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tinb aus ihrem Fenster leuchtet mir das Abendlicht, das so viele liebe Erinnerungen in mir weckt.
Ueber mehr als ein halbes Jahrhundert, über last sechzig Jahre wandert mein Geist zurück zu jenem Frühlingsmorgen im lieblichen Wesertal, im altersgrauen Gymnasium zu Rinteln und meinem Stübchen, das ehedem eine Klosterzelle war. Da, mit dem Rieseln des Baches der Exter unter mir und dein Blick über die ivogende Blasse des Grüns bis zu den lernen Bergen der Süntelkelte schrieb ich auf das, erste Blatt eines kleinen Buches die Verse:
Dem Alaune, dem vor allen Der Wald der Sage rauscht, Ter in beit hohen Hallen, Drin deutsche Helden wallen, Den Geist der Vorzeit hat belauscht —
Der Mann war Jakob Grimm, und das kleine Buch enthielt die Dichtung im Nibelnngenversmaß „Dornröschen", die ich während des leisten Jahres meiner Gymnasiastenzeit versaßt hatte. Lange trug ich sie, wie ein süßes Geheimnis, mit mir herum, ich schrieb darin in den Winternächten, wenn meine Schularbeit getan war, ich schrieb daran an den Sommertagen, den glücklichen Juliserien, anl den heidebewachsenen Hügeln meiner Heimat, bis endlich nach meinem ersten Heidelberger Semester das Büchlein wirklich int Truck erschien. Das erste Exemplar ging nach Berlin, an Jakob Grimm, dem es gewidmet rvar, und dies ist der Anfang meiner persönlichen Beziehungen zu dem Hause der Grimm. Denn die begeisterte Verehrung für beide Brüder war sozusagen eine Tradition unserer Schule. Wir wuchsen darin aus; sie standen unserem Empfinden näher als irgendwelche Großen jener Zeit. Waren sie Nicht Hessen wie wir selber? Und in keinem deutschen Volksstamm vielleicht ist dies Gefülst der Zusammengehörigkeit stärker als in dem hessischen. Daß Grimms Märchen die Wonne unserer Kinderstube gewesen, ist nichts Besonderes, denn jedes deutsche Kind hat sie geliebt, wird sie lange noch lieben. Aber wir, in den oberen Klassen, hatten auch diejenigen ihrer wissenschaitlichen Werke gelesen, die unserem Verständnis einigermaßen zugänglich waren, Jakob Grimms „Deutsche Mythologie" und Wilhelm Grimms „Deutsche Heldensage"; wie ein Doppelgestirn, zu dem wir auf- schauten, standen die beiden über unseren jungen Jahren.
So geschah es, daß Fräulein Auguste Grimm, als ich ihr, im Sommer 1853, in einem befreundeten Kreise unserer Landesuniversität Marburg begegnete, mir nicht wie eine Fremde vorkam. Wie reizvoll war die Umgebung — der Schloßberg, das Haus, in dem Savigny gewohnt hatte, der Turm, den Bettina berühmt gemacht. All diese Fäden vereinten sich in der jugendlichen Phantasie; und besser hätte ich im daraus folgenden Winter, dem von 1853 aus 54, in das Haus ihrer Eltern und ihres Oheims nicht emgeiührt iverden können als durch die Tochter des Hauses. Wie kalt und kahl erschieit mir Berliit, als ich es an einem trüben Oktobertag zuerst betrat; mit welchem Bangen näherte ich mich dem Hause Nr. 7 in der Linkstraße, und wie warm wurde mir mit einem Male zumute, als ich in dem behaglichen Zimmer des zweiten Stockes mich inmitten meiner Landsleute befand I Denn dieses Geiühl übertönte momentan jedes andere, als Sie vertrauteil Lauie der guten hessischen Mundart an mein Ohr klangen. Die würdige Frau Dorothee, der ich von ihrer Tochter, Fräulein Auguste, vorgestellt wurde, empfing mich; bald kant auch Wilhelm Grimm herein — eine hohe Gestalt, an die mich in späteren Jahren die seines Sohnes Hermann auffallend erinnerte. Zuletzt folgte Jakob Grimm, der Onkel, der „Herr Hoirak" — kleiner von Statur, gedrungener, beweglicher, mit leuchtenden Augen. Wie er nun vor mir stand, der so lang und aus weiter Ferne Verehrte — wie er mir die Hand drückte, mich willkommen hieß, da schwand jede Befangenheit, und ich hatte nur das eine Empfinden, des Glücks dieser Stunde teilhaftig geworden zu sein. Und war es dem» nicht ein Glück für den kaumZiveiniidzwaiizigjährigen, einen Eindruck empfangen zu haben, der in der Seele des fast Achtzigjährigen noch immer so lebenSig ist?
Noch eines Abends erinnere ich mich, an dem ich in diesem mir so gastlich geöffneten Hause eine junge Dame kennen lernte, eine schlanke, anmutige Erscheinung, mit geistvollen Zügen und ungewöhnlicher Originalität in der Unterhaltung: es war Gisela von Arnim, die Tochter Bettinas und nicht lange darnach die Gemahlin Hermann Grimms.
Als ich dann nach manchem Jahr wieder und nun für immer nach Berlin zurückkehrte (1859), war Wilhelm Grimm nicht mehr unter den Lebenden, und Jakob sah mir noch vier Jahre lang aus seinem Arbeitszimmer in das vereinsamte, leere des Bruders.
Was Hermann Grimm seit dem Wiederbegegneii, und nicht nur als freundlicher Nachbar, mir geworden, das steht in den Bänden der „Deiitschen Rundschau" verzeichnet. Dahin gegangen ist Gisela Grimm — sie hat ihre letzte Erdenstätte an dem Orte gefunden, bet beiden teuer war, in Florenz, unter den Lorbeerbäumen des Friedhofs „AgF Allori“. Dahmgegcmgen ist Hermann Grimm, der seit neun Jahren mm schon neben dein Vater und dem Oheim auf dem Matthäikitchhof ruht. Aber etwas von ihm scheint noch zu leben in den Räumen, in denen er gewohnt hak, — in dem schattigen Hinterzimmer, aus dem man auf die Gärten der Regentenstraße lieht; in den Vorberzimmerii, mit dem Blick a«f
den Matthäikirchplatz und jener Reihe von Fenstern, atts bereit einem an jedem Abend das Lichllein schimmert, das mich an ihn und alle die erinnert, die nicht mehr finS,
Vermischte».
I * V o m Klavierspiel. Ueber die Schnelligkeit deff I S inneseindrücke und die Raschheit der Bewegungen beim Klaviers I spiel ergab nachfolgende Mitteilung, die auf einer MnsikerkonferenK I in Dublin gemacht wurde, interessante Aufschlüsse. Demnach muß I bei genügender Geläufigkeit im Spiel das Auge des Ansfühvendest I imstande sein, 1500 Noten in der Minute zu leseir, während seine I Finger gleichzeitig 2000 Bewegungen machen; das ergibt eines I Tätigkeit des Gehirns, die 3500 Einzelmomente pro Minute,um- I faßt. Bei der Wiedergabe eines Klavierstückes von K. M- v. Weber I handelt es sich z. B. darum, in 3% Minuten 4541 Noten zu I lesen; in einem Teil einer Chopinschen Etüde wurden sogar nicht I weniger als 3950 Noten in 2yä Minuten „bewältigt". Es folgt I aus diesen Zahlen, daß der Spieler in einer Sekunde stets eines enorme Anzahl von musikalischen Zeichen (über 20!) gleichzeitig sieht und wiedergibt.
* seitens. Dieses in den Kanzleien gebrütete Verhältniswort .greift immer mehr um sich; dadurch entsteht ein scheußlicher Stil. Einige Bespiele: 1. „Ich möchte sie meinerseits nicht missen" -- wo das „meinerseits" meist überflüssig ist oder durch „auch", „gleichfalls" oder nur durch schärfere Betonung des „ich" ersetzt werden kann. —i 2. „Für die Annahme von Orden seitens auswärtiger Souveräne soll eine Taxe von 100 bis 1000 Mk. erhoben werben" — ganz undeutlich! wer zahlt denn? die Souveräne etwa? — 3. „Seitens des Bürgermeisters wird festgestellt, daß
— kürzer wäre doch: Der Bürgermeister stellt fest. —- 4. „Bei dem Verkauf von Zuchtstieren seitens des Kreises sind seitens des Schauamts die nachbetzeichneten Stiere gei kört worden" — durch den Kreis, vom Schanämt; aber, weshalb überhaupt „sind gekört worden" statt „hat das Schauamt die und die Stiere gekört"? Wer spricht denü so? Memand. 1— Aber schreiben? Leider Zehntausende.. Diese Sucht, in der Leideform zu schreiben, macht auch den Leser leiden. — 5. „Eine Entgegnung ist seitens der Bereinigung erfolgt" —■ weshalb denn nicht: „Die Bereinigung entgegnete"? . 6. „Alle Belebungsversuche seitens der Krankenschwester und Chirurgen blieben erfolglos" — besser, Krankenschwester und Chirurgen machten Belebungsversuche — leider erfolglos" oder „die leider erfolglos waren". — 7. „Es ist seitens der Regierung darauf hingewiesen worden". — 8. „Es ist nun auch seitens verschiedener Redner gesprochen worden". ■— 9. „Diese Berechnungen sind seitens der Verwaltung aufgestellt worden." — 10. „Wenn von feiten der Regierung nicht auf alle Wünsche geantwortet wird." — In den meisten Fällen genügt „von", und noch besser werden die Sätze statt in der schwerfälligen Leideform in der lebendigeren Tatform gegeben: Die Verwaltung hat diese Berechnung ausgestellt; Wenn die Regierung nicht auf alle Wünsche antwortet, usw. usw.
* Krach. Die Küchentreppe herunter fiel das Servierbrett mit dem gesamten Geschirr von der Mittagstafel. Im Eßzimmer saßen der Ehemann und seine Frau und starrten sich sprachlos an. Tann stürzte die Frau zur Tür hinaus. „Johanna, Johanna!" rief sie, „was haben Sie getan?" — Johanna lächelte. „O, gnä' Frau," antwortete sie, „es ist nur das Geschirr, gnä' Fran,^ Wie gut, daß ich es noch nicht ausgewaschen hatte!"
Rätsel.
Mein kleines Wort, das drei Zeichen dir sage». Zeigt einen Vogel aus uralten Tagen.
Und fetzest dem Wort du ein „K" noch voran, So fängts ohne Flammen zu brennen an.
Nun tausche das Haupt gegen „S, c" und „h*: Sogleich ist ein seltsamer Bursche da.
War einst nur ein Knecht, doch man haßte ihn sehr, Er meiuts aber heut gar so böse nicht mehr.
Auflösung in nächster Nummer.
Auflösung bet Schach-Ausgabe in voriger Nummer: Weiß. Schwarz.
1) v g 8 — d 5 f K c 6 n. d 6 ob. A.)
2) K a 4 — b 5 e 7 — e 6.
3) L e 8 - b 7 f und Matt.
A)
1) ...... K o 6 — b 6.
2) D d 5 — b 7 f K b 6 — c 5
3)Db7 — b 5 f und Matt.
Redaktion: K. Neurath. - Rotationsdruck und Verlag bet Briihl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei, R. Lange, Gießen.


