Ausgabe 
26.11.1910
 
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Ur. 185

Samstag den 26. November

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lFortsetzung.)

(Nachdruck verboten.)

Friedel halb-süß.

Roman von Fedorvon Zabeltitz.

suchen, die Wirrnis zu lichten, in die der erkrankte Water das Geschäft gestürzt habe. Viel Hoffnung habe er nicht, fügte der Opa hinzu, aber jedenfalls könne man Lei ge­schicktem Lavieren der Gefahr eines Konkurses vorbeugen und dann immer noch in Ueberlegung ziehen, ob die Um­bildung in eine Gesellschaft notwendig sein werde.

Fritz wollte seine Reise um keinen Tag aufschieben. Er depeschierte nach Epernay: sein Vater befinde sich, in­folge geistiger Erkrankung in einer Heilanstalt, und zweifel­los sei auch der Brief vom 18. August bereits unter dem Einflüsse dieses Leidens geschrieben worden; zur Ordnung der Angelegenheit werde Fritz am Donnerstag persönlich nach Epernay kommen und bitte, mit den Herren Chefs des Hauses sprechen zu dürfen.

Mit dem Abendzuge fuhr er nach Köln. Im Augen­blick der Wfahrt sah er Kesselholz auf den Perron stürzen; der Prokurist brachte ihm noch einen Brief, auf dessen Adresse er die Handschrift der Frau Kommerzienrat er­kannt hatte.

Das war der Abschied von Schrattstein, Fritz wußte genau: auch dieser Brief der Mutter enthielt irgend eine Unannehmlichkeit Er steckte ihn in die Tasche; er hätte ihn am liebsten gar nicht gelesen. Aber schon im nächsten Augenblick zog er ihn wieder hervor und erbrach ihn. Margot schrieb noch immer aus Biarritz: zunächst ein paar Worte des Bedauerns über das Unglück chres Gatten. Sie klangen nicht herzlos; man konnte sogar etwas wie aufrichtiges Mitgefühl und wehmütige Stimmung herauslesen. Aber schon die nächsten Zeilen verwischten den Eindruck der Herz- lichkeit. Margot bat darum, die Trennung zu beschleunigen. Fritz habe ihr mitgeteilt, daß der Vater an Paralyse leibe, und das sei ihres Wissens eine unheilbare Krankheit, die an sich einen Scheidungsgrund gebe. Und nun fuhr Margot unbekümmert fort: sie warte nur auf diese Scheidung, um ihre Verlobung mit dem Marquis Pidal del Ramos Palacio bekannt geben zu können, einem liebenswürdigen Spanier^ dessen Lob sie sang; er sei Vizegouverneur von Pontevedrcch sehr wohlhabend, kinderloser Witwer und habe eine glän­zende Karriere vor sich.

Als Fritz dies las, schien ihm, als stehe seine Mütter leibhaftig vor ihm: mit ihrem immer noch schönen Kreo- linnengesicht und den dunklen Augen unter den dichten Brauen, dem hübschen sinnlichen Mund und der geschmei­digen Figur. Und ein Gefühl der Verachtung packte ihn. Nein, wahrlich er hatte nie eine Mutter gehabt diese Frau war ihm jedenfalls keine gewesen! Nun wollte er auch mit ihr abschließen. Sie hatte ihren Marquis ge­sunden mochte sie glücklich werden! Fritz nahm sich vor, sofort nach seiner Heimkehr bei Rittland eine Be­schleunigung der Scheidung zu beantragen. Und das sollte das letzte sein, was er für die Mutter tat.

Die Lokomotive pfiff, rasch und gellend, dreimal hinter­einander. Dann fuhr der Zug langsamer und hielt endliche Er hielt auf freiem Felde. Fritz öffnete, das Fender nuiÜ

, Bei Fritz war die anfängliche Entrüstung über den Brief seines Vaters einer eigentümlich freudigen Stim­mung gewichen. Dieser unsinnige Brief gab ihm Veran­lassung, bei den Miquelons vvrsprechen zu können, ohne sich selbst etwas zu vergeben; er war derplausible Grund", nach dem er noch gestern abend gesucht hatte; er war der Hebel, den er gebrauchen konnte, um sich zu einer Zeit, die eine volle Anspannung seiner Kräfte erforderte, von einem lästigen Druck zu befreien. Er besprach auch mit dem Opa die Angelegenheit. Der alte Mann hatte sich Unter dem Zwange der Situation scheinbar verjüngt. Er kam täglich in die Fabrik und nahm den Platz des Kom­merzienrats ein. Er war nicht ein Achtzigjähriger, er war wie ein Vierziger: trotz seines gichtischen Fußes noch rüstig, Und geistig von erstaunlicher Frische. Einen Augenblick hatte Fritz gezögert, ob es zweckmäßig sein würde, dem Opa offenherzig auch von den Vorschlägen Otto Span- nuths zu erzählen. Aber er überlegte: das war nicht nötig; es war zweifellos besser, zuvörderst das Nächst­liegende zu erledigen und dem kostspieligen Streit mit den Miquelons ein Ende zu machen. Das konnte in wenigen Tagen geschehen.

Der Opa war empört über den Brief des Kommerzien­rats. Er sprach sich anfänglich auch entrüstet gegen jeden Einigungsversuch aus. Der alte Haß brach wieder hervor. War nicht Herr Gottfried Hoch, der spätere Gatte der Veuve Miquelon, aus dem Hause Friedel hervorgegangen, und hatten die Miquelons nicht dem Nicodemus Kesselholz, dem Küfer der Friedels, das Geheimnis der Romuage einfach gestohlen? Wer Haß und Grimm klärten zu kluger Ueberlegung sich ab. Gewiß, es war schon richtig, man versuchte den Streitfall in Ehren beizulegen. Die ganze Sache war gründlich verfahren worden. Alle Beteiligten hatten töricht gehandelt: Fritz, dem es ein leichtes ge­wesen wäre,' sich von der Reise nach der Garnison ent­binden zu lassen, nm statt dessen bei der Ballontaufe in Uttenhooven persönlich anwesend zu sein Feßler, der sich um gar nichts gekümmert hatte und nicht am we­nigsten der Herzog von Weelen mit seinen schönen Ver­sprechungen, die nicht gehalten worden waren. Auf das Gründlichste hatte man die ganze Geschichte verfahren. Nun konnte man zusehen, wie aus der Patsche wieder heraus­zukommen war, zumal allem Anschein nach das Gericht nur die formale Seite der Frage berücksichtigen wollte, statt der Moral zum Recht zu verhelfen. Schließlich wurde der Alte ruhiger und beschränkte sich auf eine Reihe guter Ratschläge. Fritz solle in Gottes Namen nach Epernay fahren; Inzwischen werde er gemeinsam mit Kcsselholz per­