Ausgabe 
27.1.1910
 
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das Waldesduft atmet.

Das Aeußere des Hauses ward nach Dacitus Bericht hurch Bemalung mit Erdfarben verschönt. Es zeigt sich darin wiederum das Schmuckbedürfnis, das in ähnlich primi­tiver Art bis heute in der Bemalung norddeutscher Bauern­häuser erkennbar ist, das aber auch, zu der kunstvollen Fassadenmalerei und Ornamentieruug in den späteren Städten geführt hat. Die Farbenfreudigkeit findet sich be­sonders in der Entwickelung der bäuerlichen Jnnenkunst bei

sonders in der Entwickelung der bäuerlichen Jnnenkunst bei Möbeln wieder, spiegelt sich ebenso in der Buntheit der Blumen des Bauerngartens, als in der der Trachten.

Weitere Schlüsse auf das altdeutsche Haus lassen die Hausurnen zu, in welchen man die Totenasche als in nach- zebildeten Wohnungen beisetzte. Diese Tongefäße zeigen mehr oder minder deutlich als Abweichung von der üblichen Rundform Ecken, was darauf schließen läßt, daß als Grund­riße die uralte Rechteckform anzunehmen ist, die ja auch weiterhin beibehalten wurde und nlr alle Bauernhaus­

Kndernteils darin, daß die alten Deutschen schon eine aus- aeprägte Heimatliebe befaßen, die so starr war, daß sie sich für die Urbewohner des Landes hielten, denn es war ihnen nicht Möglich, anders zu denken, als daß alle ihre Vorfahren schon mit dein von ihnen bevölkerten Lande ebenso eng verbunden gewesen seien, als wie sie es selbst waren.

Als Ausfluß dieser landschaftlichen und völkischen Eigen­art müssen wir die Wohnung, das Haus der alten Deutschen auffassen, das sich zum deutschen Bauernhaus entwickelte Und das sowohl der Landschaft als dem Stannnescharakter sich angepaßt hat. Das deutsche Bauernhaus ist für uns eirr bedeutender, kultureller wie künstlerischer Besitz.

Wenn man freilich einmal landläufige Kunstgeschichten änsieht, so enthalten diese zwar viel von ägyptischer, assy­rischer, persischer, griechischer, römischer, altchristlicher, byzantinischer und maurischer Kunst, ans den Boden der deutschen Heimat aber kommen sie erst mit Behandlung des romanischen und gotischen Stils. Boni römischen Haus berichten sie jede Einzelheit, aber sie beginnen die deutsche Kunstgeschichte nicht dort, wo die deutsche Kunst anfängt, beim deutschen Bauernhaus. Denn dies ist das ursprüng­lichste Zeugnis derrtscher Knnstbetätiguug, aus dem ein großer Teil deutscher Kunst emporgewachsen ist.

Wie das deutsche Bauernhaus aussah zu der Zeit, als die alten Deutschen itt die Geschichte eintraten, davon gibt uns Tacitus einen Bericht, der einiges Charakteristische ent­hält. Es heißt da:Nicht einmal Mauersteine uno Ziegel find bei ihnen in Gebrauch; zu allem nehmen sie rohes Gebälk ohne Bedacht auf äußere Schönheit. Einige Stellen übertünchen sie besonders sorgfältig mit einer so reinen glänzenden Erdart, daß es wie Malerei und Farbenzeich- innig aussieht."

Wir werden hier zunächst bekannt gemacht mit deni Material, das man zum Ban des Hauses verwendete. Das war das Holz des deutschen Urwaldes, welches das ge­gebene deutsche Material ivar und das von Bedeutung fiir die technische und künstlerische Entwickelung geworden ist. Fiir die Technik insofern, als es den Blockbau, wie er noch heute im Alpengebiet sich findet, und den Ständerbau, den man z. B. im Spreewald beobachten kann, bedingte. Fernerhin wurde durch das Material das Schmuckbedürfnis in eigenartige Bahnen geleitet. Die Ausladungen und Auskragungen, die Galerien-und Erkerbildung, die Schmuck­formen' der Giebelzeicheu, das Verzieren des Holzes durch Kerbschnittmuster, Fabeltiere u. ä., überhaupt die ganze eigenartige Holzarchitektur, auch die alter Städte denn die deutsche Stadt ist eine Tochter des deutschen Dorfes ist dadurch erst mögliche geworden. So ist die deutsche, Kunst eine Waldnmst von den Tagen an, seit denen wir sie kennen. Der deutsche Wald ist für das deutsche Leben von besonderer Bedeutung. Er ist es, der das nationalste Material von den ältesten Zeiten an lieferte, er, der unsrer Heimat schönster Schmuck ist. Die romanischen Völker kennen nicht den Reiz deutschen Waldes. Die klassischen Länder liegen ohne Wald unter brennender Sonnenglut. Selbst der Engländer hat feinen Wald geopfert. Aber das deutsche Land ohne Wald würde die schlimmste Verarmung bedeuten, die sich denken läßt. Der Deutsche ist mit allen Fasern seines Herzens mit dem Walde verknüpft. Mcht zum weiiigsten auch durch seine Kunst. Und dieser Zusammenhang ist es, der einem großen Teal der deutschen Kunst, vor allem auch dem deutschen Bauernhaus, etwas Traulich-intimes verleiht,

formen maßgebend blieb. Fernerhin können die HauK- urnen dadurch eine deutlichere Vorstellung erwecken, daß sie uns schon die beherrschende Stellung des Daches zeigen. Das hohe Dach in seiner alles deckenden, alles schätzender« Größe ist ja auch ein überaus charakteristisches Kennzeichen der deutschen Bauernhäuser geblieben. Diese Größe und Steilheit ist bedingt durch die heimatlichen Wind-, Mgeu- und Schneeverhältnisse. Es ist aber zugleich das hohe Dach eine durchaus in unsere Heimat passende künstlerische Gestaltung. Die flachen Dächer gehören unter einen anderen; Himmel, sie sind Fremdlinge bei uns.

Wir sehen aus alle diesem, tote das altgermanische Haus vielerlei an unser heutiges deutsches Bauernhaus' vererbt. Einiges hat zu dessen Entwickelung daun auch die römisch« Bauweise beigetrageu. Durch sie wurdeu die Deutscher« erst mit dem Ziegel- und Steinbau bekannt. Darum ent­stammen denn auch die deutschen Worte für diese Art des Baues der lateinischen Sprache, z. B. Kalk, Ziegel, Mauer, Mörtel, Turm, Fenster, Söller. Aber die römische Bauweise ist doch nicht ohne weiteres übernommen worden. Mit der Zeit war zwar der Deutsche gezwungen, beim Neubau Hilfe zu suchen, da der Holzreichtum abnahm, aber man saßt« das Fremde doch nur als Anregung auf. Man kam vor allem dazu, einen festen Steingrund zu legen nach römischem Muster, aber für den weiteren Aufbau des Hauses erfand man eine Technik, die weder reiner Stein- noch reiner Holz­bau war: das Fachwerk. Schon dadurch, daß er eine rein deutsche Errungenschaft ist, hat er nationale Bedeutung. Aber er enthält auch! künstlerische Werte. Wundervolle Bauernhaus- und Dorsbilder geben solche Fachwerksbauten mit ihrem dunklen Gebälk und den hellgetünchten Zwischen­wänden, besonders wenn sie aus frischem Grün hervor- lugen. Die reizenden Farbenwirkungen, wie ebenso die dadurch gegebene Gliederung der Flächen berühren unser Äuge angenehm. Und wir müßten es als eine Verarmung der deutschen Landschaft empfinden, wenn er mehr und mehr verschwände. Es verlangt diese eigenartig-anheimelnde, zweckmäßige und dabei durchaus schöne uno ebenso billig« Bauweise dringend, erhalten und nicht durch schematische, armselige, nüchterne Backsteinkasten verdrängt zu werden, weil sie angeblich feuergefährlich und gesundheitsschädlich seien. Es ist eigentlich unverständlich, wie man ein durch den Gebrauch der Jahrhunderte geheiligtes Kulturgut so leicht hingeben kann, wie es geschehen ist. Cs zeigt uns gerade die Technik des Fachwerkes, wie der deutsche Bauer, der sein Bauholz selbst fällte, bearbeitete, fügte und schmückte, nichts unbesehen übernahm, sondern seiner Eigenart nach gestaltete. Und eben das ist der gesunde Zug der Bauern­kunst, der im deutschen Bauernhaus zum Ausdruck kommt und der für alle Kunst vorbildlich sein kann. Niemals verpflanzte der Bauer Fremdes unbesehen auf fein Dorf, er wählte aus und verarbeitete es nach Jeiner Weise, den Ansprüchen seiner Wirtschaft und der Heimat Rechnung tragend.

So entstand denn im Laufe der Jahrhunderte aus der besprochenen Grundform eine ganze Reihe Bauernhaus­typen, die für die einzelnen Gegenden charakteristisch sind. Sie zeigen in ihren Grundrissen vor allem, wie der Bauer nach und nach zu einer höheren Wohnungskultur kam. Wir finden die primitive Art des Zusammenwohnens von Mensch und Vieh in niederdeutschen Bauernhäusern, be­sonders in denPlaggenhütten" der Moorbewvhner, wäh­rend andere dieserEinheitshäuser", die zwar noch alle Räume unter einem Dachl vereinigen, bereits architektonisch die Räume für Mensch und Vieh trennen. Und weiter ent­wickelt hat sich der Wohntypus in Oberdeutschland, wo auch Küche und Wohnraum voneinander geschieden sind. In den Aufrissen spiegeln sich daun vor allen Dingen die Ein­flüsse der Ämdwirtschaft wieder. Diese nötigte im Gebirge Km Geschoßbau und brachte dort andere künstlerische Wir- ngen hervor als im Tiefland, das mehr Raum MM Aus- breiten gewährte.

Mer eines gilt für alle verschiedenen Typen: Sie bilden mit der Landschaft zusammen eine künstlerische Einheit. Sie sind in so engen Beziehungen zur engeren Heimat ent­standen, daß man sie nicht von ihr loslözen und verpflanzen kann. Dann bleibt nichts übrig als eine Karikatur, weil ihnen das beste genommen ist, das sie bedürfen: der Hemat- boden. Darum ist es ein Unding, sie anderswo aufzubauen. Eine solche Verpflanzung verträgt auch das deutsche Bauern­haus infolge seiner engen Beziehungen Mm Stammes-