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191(0 — Nr. 65
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Ihres Vaters Tochter.
(Montan von Lnlu von Strauß, und Tvr»ey, (Nachdruck verboten.)
(Fortsetzung.)
Lotto war schon gan^ vekannt dort, als ich miet) noch höchst unbehaglich fühlte. Das .Grüß- Gott, Gelsa', das sie mit einem raschen Kopfnicken nach rechts und links erwidert, klingt respektvoll; die Bernhardifchüler haben immer ihre besondere Stellung, matt weiß, die können was. Es sirtd »roch zwei andere aas ihrem ^Atelier da, eilt blonder Schüchterner, deit ich nie anders als .Brüderchen' rufen höre, ititb ein junger, bildschöner Pole mit dunllen Krachtaugen. Lotte hat ihn Van Dyk getauft, weil er bessert Selbstporträt so ähnlich siecht.
„Wer Hat den nettsten Simpliz-issimus gesehen? Einfach kolossal!" -j \
„. . . Ja, Sie können aber doch nicht behaupten, daß der Nietzsche nicht ein großer Kerl ist. Der steckt noch das nächste Jahrhundert in die Tasche! . .
„Hundsgemein, daß der Natzler die Meistersinger in den Münchner Neuesten so Vermöbelt —"
„Rost, was gibt's deinr heute? Wieder Kälbsvögerl? Dös is fad —" . ,
„Brüderchen, kommen Sie mit heute? Kaimsaal, die Weunte!" ।
„Hab keine Zeit, Nmß schaffen. Meine Platte must morgen -zur Druckerei —"
Alles junge, frische Stimmen, lebhafte Artgen — alles in Eile, wieder hinausKukommen, um zu schafferr, vielleicht auch rrur zu bummeln, jedenfalls um zu leben! Zürn Teil Boheme, die blanke Papierkragen trägt und vielleicht Nicht weiß, wovon morgen satt werden. Aber trotzdem in jeder Ader den klopfenden, unverkümmert en Lebensmut und den Kopf voll Plärre und großer Ziele, die ihre kleine Existenz in ihren Augen wichtig und wertvoll für sich und die Mitwelt machen!
Mir wird wunderlich zumute, wie ich zuhöre. Keiner spricht mich an, sie wissen nicht recht, thas sie aus mir machen sollen. Nur der junge Russe mit den Krücken rrud deut hageren gelbblassen Vogelgesicht versuchte es am ersten Tag: „Das Fräulein sirrd Malerin?" Nein. „Da studieren Sie wohl Musik?" Auch nicht. ,Dder gar ein Fräulein Doktor, gelt?".
Nein, nein, nein! Nichts bin-ich! Kein Talent, kein Ziel! Ein überflüssiger Mensch!
Brennend hab ich mich geschämt, Georg. Ich kam mir so unberechtigt vor zwischen diesen jungen Strebenden. Ich stehe abseits Vom Leben.
Früher war das anders, mein Leben hätte seinen Zweck Und Mittelpunkt. Man weiß ja nicht, während man besitzt, Ivie bitter das Entbehren ist!
Ihre Agnes W,
Einen Menschen, einen Glauben haben, eine große Idee, wofür man sich mit tausend Freuden rädern ließe! Irgend etwas, das das Leben groß und tief macht, das diese schmertzhafte Leere füllt! , n r
Aber ich will Ihnen nicht länger Vorklagen! Leben Sie wohl, lieber Freund!
München, 31. Januar 1901.; Lieber Georg!
Bott meiner täglichen Umgebung wollen Sie hören? Gut.
Mir gegenüber bei Tisch sitzt eine Amertkanertn, eure . junge Frau mit raffinierten Toiletten und kühl neugierigen Äugetr. Sie hat Vor dreiviertel Jahren ihren Mann verloren. '
„O, ich bin sehr froh, frei zu fein. Beruf und Famrlre sind nur Fesseln. Ich will mein Leben genießen, solange als ich bin jung. Wenn ich werde sein alt, ich werdq go in for philantropy," erklärte sie neulich in kokett ge? broch en em Deutsch.
Sie trägt die Zwecklosigkeit ihres Daseins mit Ruhe.. Soll ich von ihr lernen?
Es sind allerlei Seilte mit mir auf die gleiche kahle' kleine Insel tm Menschenmeer, alias Pension Damiani geworfen. Eine ältliche Sprachlehrerin, die bei Mrs. Willows Schnitzern ein Gesicht macht, als Wenn sie Essig tränket Ein sehr junger, ängstlich schüchterner Conte aus Palermo. Ein Doktor der Chemie mit inteltigenten, ruhigen Augen hinter dem Kneifer. Eine junge Offiziersfrau, deren Mann nach China kommandiert ist, und mit der ein Musiker mit Beethovenmähne und breitem Verlobungsring eifrig kokettiert, bisher aber ohne Erfolg. Fenier —- *
Aber wozu die Aufzählung? Gott behüte uns vor den vielzuvielen.
Der Doktor redet nicht viel, aber toa§' er sagt, hat Hand und Fuß. Ich habe mich bei Tische öfter mit ihm unterhalten. Er fragte mich heute, ob ich den Münchner- Eissport schon gesehen hätte? Ob ich nicht Luft hätte, hinzugehn? Wenn ich gestattete, würde er mich begleiten, er hätte den Nachmittag frei.
Ich gestattete. Er hat mich also heute zum Klein- hefseloher See hingehütet. Er trug mir die Schlittschuh, Via ich mir unterwegs kaufte, und machte Konversation^ Wir waren an dem großen englischen Geschäft vorbei- gekommen, wo das Kopenhagener Porzellan imt dem wundervoll blaukühlen Glanz hinter den breiten Spiegelscheiben steht. Er erzählte mir von den Gröndahlschen Fabriken, die er kannte, und erklärte Mir die Methode., Ich glaube, ich habe ihn noch nie von einem abstrakten! Thema reden hören. ,
Himmel und Erde waren übrigens auch wie von Kopenhagener Porzellan heute. Alles bläulich weiße, blasse Töne. Die Bäume fein bereift, und die Ferne der richtige , blaue


