt sich rührend meiner au. Wahrscheinlich ist meine Bildung der praktische Zweck, wenigstens fördert er die auf alle Weise, macht den Bärenführer durch München und erklärt mir stundenläng im Nationalmusenm technische Dinge, die ich nie verstehe«« werde.

Nnr Sonntags ist er spurlos verschwunden. Und neulich hat Fräulein Damianis Spürnase heransgebracht, daß er dann immer in Freysing bei seiner Mutter sitzt, einem alten Bauernweibchen, das der Sohn vollständig unterhält.

Mrs. WilloNp die trotz des free America einen tiefen, heimlichen Respekt vor Krone!« und Wappen hat, zog die schmale Nase kraus.

Wie oisgusting! Ein Bauer! Mm« Fann nicht mit ihm verkehren."

Sie markierte das deutliche ihre Kvketterie wär plötzlich verschwunden. Als er am nächsten Mittag zufällig Moutag kau«, brachte sie das Gespräch auf die deutschen Bauern.

O ja, ich habe schon viele gesehen. Ich liebe sie aber nur at a distauce. Sie waschen sich nicht, uird sie riechen ««ach Stall und bad tobacco. Aber sie sind gut und nützlich wie die Kühe, und sie sind wirklich dekorativ in countrh scenes."

Dies alles halblaut, aber doch sehr verständlich zu ihrem Tischnachbar. Dann wandte sie sich auf einmal zu dem Doktor und sah ihn kühl neugierig an.

Ist es wahr, .Herr Doktor, daß Ihre Mütter eine Bäuerin «st? Eine wirkliche! Hvw very intcrcsting! War«r«ni haben Sie uns nie davon gesagt?"

Um die gescheite«« Augen hinter dec« Brillengläsern' waren ein paar spöttische Fältchen. Er quittierte die kleine Bosheit mit einer Verbeugung, gar nicht wie eii« Bauer.

Ich dachte picht, daß meine persönlichen Angelegen-, hellen Sie interessierten, gnädige Fra«»."

(Fortsetzung folgt.)