Ausgabe 
26.10.1910
 
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Küsilier ttutschke.

Eine Erinnerung von Gustav U h t.

Wer ist beim das, der Füsilier Kutschke? So wird heute sicherlich schon mancher fragen, der diese Zeilen' liest, und vor vierzig Jahren war der Füsilier Kutschke eine der populärsten, Persönlichkeiten des ganzen großen Krieges, populärer als Napo­leon und Mac Mahön, ja als Bismarck und Moltke! Wenn sein Name genannt wurde, so verklärten sich aller Mienen zu einem heiteren und behaglichen Lächeln, .und als in dem Städtchen Frankenberg in Sachsen angeregt wurde, ihm' eine Liebesgabe! LU verehren, da kam schnell ein nettes Sümmchen zusammen., Vs kamen auch goldene Uhren und Ringe, und die Fama wußte sogar zu erzählen, ein reiches Erbfräulein habe ihm 'ihre Hand angeboten freilich unter dem Vorbehalt, daß Kutschke zuvor feine Photographie einseuden solle.

Um es gleich von vornherein zu sagen: einen Füsilier Kutschke hat es überhaupt nicht gegeben! Jedermann erzählte, daß der Füsilier Kutschke im 40. Regiment stehe, und an dies Regi­ment wurden denn auch die oben erwähnten Liebesgaben gesandt., Aber eines schönen Tages erhielt der Bürgermeister von Frankcn- herg folgendes Schriftstück:

Fleury, deu 21. Oktober 1870.

Die allgemeine Beliebtheit, deren sich Kutschke in der Presse erfreut, besonders aber Ihr freundliches Anerbieten wurden Ber- änlassung zu Recherchen nach seiner Person, die das Resultat ergaben, daß er im Regiment nicht existierte. Die vielen Verluste, die einen großen Teil der Mannschaften in alle möglichen Lazarette Deutschlands führten, machten diese Recherche, die sich Nus die Frage, ob Kutschke- ein Spitzname irgendeines Mannes gewesen, erstrecken mußten, zu einer sehr weitläufigen usw.

v. Reinicke, Oberstleutnant.,

Also, cs wurde behördlich fcstgestellt, daß ein Füsilier Kutschke Nicht existierte. Und doch, war er berühmt als der Versasser des Nach ihm benanntenKutschkeliedes", das weit und breit mit Begeisterung gesungen wurde:

Was kriecht denn da int Busch herum, Ich glaub' es ist Napolium.

Als Verfasser mit Verlaub, auch das stimmt nicht, denn die hier angeführten Verse, mit denen das vielgesungene Scherz­lied begann, waren schon lange Jahre vorher bekannt und ge­hören zu dem Sange von der Krähwinkler Landwehr, der seinen Ursprung in Süddeutschland hat und durch allmähliche Zudi.cH tungen im Laufe der Generationen auf einige vierzig Verse an- geschwollen war. Wenn dies Lied int geselligen Kreise äuge- stimmt wurde, so sang der Chorus:

Immer langsam voran, immer langsam voran, Daß die Krähwinkler Landwehr nachfolgen kann, stnd den nun folgenden zweiten Teil mußte einer der Gesellschaft als Solo vortragen. Waren nun die bekannten Verse zu Ende, so wurde improvisiert, und solch ein zugedichtetes Einschiebsel waren auch die Spottverse aus Napoleon, der in den sechziger Iahten ja in der Politik bei allen großen Angelegenheiten seine Hände im Spiel hätte. Diese Spottverse waren, wie schon gesagt, jn Süddeutschland wohlbekannt, aber in den Begeisterung durch- glühten Zeiten des Nationalkrieges gegen Frankreich wurden sie allgemein bekannt doch erst durch das D! ahei m. Und! das kam so.

Es war in jenen schwülen Julitagen des glorreichen Jahres, als alles in peinlichem Bangen dem Ausbruche des Krieges ent- gegcnharrte. Schon wechselten an der Grenze bei Saarbrücken die Vorposten die ersten Schüsse, schon war Blut geflossen. Auf die kleine Schar vom 40. Regimenttzohenzollern", die den schweren Grenzdienst mit so viel Tapferkeit und Geschick besorgte, schaute damals das ganze Vaterland. Jeder glaubte, dort würde der erste große Zusammenstoß erfolgen, dorthin sandten die deut­schen Zeitungen ihre Korrespondenten. Auch der Berichterstatter des Daheim zog damals über Trier in das liebliche Saartal., Er schlenderte mit den Patrouillen der Vierziger umher unb' schilderte seine Eindrücke. Das Manuskript dieses Aussatzes war am 2. oder 3. August in der Redaktion (die Leser werden gleich feljen, warum dies Datum so genau bezeichnet werden muß!). Da das Daheim mit seiner sehr hohen Auflage aber lange Zeit zum Drucken braucht, so konnte er erst in der Nummer 46 er­scheinen, die das Datum des 13. August 1870 trägt. Dort nun tst wörtlich folgendes zu lesen:

Unfern braveit Vierzigern ging der Kalauer nicht aus. Links vom Wege, der an der Saar sich hinzieht, lag ein kleines! Holz. Es wurde abgesucht. Die Spürkraft der Augen ist ver­doppelt, der ganze Mensch scheint Ohr und rückt vorsichtig vorwärts.. Da raschelt etwas freudige Erregung blitzt durch die Gesichter, haben wir den Feind? Aber es ist nichts, und nur Füsilier! -Kutschke Macht die schlechte Bemerkung:

Was kriecht denn da im Busch herum, Ich glaub' es ist Napolium."

Tie zahlreichen Aufsätze dieses Berichterstatters siird von den Lesern des Daheims damals ausnahmslos verschlungen roorben.- Ganz besonbers aber packte dieses so anschaulich hingeworfene Wild, und dieKreuzzeitung" fühlte sich veranlaßt, die ZeUenj jn ihrer Nummer vom 14. August nachzudrucken. Durch eine Mefxp beiden Veröffentlichungen lernte dte Scherzworte auch her,

Pastor und Präpositus Hermann Alexander Pistorius in Basedow bei Malchin in Mecklenburg kennen. Er war ein humorbegabter- fröhlicher Herr von erstaunlicher Versgewaudtheit, dazu alter! Soldat (er hatte bei den Sechsuudzwanziger gedient), und so regte ihn, die Bemerkung an, das Lied zu erweitern und fertig zu dichten., Seine Verse erschienen in derRostocker Zeitung" und wurden viel belacht. Die Redaktion desRheinischen Kurier" fügte nach eine Strophe hinzu, und in dieser Form wurde das Lied nun! von unzähligen Zeitungen nachgedruckt und nahm geradezu einen,' Weltlauf. Am 7. September erschien dann imBerliner Frem­denblatt" ein zweites Kutschkegedicht, das diese Zeitung angeblich durch Feldpostkärte empfangen hatte. Bei dieser Gelegenheit wurde dem Füsilier Kutschke auch zum ersten Male ein Vorname beigelegt, und unter dem Namen August Kutschke nahm dies! zweite Scherzgedicht wieder seinen Weg durch alle beuttoen Zei­tungen. Dasselbe war der Fall mit sieben weiteren Kutschke- liedcru (das letzte vout 5. März 1871), die sämtlich von dem! damaligen Redakteur desBerliner Fremdeublattes" G. Schenck herstammten, dem späteren Besitzer der Buchhandlung R. von Deckers Verlag in Berlin.

Außer den bis jetzt genannten Kutschkeliedern gab es übrigens! noch andere, die mehr im verborgenen blühten, aber auch ihr« begeisterten Liebhaber hatten. Ich meine besonders das eines! Soldaten Hofstnanu aus See bei Niesky. Er war übrigens nicht! Füsilier, sondern Grenadier und gehörte nicht zum 40. Regiment, sondern diente im 1. westpreußischen Regiment Nr. 6.

Hoffmann hat die damals schon in weiten Kreisen bekannten! Verse:

Was kriecht denn da im Busch herum, Ich glaub' es ist Napolium

uach seiner Versicherung nicht gekannt, sondern hat sie am; 3. August abends zwischen elf und ein Uhr vor Weißenburg selbst gedichtet. Das ist, so seltsam es klingt, wohl zu glauben und sehr leicht möglich, denn ähnlicheDoubletten" kommen gar nicht so selten vor. Diese Verse sind ja auch wirklich nicht geistreich, sondern nur scherzhafte Erzeugnisse eines fröhlichen, Humors. Dieser ehemalige Grenadier Hoffmann hat nun Jahrzehnte später den Namen H of sm a nn-Kut schke angenommen. Wie er dazu gekommen ist, ist nicht recht erfindlich. Die berühmt ge- wordeneu Zeilen auf Napolion mag er neu gedichtet haben, ob­gleich sie schort existierten. Aber auf den Namen Kutschke hat er nicht den geringsten. Anspruch, beim den Namen Kutschke hat der Berichterstatter des Daheim frei erfunden, das steht urkundlich fest!

Warum dieser Berichterstatter des Daheim trotz aller Auf­forderungen, die Maske vom Gesicht zu nehinen, bis heute un­genannt geblieben ist, verdient ein Wort der Erklärung. Ers lebt heute noch und ist ein berühmter Gelehrter geworden; aber er legt auf die Lorbeeren des Journalisten, die er im Kriege.1870 mit seinen Schlachtberichten und der Erfindung des Zkutschke 'errungen hat, nach Gelebrtenart keinen Wert. Originell ist übrigens, wie dieser Herr dazu gekommen ist, gerade den Namen Kutschke zu wählen. Wenige Monate vor der Mobilmachung ging er über die Leipziger Messe und schritt auch die schier endlosen! Budengassen ab, in denen die Schuhmacher ihre Waren feil Boten. Da fielen ihm an einer Ecke drei Firmenschilder auf, die sämtlich in schön verschnörkelter altmodischer Schrift den Namen Kutschke aufwiesen. Dieser Name erregte im Augenblick seine Lachlust. Warum? Er hätte es gewiß nicht sagen können, denn auf der! großen Leipziger Messe waren sicher komischere Namen Vertreten-i Genug also, der Name Kutschke reizte ihn zum Lachen; er giugj an die Buden heran, kaufte ein Paar Stiefeln, biederte sich mit den freundlichen Meistern an und vergaß die ganze Sach«, Als er dann am ersten Tage des August jenen Bericht über den Zug des 40. Regiments durch das Saartal schilderte, flocht er die Reminiszenz von dem im Busch Hxumkriechenden Napoleon! ein und legte dem die Worte aussprechenden Füsilier den Namen Kutschke bei. Das ist der Zusammenhang.

Das Kutschkelicd hat damals übrigens auch die Gelehrten! beschäftigt, und zwei auch Hute noch ganz interessante.cheü aus jener Zeit legen Zeugnis davon, ab. Das eine führt den! Titel:Das Kutschkelied auf der Seelenwanderung. Heraus­gegeben zum Besten der deutschen Jnvalidenstistung von Wilhelm! Ehrenthal (Leipzig 1871, F. A. Brockhaus)", das zweite abep heißt:Das Kutschkelied vor dem Unterfuchuugsrichker. Bon Hermann Grieben (Berlin 1872, Franz Lipperheide)," Aus sitz einzugehen, würde hier zu weit führen.

3m Hause der Grimm.

Bon Julius R o d e n b e r g (Berlin). *)

An jedem Abend seh ich in einem Fenster des Hauses gegen­über ein Lichtlein schimmern, das mir, mehr als jedes andere, von Dingen der Vergangenheit erzählt. Das Hans steht am Matthäi- kirchplatz und in ihm wohnte jahrzehntelang Hermann Grimm, wohnt jetzt noch seine Schwester Auguste, die letzte der Grimms,

*) Aus dem ersten Oktoberhest der bekannten Halbmonatschrist Das literarische Echo" (Herausgeber Dr. Joses Ettlingcr, Verlag Egon Fleischet u. Co., Berlin), die damit ihren 13. Jahrgang eröffnet. .